Ich mache mich auf den Weg zum Waldrand, um einen Besuch zu machen. Frau „Ich-bin-für-alles-verantwortlich“, die natürlich nicht wirklich so heißt, aber ich will sie jetzt einmal so nennen, weil es ihre Einstellung recht gut trifft. Ihr Häuschen besteht durchweg aus natürlichen Materialien. Im Garten wächst alles, was sie zum Leben braucht. Selbst Energie und Wasser lukriert sie selbst, sei es durch eine Kreislaufwirtschaft in ihrem Haus bzw. durch Wind- und Sonnenkollektoren. Als ich ankomme, arbeitet sie gerade in ihrem Garten und öffnet mir umgehend das Gartentor. Dann bittet sie mich auf eine Tasse Tee in ihre Küche. Natürlich Kräutertee.
„Warum leben Sie so, wie Sie leben?“, frage ich endlich, nachdem ich mich davon überzeugt habe, dass es in dieser Küche tatsächlich nichts gibt, was aus Plastik wäre.
„Früher, in meinem alten Leben, da war ich eine erfolgreiche Managerin“, beginnt sie zu erzählen, „Ich verdiente gut, sehr gut sogar, doch dafür war ich auch ständig unterwegs. Der Konzern, bei dem ich beschäftigt war, hat Niederlassungen in der ganzen Welt, die ich alle besuchen musste. Natürlich mit dem Flugzeug. Darüber hinaus jettete ich auch so, bloß zur Entspannung. Ich nannte ein PS-starkes Auto mein eigen und einmal im Jahr eine Kreuzfahrt, das musste auch sein. Selbstredend musste ich mich entsprechend kleiden und meine Garderobe auf dem neuesten, modischen Stand halten. Es gehörte auch dazu, dass ich tierliche Produkte aß, auch sowas wie Gänsestopfleber, Hai, Krustentiere und vieles andere. Dann stieß ich im Jahre 2005 auf den sog. CO2-Fußabdruck. Bis dahin dachte ich, ich sei ein normaler Mensch und was ich tue, spielt keine Rolle. Doch dann habe ich mir meinen persönlichen CO2-Fußabdruck ausgerechnet und war am Boden zerstört. Das konnte doch nicht sein, dass ich bis dahin so derart unbewusst gelebt habe. Und das war auch der Tag, an dem ich mein Leben komplett umstellte, meine Arbeit kündigte und hierher zog. Seitdem ist mein CO2-Fußabdruck dem eines Afrikaners irgendwo nicht unähnlich. Seit 18 Jahren pflege ich diesen Lebensstil.“
„Das finde ich großartig“, erkläre ich mit Überzeugung, „Doch warum machen Sie das?“
„Aus zwei Gründen“, meint sie, „Erstens, weil ich meinen Beitrag zur Rettung der Welt leisten will und zweitens, weil ich mit gutem Beispiel vorangehen will. Viele werden folgen und sich mir anschließen.“
„Das heißt, Sie alleine können die Welt retten?“, frage ich nach.
„Natürlich nicht. Für wie naiv halten Sie mich?“, entgegnet sie, „Aber der CO2-Fußabdruck hat mir gezeigt, dass ich einerseits etwas ändern kann und andererseits, dass sich alles ändert, wenn nur jeder einzelne mitmacht und zwar von sich aus.“
„Ich hätte zwei Fragen: Erstens, wie viele sind bisher Ihrem Beispiel gefolgt?“, erwidere ich.
„Und was ist die zweite Frage?“, weicht sie aus.
„Wissen Sie, wer den CO2-Fußabdruck publik gemacht hat?“, ignoriere ich ihr Ausweichen.
„Ich nehme an, eine Umweltorganisation?“, zeigt sie sich verunsichert.
„Nein, es war BP, eine Firma, die zu den größten Umweltsündern zählt“, erkläre ich, „Es war sehr schlau gemacht, das muss man den Damen und Herren lassen, denn sie griffen etwas auf, was unsere Gesellschaft sowieso schon genügend durchseucht hat, das Prinzip, ich und ich allein sei für alles verantwortlich, könnte alles machen und richten. Nun auch die Zerstörung der Umwelt. Wenn nur jede auf Plastik, Wegwerfmode, Elektronik, Reisen etc. verzichtet, dann retten wir die Welt. Es gibt dafür auch entsprechend biologisch richtige Produkte. Und während sich eine kleine Minderheit kasteit, der Großteil der Menschen vielleicht ein wenig gebremst, aber doch weiter macht wie bisher, wird damit von den Umweltsünden abgelenkt, die von den Firmen verursacht werden, vor allem von der Fleischindustrie. Es soll nicht heißen, dass man nicht bewusst konsumieren und leben soll, aber es ist höchste Zeit, die in die Pflicht zu nehmen, die tatsächlich einen massiven Einfluss haben, nämlich die globalen Konzerne, die die Regenwälder roden, die Meere ausfischen und Fastfashion produzieren, als gäbe es kein Morgen. Und gleichzeitig wird der Einzelnen ein schlechtes Gewissen gemacht. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, dann müssen wir aufhören tierliche Produkte zu konsumieren, indem endlich die Wahrheit darüber gesagt wird. Die Regierungen endlich ihrer Pflicht nachkommen und klimaschädliche Produkte nicht mehr subventioniert und wir die echten Verursacher endlich zur Kassa bitten.“
„Das heißt, ich habe mich völlig umsonst kasteit?“, fragt sie und es spricht Trauer aus ihren Worten.
„Nein, das nicht, aber ich will Ihnen nur sagen, dass Sie die Welt nicht alleine retten“, entgegne ich, „Es liegt in den Händen derer, die tatsächlich verheerende Umweltzerstörungen begehen. Davon dürfen wir uns nicht ablenken lassen. Es ist allerhöchste Zeit, uns nicht länger verarschen zu lassen.“

