Kinder (3)

Kinder (3) – Alle Geschichten

Alexander hätte, wenn er denn gewillt gewesen wäre, zum ersten Mal eine Lektion gelernt, die nicht von Lehrer*innen oder Erzieher*innen vorgegeben und dementsprechend homöopathisch dosiert war, sondern vom Leben, das ihm zeigte, es gäbe Menschen, die durch Anstrengung zu Erfolg kamen und nicht, weil ihnen der Weg durch das Geld der Eltern geebnet worden war. Doch noch war er nicht so weit. Es musste noch mehr passieren. Nachdem Florian sein Spiel geendet hatte, lud er Alexander ein, mit ihm zu spielen. Dieser haderte mit sich und dieser unvermuteten Lage, dass er verneinte. Florian versuchte es einige Zeit später noch einmal und auch ein drittes Mal, denn wenn er was gelernt hatte, dann war es Hartnäckigkeit.

Der Herr Professor hatte ihn nicht einfach so aufgenommen. Ob er denn ein Klavier zu Hause hätte, auf dem er üben könne, hatte er abschätzig bemerkt. Das hatte Florian verneint, aber er könne bei einer Dame, die im Haus wohne üben, wenn er ihr den einen oder anderen Botendienst erwiese. Da war er dagestanden, der Herr Professor und konnte nicht glauben, dass ein kleiner Mensch, den man eigentlich, in seinen Kreisen zumindest, vom Leben fernhielt, so gut es ging, in der Lage war, sich das, was er wollte quasi zu organisieren. Außerdem zeigte er, dass er Einsatzfreude besaß. Das imponierte dem alten Herrn. Bald schon lud er ihn ein, bei ihm zu Hause zu üben, denn wenn dieser Junge – und davon war er überzeugt – ein erfolgreicher Pianist werden würde, dann würde auch sein Name mit ihm im Zusammenhang stehen. Als einen zweiten Sergei Rachmaninoff, zur Not auch Vladimir Horowitz würden sie ihn handeln. Und er, der Herr Professor, wäre es gewesen, der ihn entdeckt haben würde. Natürlich überzeugte den Lehrer aus Leidenschaft auch sein Spiel. Dazu kam ein offenes, freundliches Wesen, das man gerne unterschätzte. Florian hatte gelernt, für das einzutreten, was er wollte und war gewitzt darin, einen Weg zu finden, es auch zu erreichen. So gelang es ihm auch, Alexander umzustimmen und so spielten sie vierhändig. Florian fragte ihn, ob er nicht auf einen Kakao und Kekse mitkommen wolle. Schließlich wohne er, Florian, gleich um die Ecke. Alexander entgegnete, dass das nicht ginge, da sein Kindermädchen warte und ihn im Auto nach Hause begleite, ohne Umwege, wie seine Eltern immer betonten zu sagen. Florian schüttelte ungläubig den Kopf, als er erfuhr, dass Alexander keinen Schritt selbständig tat. Wie käme er denn sonst hierher, schließlich war er noch zu jung, einen Führerschein zu haben. Florian meinte, er könne doch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Ungläubig starrte Alexander ihn an. Noch nie in seinem Leben wäre er auch nur auf die Idee gekommen, Bus, Bahn oder ähnliches zu benutzen. Seine Eltern würden es ihm auch strikt verbieten. Mit all dem Pöbel in einem Wagon, das ging nicht. Die hatten sicher Läuse und Flöhe, Ekzeme und ansteckende Krankheiten. Schließlich waren die hygienischen Bedingungen in der Unterschicht miserabel bis inexistent. Das Bild, das Alexander von denen da unten, wie seine Eltern es auszudrücken pflegten, entsprach in etwas dem der beginnenden industriellen Revolution und keineswegs den Tatsachen. Je mehr er darüber nachdachte, während Florian ihm gegenüberstand, desto mehr wurde ihm bewusst, dass es höchste Zeit war, etwas zu wagen, sich aus der Wohlbehütetheit heraus zu begeben und so etwas wie ein Abenteuer zu erleben. Das nächste Mal, so versprach Alexander Florian, würde er eigenständig hierherkommen und dann seine Einladung annehmen. Es war höchste Zeit, sich zu befreien. Florian zeigte sich erfreut und verließ das Gebäude, während Alexander von seinem Kindermädchen zum wartenden Auto geleitet wurde, wo ihm der Chauffeur bereitwillig die Türe öffnete. Zum ersten Mal in seinem Leben fühte sich Alexander nicht wohl dabei, sondern bevormundet und überwacht. Als er es tatsächlich schaffte, seine Eltern mit seinem Anliegen zu konfrontieren, war ihre Erwiderung eine klare Absage. Nie würden sie es erlauben, dass er sich mit dem gemeinen Volk gemein mache. In jedem anderen Fall hätte Alexander klein beigegeben, aber hier und jetzt wollte er es. Er spürte, es wäre seine Chance, endlich tatsächlich zu lernen, mehr zu werden. Das würde er sich nicht nehmen lassen.

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