Verpasst

Verpasst – Alle Geschichten

Madita zog die Beine an und wand die Arme herum, wie sie es immer tat, wenn sie sich verloren fühlte, aufhörte sich zu spüren. Bewusst atmete sie ein und aus. Tief ein und lange aus. Es geschah öfter, dass sie sich in solch einer Stimmung befand, doch selten so intensiv. Die Verlorenheit und Verlassenheit hatten sie erfasst und eingenommen, inmitten der Weite der Welt mit ihren Möglichkeiten und ihren Gedanken, die in alle Richtungen davonstoben und sich nicht fokussieren wollten. Sie hatte es sich ausgesucht, sich dafür entschieden, hatte sie immer gedacht, aber vielleicht auch nur, weil sie keine andere Möglichkeit sah, die es doch gab, die es immer gibt.

Am Anfang des Lebens ist es, als wäre man auf einem Bahnhof gestellt worden, einen Bahnhof mit unübersichtlich vielen Gleisen und auf jedem Gleis steht ein Zug, den man nehmen kann, doch man muss sich für einen entscheiden. Als der erste fuhr, dachte sie, ich warte noch, das war noch nicht der richtige. Der nächste fuhr. Sie wartete, auch auf ihre eigene Entscheidung, die doch kommen musste. So fuhr ein Zug nach dem anderen weg, bis nur mehr zwei da waren. Da endlich entschloss sie sich, einzusteigen. Es war nicht der schlechteste gewesen, war sie überzeugt, doch immerzu quälte sie der Gedanke, ob es nicht einen besseren hätte geben können. Bis sie ihn aufgab und sich einrichtete in der Entscheidung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte, in der Entscheidung und in ihrem Häuschen am Rand des Waldes. Künstlerin war sie geworden und malte, konnte sogar davon leben, recht und nicht schlecht. Mit dem Gemüsegarten hinter dem Haus. Viele Menschen waren ihr begegnet, waren geblieben und wieder gegangen, doch den, den sie sich wünschte, der war nicht dabei gewesen. Da war es anders als mit den Zügen. Es gab immer eine neue Chance.

Dann kam er vorbei, dieser große Mann mit dem schwarzen, lockigen Haar, das er in einen Knoten gebunden trug und den Augen, die so dunkel waren, wie eine Nacht bei Neumond und ebenso sanft und verheißungsvoll. Lange hatten sie geredet und geschwiegen, gemeinsam geredet und gemeinsam geschwiegen.
„Ich wünschte mir einen Menschen, mit dem ich reden kann“, meinte sie und er sah sie an.
„Ich wünschte mir einen Menschen, der mir zuhört“, sagte sie und er hörte zu.
„Ich wünschte mir einen Menschen, der mich tröstet“, fuhr sie fort und er legte seinen Arm um ihre Schulter.
„Ich wünschte mir einen Menschen, der mit mir Zeit verbringt, ohne es eilig haben“, erweiterte sie ihre Anforderungen und er blieb.
„Ich wünschte mir einen Menschen, der mich versteht“, fügte sie noch hinzu und er nickte.
„Ich wünschte mir einen Menschen, der mich so nimmt, wie ich bin“, schloss sie und er strich ihr mit der Hand über die Wange.
„Ich wünschte, ich könnte solch einen Menschen finden, aber das wird wohl nicht sein“, sagte sie, woraufhin er aufstand und ging.
Madita sah ihm lange nach, auch noch, als er längst ihrem Blickfeld entkommen war. Und da endlich begriff sie. Er hatte mit ihr geredet, ihr zugehört, sie getröstet, mit ihr Zeit verbracht, ohne es eilig zu haben, sie verstanden und sie genommen, wie sie war und sie hatte es nicht gesehen. So schnell sie konnte sprang sie auf und eilte ihm hinterher. Plötzlich hatte sie große Angst, ihn nicht mehr zu erreichen, ihn für immer zu verpassen. Wie konnte sie nur so blind sein, so einfältig und verbohrt, dass sie nicht erkannte, was doch direkt vor ihren Augen war, in Griffweite sozusagen. Sie war so glücklich, als es ihr gelang ihn einzuholen. Er blieb stehen und sah sie an, so wie zuvor, unverändert, wie es schien.
„Ich habe noch etwas vergessen“, meinte sie.
„Und was wäre das?“, fragte er interessiert.
„Ich wünschte mir einen Menschen, der verzeihen kann, auch meine Blindheit“, antwortete sie. So dass er sie in die Arme nahm, und sie wusste, dass es gut war, jetzt, da sie endlich begriffen hatte. Sie wussten es beide.

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