Es war meine erste Auszeit seit Langem, genauerhin, seit vier Jahren. Irgendwie ist immer etwas dazwischen gekommen, das mich bewogen hat, doch auf einen Urlaub zu verzichten, aber jetzt war es so weit, alles gebucht und vor mir lagen vier Tage Entspannung und Entkoppelung, kein Handy, kein Laptop, nur die Welt entdecken und Spaß haben. Einfach mal durch die Gassen schlendern und wenn man genug hat vom Schlendern, auf einen Kaffee einkehren oder ein Bier oder aufs Meer schauen oder auf einen Baum. Lachen, Nachdenken, Träumen, Gemeinsam, nicht mehr. Mit vollem Einsatz unproduktiv und nutzlos sein. Das habe ich mir vorgenommen und es ist mir auch gelungen. Wichtig daran ist, dass man weit genug weg ist vom Gewohnten und vom Alltag. 1800 km weit war ich weg.
Doch gibt es Dinge, die lässt man nicht hinter sich, weil sie so tief verwurzelt sind, dass sie bleiben. Der Blick auf das Tierleid, die Sensibilität sie zu sehen und es nicht einfach stehenzulassen. So schön die Welt ist, wenn die Sonne scheint, Menschen freundlich sind und das Meer klar, die Tauben sind auch dort, wie bei mir zu Hause, ausgesetzte, domestizierte Tiere, deren Existenz wir verursachen und uns trotzdem darüber mokieren. Wo sie nicht vergrämt werden, lässt man sie verhungern. Sie stören. Die Reinlichkeit, das perfekte Stadtbild und unsere Ignoranz. Deshalb müssen sie weg, weil sie uns an unsere Fehler erinnern, an unserem pervertierten Umgang mit anderen Lebewesen. So setzte ich mich in den Park und habe sie gefüttert. Niemand hat etwas gesagt. Vielleicht auch, weil ich in einem Land war, in dem man manches nicht so eng sieht, wie in meinem Heimatland. Oder es war ihnen schlicht egal. Ich saß, umringt von diesen wunderbaren, gefiederten Geschöpfen, denen wir Tag für Tag so viel Leid antun und fühlte mich wohl, aber auch schlecht. Ein paar fütterte ich, ein paar Mal, doch dann wäre es wieder vorbei und alles wie vorher. Nichts habe ich besser gemacht. Da war diese Ohnmacht und Hilflosigkeit wieder da, wie ich sie immer verspüre, wenn ich an die tausenden, ja Millionen Opfer unserer Art des Mensch-seins denke. Ebenso erging es mir auf dem Fischmarkt. Ein Stand reihte sich neben den anderen, auf denen Fisch zu Verkauf angeboten wurde. Ihre toten Augen sahen mich an, die erst vor Kurzem noch im Wasser schwammen, diese Wesen, die uns noch fremder sind, als viele andere Tiere, weil sie sich in einem anderen Element bewegen, als wir es tun. Doch sie fühlen Schmerz, schließen Freundschaften und kommunizieren. Wir sehen und hören es nicht. Auch nicht ihren Todeskampf, wenn man sie – auf welchem Weg auch immer – dem ihnen lebensnotwendigen Wasser entzieht und sie langsam und qualvoll ersticken. Es ist so egal. Wäre es das nicht, könnten wir dann noch mit solchem Genuss ihre toten Körper verzehren? Ich sah sie an, die, die sie sogar appetitanregend finden und sie verschlangen. Und die toten Augen blieben. Mir eine Mahnung. Den anderen egal. Deshalb ging ich weg, von diesem großen Friedhof und kam zu einem Markt, bei dem es in der Hauptsache Obst und Gemüse gab. Ich freute mich, denn es war gut nicht den Tod und den Hunger zu sehen, doch diese Freude währte nur kurz, denn auch hier entdeckte ich Tierleid. Kanarienvögel in winzigen Käfigen zusammengepfercht und daneben einen mit einem Vogel, der wahrscheinlich ein Papagei sein sollte. Es war schwer zu sagen, nachdem er kaum Federn hatte. Irgendwer würde sie kaufen und mit nach Hause nehmen, sie eingesperrt lassen in diesen Käfigen, die ihnen kaum Platz ließen, die Flügel auszubreiten, geschweige denn zu fliegen. So wie dem Fisch das Wasser das Lebenselement ist, so ist es dem Vogel die Luft. Nun Luft bekamen sie, aber nicht die Möglichkeit, diese zu nutzen. Auch das versuchte ich hinter mir zu lassen, wollte schon aufatmen, als ich Körbe sah, die mit Schnecken gefüllt waren. Als ich näher hinsah, erkannte ich, dass diese noch lebten. Lebendig waren sie aufeinander geworfen worden. Mit einer kleinen Schaufel wurden sie herausgenommen, in ein Sackerl verpackt, ganz gleich, ob man sie dabei verletzte, um dann bei vollem Bewusstsein gekocht zu werden.
Ich musste erkennen, egal wie weit ich wegfuhr, der Mensch ist an allen Orten der Welt darauf bedacht, Tiere zu quälen, ohne sich besondere Gedanken darüber zu machen. So verschieden die Umgebung ist, der Mensch ist es nicht. Davon gibt es keine Auszeit, nirgendwo.

