Nichts ist politischer, als unpolitisch zu sein

Nichts ist politischer, als unpolitisch zu sein – Aktivismus

„Ich bin nicht politisch“, höre ich immer wieder.
„Ich bin nicht politisch“, sagte auch die Frau, die die Türo schloss und so tat, als hörte sie nichts, als die jüdischen Nachbar*innen in der Nacht geholt wurden.
„Ich weiß nicht, was mit ihnen passiert ist“, erklärte der Mann, der sah, wie Menschen abtransportiert wurden.
„Niemand hat uns gesagt, was da drinnen los war“, meinte der Bürgermeister des Ortes, in dem ein Konzentrationslager lag.
„Ich habe mich nicht getraut, etwas zu sagen“, fasste die Lehrerin zusammen, als der Zug der Häftlinge von Ausschwitz weggetrieben wurde, in den Tod, in diesen Tagen vor 80 Jahren.
„Ich wollte doch nur überleben“, resümmierte der Mann, der daneben stand, als Jüd*innen gezwungen wurden, mit der Zahnbürste die Straße zu putzen, als jüdische Geschäfte zerstört und geplündert wurden.
„Ich konnte doch nicht ahnen, dass die Wohnung ihnen weggenommen wurde“, sagte der Mann, der mit seiner Familie in einer arisierten Unterkunft lebte.
Denn sie waren unpolitisch, alle. Und schließlich waren nicht alle Helden, die sich gegen ein Regime auflehnten. Doch auch dieses Regime war nicht von heute auf morgen da. Es bereitete sich vor – und der Humus zu dessen Wachstum war die Lethargie, vielleicht auch die Angst derer, die meinten unpolitisch zu sein.

Unpolitisch zu sein, bedeutet die gesellschaftlichen Entwicklungen ignorieren, mitzuschwimmen mit denen, die es einem leicht machen, die einem das Blaue vom Himmel herunter versprechen, ohne auch nur im Ansatz zu wissen, wie es eingelöst werden soll. Was allerdings daneben gesagt wird, wird ignoriert.
„Wir schmeißen die Flüchlinge hinaus“, wird versprochen, „Damit Eure Frauen und Töchter nicht mehr vergewaltigt werden.“ Gemeint ist, wir wollen niemanden, der nicht ins Bild passt und unsere Frauen und Töchter, mit denen tun schon wir, was wir wollen, verbannen sie im Haus, nehmen ihnen die Stimme und vergewaltigen sie selber, so wie es früher war.
„Wir unterbinden die Lügenpresse“, tönen sie. In Wahrheit geht es darum, alle mundtot zu machen, die nicht ihre Meinung vertreten, wie es jetzt schon in anderen Ländern geschieht.
„Wir halten die Familie hoch“, wird verkündet. Gemeint ist, dass alle, die nicht ins Schema passen, wie Homosexuelle, Transsexuelle etc., Frauen, die keine Kinder haben wollen oder die die Karriere der Rundumbetreuung des Mannes vorziehen, entweder sich ändern müssen oder ebenso aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden.
„Wir sind für Leistung, die auch entsprechend honoriert werden soll“, erklären sie. Tatsächlich geht es darum, Menschen, die aufgrund einer Behinderung oder einer Erkrankung nicht leistungsfähig sind, ausgeschlossen werden, dass man auf Menschen, die ein Schicksalsschlag aus der Bahn in die Arbeits- und Obdachlosigkeit geworfen hat, auch noch drauftritt.
„Wir sind für Tierschutz, denn wir sind gegen das Schächten, was doch übelste Tierqual ist“, versprechen sie. In Wahrheit geht es nicht um die Tiere, sondern um das Unterbinden einer – zugegebenermaßen – massiv grausame Art mit unseren Mitgeschöpfen umzugehen, weil man damit gegen Jüd*innen und Muslime vorgehen kann. Der Rest an Tierqual wird nicht nur toleriert, sondern gefordert, denn das Essen von Schweinefleisch und damit die Ausbeutung von Schweinen ist nicht nur erwünscht, sondern gefordert, weil es uns ebenfalls von den Angehörigen der zwei anderen, großen monotheistischen Religionen trennt.
„Wir wollen die Welt übersichtlich, einförmig und verlässlich“, meinen sie, „So wie es immer schon war.“ Und präferieren damit einen Ausschluss allen, was sich nicht stringent der Norm anpasst. Ein bunter Zebrastreifen ist nicht zu tolerieren, bloß Einheitsbraun.
„Wir brauchen keine NGOs, die gegen die Regierenden hetzen und Steuergelder nehmen, deren Gebrauch sie nicht offen legen müssen“, lügen sie, ohne sich anzustrengen. Verschwiegen wird, dass Kritik ein Korrektiv sein kann, die erlaubt sein muss. NGOs, die ihre Aufgabe ernst nehmen, hetzen nicht, sondern zeigen die Folgen einer verfehlten Politik auf. Sie bekommen keine Steuergelder, sondern werden durch Spenden finanziert. Natürlich kommt dann auch, dass nicht mehr an sie gespendet werden darf.
„Wir treten für den kleinen Mann ein“, behaupten sie, „Allerdings nur für den fleißigen.“ Gemeint ist, dass Sozialleistungen auf ein Minimum gekürzt werden, Menschen, die nicht ins Bild passen, das sie sich machen, wie Alleinerziehende, ausgehungert werden, Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, um ihre Pension betrogen werden, indem sie gekürzt wird und alles den Reichen zugeschoben wird, also jenen, die tatsächlich fürstlich von Einkommen leben, für die sie keinen Finger krumm machen.
„Wir werden den Klimawahnsinn abschaffen“, versprechen sie. Und in Wahrheit tun sie alles dafür, dass die Natur, die Artenvielfalt und die Zukunft vernichtet werden.

Wer konservativ, reaktionär wählt, bekommt die Vernichtung der Vielfalt, der Frauen- und Menschenrechte, der Tierrechte, der Meinungsfreiheit und der Individualität.
Wer meint unpolitisch zu sein, unterstützt diese Entwicklung durch seine Lethargie und Naivität. Er muss hinnehmen, was kommt. Auch einen Todesmarsch, allerdings von Flüchtlingen, die wir verschuldet haben. Auch durch die Ansicht, unpolitisch zu sein.
Umso mehr angeblich unpolitisch sind, sich von populistischen Parolen einlullen lassen, desto leichter wird es, all die Errungenschaften einer pluralen Gesellschaft zugunsten einer lebensfeindlichen Gesinnung zu vernichten.

Deshalb ist es so wichtig, wie schon lange nicht mehr, aufzustehen und für unsere Rechte einzutreten, sie zu verteidigen gegen einen rechts-reaktionär-faschistischen Despotismus. Es ist zwar schon spät, aber noch nicht zu spät, den Faschismus wieder zu verbannen, aber diesmal nicht nur unter das Deckmäntelchen der Demokratie, unter dem er seit 80 Jahren schlummerte, sondern endgültig auszulöschen, aus den Herzen und den Köpfen.

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