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Life is too short for boring stories

„Es ist möglich, eine Welt ohne Rassismus, Sexismus, Speziesismus, eine Welt der Verbundenheit und des Miteinander“, schloss Yvonne ihre Rede beim Infostand der LLL, der Life Liberation League, vorläufig ab. Beinahe eine Stunde lang hatte sie gesprochen, dazwischen noch geduldig und souverän Fragen von Passant*innen beantwortet, die nicht unbedingt immer einfach waren. Allein an der Körpersprache war zu erkennen, dass manche sehr aggressiv waren, doch Yvonne schaffte es jedes Mal zumindest einen versöhnlichen Ausgang zu finden. Viele gingen auch zum Infostand und unterschrieben die aufliegende Petition. Mark hatte es beobachtet, an diesem Tag ebenso, wie an etlichen anderen. Vor ein paar Wochen war die Organisation in der Stadt aufgetaucht und hatte seither jede Woche ein Mal eine Kundgebung abgehalten. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er Yvonne zum ersten Mal sprechen hörte.

Ihre Gedanken waren klar und ihre Stimme energisch. „Das ist eine Frau, die mich verstehen könnte“, dachte Mark voller Wehmut. Umso öfter er ihr zuhörte, desto mehr wuchs seine Überzeugung. Das war eine Frau mit Mut und Kampfgeist, die sich nicht so leicht verschrecken ließ, wobei ihre innere Stärke im krassen Gegensatz zu ihrer zarten Gestalt stand. Mark stand in einem naheliegenden Hausflur, verbarg sich, so gut es ging, im Schatten. Trotz der warmen Temperaturen hatte er die Kapuze seines Sweaters auf und tief ins Gesicht gezogen. Dennoch war es bei seiner Körpergröße von fast zwei Metern und seiner gedrungenen Gestalt beinahe unmöglich sich zu verbergen. Die Menschen wichen aus, wenn sie ihn sahen. Die tiefen Narben in seinem Gesicht taten wohl ihr übriges. Als wenn er etwas dafür konnte. Manchmal hatte er es sogar schon erlebt, dass die Leute, die an ihm vorübergingen, vorsichtshalber die Straßenseite wechselten. „Ich bin ein echtes Scheusal“, dachte er von sich selbst, was angesichts seiner Erfahrungen nicht verwunderte, aber auch seine Mutter, die sich keine Gelegenheit entgehen hatte lassen, ihm zu vermitteln, wie dumm, unfähig und hässlich er war, hatte ihren Teil dazu beigetragen, dass er sich nun immer mehr aus der Gesellschaft zurückzog, in sich selbst und seine Welt. „Ich sollte mich wehren“, dachte er, aber wie? Wie kann man Menschen vermitteln, dass sie keine Angst zu haben brauchen, wenn sie davonliefen, sobald der den Mund aufmachte. Deshalb war er auch froh gewesen, einen Posten als Nachtwächter bei einer großen Fabrik gefunden zu haben, denn da passte seine äußere Erscheinung perfekt. Mehrere Male waren Einbruchsversuche unternommen worden, doch sobald die Ganoven seiner ansichtig geworden waren, hatten sie Hals über Kopf Reißaus genommen. Immerhin für etwas war sein Aussehen gut, was ihm allerdings kein wirklicher Trost war.

Nun konnte Mark beobachten wie Yvonne das Mikro weglegte und kurz in eine nahe, schmale Gasse einbog. Er hatte schon oft genug gesehen, dass sie das tat. Ein paar Minuten weg, wohl um zur Ruhe zu kommen, sich zu sammeln, zu Kräften zu kommen, um dann erfrischt und tatendurstig wieder zurückzukommen. Bisher hatte er es nur beobachtet, doch diesmal folgte er ihr. Ihre schmale Gestalt wirkte jetzt, da sie nicht sprach, ein wenig verloren. Die Schultern nach vorne gebeugt, machte es den Eindruck von tiefer Erschöpfung. So leise wie möglich schlich er hinter ihr her. Nach einigen Metern blieb sie stehen. Er konnte sehen, wie sie die Schultern straffte und bewusst einfach tief ein- und wieder ausatmete. „Das ist Deine Gelegenheit“, spornte er sich selbst an, „Wenn Du wissen willst, ob Du recht hast oder nicht, ob sie wirklich die Frau ist, für die Du sie hältst, musst Du das jetzt herausfinden.“ Immer und immer wieder war in Gedanken seine Vorgansweise durchgegangen, doch nun, da es so weit war diese in die Tat umzusetzen, wurde er unsicher. Natürlich konnte es auch schiefgehen. Was, wenn er sich in ihr geirrt hatte? „Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden“, mahnte er ein. Damit nahm er all seinen Mut zusammen, ging die letzten Schritte auf Yvonne zu. Gerade als er bei ihr angelangt war, drehte sie sich um, sah diesen Bären von einem Mann, stieß einen spitzen, kurzen Schrei aus, bevor ihr die Sinne schwanden. Gerade noch rechtzeitig fing er sie auf. „Das war doch leichter als gedacht“, überlegte er, als er mit seiner kostbaren Fracht auf den Armen davoneilte.

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