Von einer, die auszog (1)

Von einer, die auszog (1) – Alle Geschichten
🎬 Start der Serie!

Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

Bald ist Weihnachten. Weh dem, der nun kein Dach über dem Kopf hat. Wir kennen die Geschichte vom Jesu-Kind in- und auswendig. Immer und immer wieder, jedes Jahr aufs Neue, wurde sie uns erzählt. Im Kindergarten und in der Schule wurde Krippenspiele veranstaltet, in denen die Erzählung wiederbelebt wurde. Maria und Josef, die in der Stadt Betlehem einen Platz zum Schlafen suchten, aber keinen bekamen und das obwohl oder vielleicht gerade, weil Maria schwanger war. „Ach die armen Menschen, die nach Betlehem mussten“, denken die Leute heute und sind sich einig, sie hätten dem Paar eine Bleibe verschafft. Ich wage es zu bezweifeln. Diese dahergekommenen Sandler wollen sie auch heute nicht. Aber es macht sich gut, wenn man es annehmen kann.

Maria und Josef wurden auf einen Stall aufmerksam gemacht. Wohl mehr ein Unterstand, in der Ochs und Esel eine Lagerstatt hatten. Dorthin begaben sie sich und Maria brachte ihr Kind zur Welt. Das war Jesus. Den legte sie in eine Krippe und wickelte ihn in Windeln. Ochs und Esel war es egal, ist zumindest anzunehmen. Solange sie genug Platz haben würden, um es sich bequem zu machen, teilten sie gerne. Da sind die Tiere anders als die Menschen, also die nicht-menschlichen anders als die menschlichen Tiere. Wenn Platz vorhanden ist kann jemand unterschlüpfen. Sie erwarteten auch keine Gegenleistung. Die Menschen schon. „Ach die Armen, die müssen zwischen den Viechern schlafen und dann auch noch in der Kälte, sicher ohne Heizung“, erklärten mir die Menschen, die dem Krippenspiel beiwohnten. „Da lagen in Betlehem mindestens zwei Meter Schnee bei einer Außentemperatur von -10 Grad Celsius“, entgegnete ich und erntete erstaunte Blicke, „Sie würden am nächsten Tag zur Registrierung und dann wieder nach Hause gehen“, fügte ich sicherheitshalber dazu. „Was Sie doch für ein herzloser Mensch sind“, wurde mir von einer korpulenten Dame erklärt, deren nicht weniger korpulentes Kind die Maria gab. „Damit kann ich leben, wenn Sie mir das sagen. Würden Sie eine jüdische Familie aufnehmen, einfach so?“ „Diese schon“, war sie überzeugt. So weit zu unserem Umgang mit Fremden, solange sie Maria und Josef und Jesus heißen. Später ist man immer schlauer. All die braven Leutchen, die feiern, was es gerade so zu feiern gibt, ergehen sich in bürgerlicher Großherzigkeit, bis sie die Türe hinter sich schließen und alle anderen draußen bleiben.

Magdalena gehörte auch zu diesen bürgerlichen Kreisen. Beinahe. Denn sie war nicht verheiratet. Dennoch zog sie ihr Kind groß, alleine und von ihrer Hände Arbeit. Sie lag also dem Staat und damit uns allen nicht auf der Tasche. Deshalb konnte man über diesen kleinen Verstoß gegen die guten Sitten hinwegsehen. Schließlich stammte sie aus einer angesehenen Familie, die bekannt dafür war, fleißig und ehrbar zu leben. Magdalena war fleißig und bis auf die uneheliche Mutterschaft auch ehrbar. Nicht nur, dass sie ihre Tochter großzog, sie schaffte es auch, sich eine Eigentumswohnung zu kaufen, wobei sie die monatlichen Raten immer pünktlichst bezahlte. Alle waren mit ihr weitestgehend zufrieden, so dass Magdalena es auch sein konnte. Die Jahre vergingen, die Tochter wurde größer und selbständiger, ging immer mehr ihre eigenen Wege, so dass Magdalena mehr Zeit für sich hatte. Da erkannte sie, dass sie eigentlich nichts anderes gemacht hatte, als zu arbeiten, um ihre Tochter großziehen zu können und Eigentum zu erwerben. Da war keine Zeit für Vergnügungen oder Freundinnen, nur Arbeit, den ganzen Tag, die ganze Woche, das ganze Jahr. Eigentlich erwartete man von ihr, dass sie so weitermachte, doch sie fragte sich, wozu, nur, um die Türe hinter sich schließen zu können und allein zu sein? Nur, um sagen zu können, dass sie in den Augen der bürgerlichen Gesellschaft alles richtig machte? Sie fühlte sich zusehends eingesperrt und gleichzeitig verloren, hier in Österreich, in der alles nach Normen und Regeln abzulaufen hat. Inzwischen musste sie für ihre Arbeit nicht einmal mehr die Wohnung verlassen, denn sie arbeitete online, machte Werbeunterlagen und Internetseiten. War es denn nicht ganz egal, wo sie sich aufhielt, um dies zu machen? So kam der Tag, an dem sie ihrer Tochter sagte, sie würde ausziehen. Nicht aus der Wohnung, nicht aus dem Haus, sondern aus dem Land. Vorläufig einmal. So ging sie nach Bulgarien. Es sollte nur für ein paar Monate sein.

Noch mehr Lesestoff:

Kommentar verfassen