Kinder (5)

Kinder (5) – Alle Geschichten

Lina, sein Kindermädchen, die an diesem Nachmittag frei bekommen hatte, weil Alexander offiziell indisponiert war, sah fragend auf ihn herab. Alexander senkte den Blick und wünschte, der Boden täte sich auf und würde ihn verschlingen, doch da bekam er unverhofft Hilfe.
„Lina ist meine kleine Schwester“, erklärte Florians Mutter, „Und Du setz Dich nieder und wir reden in Ruhe. Es wird sicher für alles eine plausible Erklärung geben.“
„Darauf bin ich gespannt“, meinte Lina, „Du hast Dich offenbar fortgeschlichen, Alexander. Wenn Deine Eltern etwas merken, bin ich meine Arbeit los und kann sehen, wo ich bleibe.“
„Aber ich wollte doch nicht, ich wollte doch nur, ich … es tut mir leid“, kam es stammelnd aus Alexander.

„Hör mal, so wie ich das verstehe, lebt der Junge in einem goldenen Käfig, wo er zwar alles hat, aber kein Leben, keine Freiheit“, sagte Florians Mutter, „Ich denke, er wollte einfach einmal etwas erleben. Aber vielleicht mag er es uns selbst erzählen, und keine Sorge, wir werden Dir nichts tun.“
Der Ton und die Stimme klangen in Alexanders Ohren so versöhnlich und verständnisvoll, dass er es tatsächlich wagte, alles zu erzählen, von seinem Leben, seiner Einsamkeit und der Begegnung mit Florian, mit dem er diesen Ausflug ausgeheckt hatte, von seinem Erleben, den Menschen, die herumhasteten, den Bettlern und den Tauben. Gebannt lauschten die anderen seinen Ausführungen.
„Ich kann daran nichts Verwerfliches finden, dass ein Bursche mit 14 auch einmal etwas eigenständig unternehmen möchte“, erklärte Florians Mutter.
„Das finde ich auch“, setzte Florian hinzu, der nun auch endlich etwas sagen wollte.
„Das ist ja alles gut und schön“, kam es von Lina, „Aber das ändert nichts an meinem Problem. Verständnis hin oder her, ich bin letztlich verantwortlich dafür, dass ihm nichts passiert. Und seine Eltern hätten das nie und nimmer erlaubt. Schließlich ist es ihnen das Wichtigste, Alexander so gut wie möglich vom Leben der einfachen Leute fernzuhalten. Am Ende des Tages werden sie nicht ihn, sondern mich dafür büßen lassen.“
„Und wenn sie es nicht merken? Sie sind ja sowieso mal wieder nicht zu Hause. Meinst Du, dass das irgendjemanden interessiert, wo ich bin oder was ich mache, so lange sie meinen, ich wäre sicher in meinem Zimmer verwahrt?“, fuhr nun Alexander wütend auf, wobei allen bewusst war, dass er seine Trauer mit der brüsken Art kaschieren wollte.
„Ok, dann begleiten wir Dich nach Hause“, meinte Lina und sah ihren Neffen Florian an, der zustimmend nickte, „Was dann passiert, wir werden sehen.“
Und so geschah es. Alexander versuchte seine Begeisterung zu verbergen, nochmals mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, denn jetzt fühlte er sich schon wie ein Profi, so wie er verstand, einen Fahrschein zu kaufen und die Fahrpläne zu lesen. Flau wurde ihm erst, als er vor dem Anwesen seiner Eltern stand. Auf demselben Weg, auf dem er das Haus verlassen hatte, kehrte er wieder in dieses zurück. So, wie er es sich gedacht hatte, hatte niemand etwas von seiner Abwesenheit bemerkt. Es würde also keine negativen Konsequenzen geben, weder für ihn noch für Lina. Doch er war nicht mehr der, der er vor diesem Ausflug gewesen war. Plötzlich erschienen ihm alle Menschen, die angeblich auf seiner sozialen Stufe standen, oberflächlich, vulgär und überheblich. In dieser Nacht beschloss er, wenn er eines Tages frei wäre, würde er ein gefeierter Pianist werden, der eine gemütliche kleine Wohnküche sein eigen nennen, in der er Kekse backen würde und nebenbei würde er sich für Tauben engagieren. Und Florian, der Alexander ob des großen Hauses, dem Klavier, das er zweifellos besaß, und all der Annehmlichkeiten beneidet hatte, hatte erkannt, dass kein Geld der Welt kaufen könne, was er in seinem Leben als selbstverständlich gesehen hatte, ein gemütliches zu Hause und eine Mutter, die für ihn da war, sich Zeit für ihn nahm, aber ihn auch frei ließ, die Welt zu entdecken, weil sie ihm vertraute. Manchmal bedarf es der Sicht von außen, um selbst zu begreifen, wie reich das eigene Leben ist, reich an Menschen, denen man sich verbunden weiß und an Erleben. Und es war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft zwischen zwei Kindern, deren Leben eigentlich unterschiedlicher nicht sein konnte.

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