Die graue Katze

Die graue Katze – Alle Geschichten

Babette war nun schon länger unterwegs, von einem Land zum anderen, ohne ein Heim, in das sie zurückkehren konnte. Alles, was sie besaß, trug sie auf dem Rücken, auch ihre Arbeit. Was für eine Freiheit, dort arbeiten zu können, wo man sich gerade aufhielt, wann immer man wollte. Alles, was sie dafür brauchte, war ihr Laptop und eine Internetverbindung, die es heute beinahe überall gibt. Bisher allerdings hatte sie die Nächte noch in Hostels oder Air BnBs verbracht, aber sie wollte eigentlich zelten, wild und wo sie gerade war. Zu diesem Zeitpunkt befand sie sich gerade in der Türkei. Sie war bereit. Also suchte sie sich einen Platz, um ihr Zelt aufzuschlagen, den sie auch fand. Solange sie damit beschäftigt war, hatte sie keine Bedenken. Endlich stand das Zelt, die Isoliermatte und der Schlafsack lagen darin und ihre Habseligkeiten waren verstaut. Der geruhsame Teil des Abends konnte beginnen.

Babette setzte sich vor ihr Zelt, packte den kleinen Spirituskocher aus und setzte Wasser auf, um es zum Kochen zu bringen. Während sie so saß und sonst nichts zu tun hatte, als den Erhitzungsprozess zu beobachten, schweifte ihr Blick auch immer wieder in die Ferne. Was für ein wunderschönes Fleckchen Erde. Umgeben von Bergen und sie saß in dieser grünen Idylle. Die Luft war anders als in der Stadt, ganz anders. Selbst das Atmen fühlte sich freier an als irgendwo sonst. Sie war im Freien und hatte dennoch ein Dach über dem Kopf, wenn auch nur ein temporäres. Ein Katze kam angeschlendert, leise und grazil, wie Katzen sich nähern. Es handelte sich um eine durchschnittlich große, graue Katze. Babette freute sich über die Gesellschaft und versuchte das Tier zu sich zu locken, doch es gelang nicht, nicht durch schmeichelnde Worte, nicht einmal durch Futter. Die Katze kam nicht näher, aber sie ging auch nicht weg. Vielmehr machte sie es sich in einer Entfernung gemütlich, die ihr wohl weit genug erschien, um nicht erhascht zu werden, aber nah genug, um in Babettes Nähe zu sein. Vielleicht war das auch nur ihre Interpretation, aber die Katze war da und das tat der einsamen Camperin gut. Nicht, dass sie mit irgendwelchen Überfällen oder sonst etwas gerechnet hätte, aber es war ein anderes Gefühl, wenn sich ein nicht-menschliches Lebewesen in der Nähe aufhielt. Bei anderen Menschen wäre Babette misstrauisch gewesen, aber diese befellte Tier tat ihr gut.

Endlich kochte das Wasser und Babette bereitete sich ihr Essen zu. Nachdem sie ihr Mahl beendet hatte, wusch sie den Topf im nahegelegenen Bach. Als sie zum Zelt zurückkehrte, sah sie zuerst nach der Katze, die immer noch an derselben Stelle verweilte, wie zu dem Zeitpunkt, als Babette sich von ihr entfernt hatte. Plötzlich wurde die Katze aufmerksam. Babette sah, wie sie die Ohren spitzte und in eine bestimmte Richtung blickte. Da würde jetzt etwas kommen. Aber was? Kurze Zeit später wanderten zwei Menschen an ihnen vorbei. Es waren einfach nur Spaziergänger, die sich des angenehmen Abends erfreuten. Ihr Blick fiel auf das Zelt, dann auf Babette, die davorsaß und die Fremden misstrauisch beobachtete. Dabei taten sie nichts. Vielmehr grüßten sie freundlich, um ihren Weg unbeirrt fortzusetzen. Babette wurde plötzlich heiß, trotz der lauen Temperaturen. Es war allerdings nicht Angst, die sie empfand, sondern vielmehr Scham. Doch wofür schämte sie sich? Es war wohl, dass sie dachte, diese Menschen müssten sich ein Bild von ihr machen. Sie, die im Zelt saß, ohne Haus oder Wohnung, im Freien nächtigen wollte und ihren Grund dafür haben musste. Auch wenn es viele denkbare Gründe dafür geben konnte, war Babette überzeugt, dass diesen Menschen nur einer einfallen würde, dass Babette keine Arbeit und keine Wohnung besaß, nicht einmal zur Miete. „Ausgestoßen, delogiert, arm und abgerissen“, musste der eine zum anderen sagen, während sie auf Babette gesehen hatten, herabgesehen hatten. Verstehend nickte der andere mit dem Kopf. Und Babette schämte sich dafür, für ihr vermeintliches ausgestoßen-, delongiert- und arm-sein, auch wenn es die Wahrheit nicht traf. Wahrscheinlich hätte sie das gleiche gedacht, wenn sie einen Menschen in der Wildnis sitzen gesehen hätte. Aber warum schämte sie sich all dessen? Selbst wenn es gestimmt hätte, so gab es nichts zu schämen, nicht am arm-sein. Dennoch war es üblich. Armut war mit Scham verbunden, musste sich verstecken. Niemand sollte es sehen. Dann fiel Babettes Blick auf die Katze, die immer noch da saß, nun wieder entspannt und der die Fremden egal waren. Das beruhigte Babette und fühlte sich gut an. Die Ruhe blieb, als sie sich niederlegte, dauerte fort in den Morgen und als sie das Zelt bei Sonnenaufgang verließ, war die Katze immer noch da und ging erst, als Babette begann, das Zelt abzubauen. Dankbar war sie für die tierliche Unterstützung, die nichts weiter war als ein da-sein in aller Unbekümmertheit und stillem Einverständnis, die Babette die Angst und zuletzt auch die Scham genommen hatten. Vielleicht sollten wir ein wenig mehr wie die Katzen sein und nicht zu viel über die Meinung anderer nachdenken. Diese durchschnittlich große, graue, scheue Katze hatte sie dies gelehrt, ohne ein einziges Wort.

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