Müll (3)

Müll (3) – Alle Geschichten

Wenige Minuten später erreichten sie den Hof von Mathildes Eltern. Sie betraten den Vierkanthof durch einen ehemaligen Stall, der nun zu einem Hofladen umgebaut worden war. Am anderen Ende des Ladens war ein Buffet, bei dem Tische zum Essen und Verweilen einluden. Einige standen auch außerhalb des Gebäudes und gaben den Blick frei und die weitläufigen Gemüsefelder und die reichliche Anzahl an Obstbäumen. Tatsächlich fanden sich durchweg pflanzliche Produkte im Hofladen, die allerdings nicht eigens gekennzeichnet werden mussten. Neben saften Äpfeln, Gurken, Paradeiser und vielem anderen, was Feld und Flur zu bieten hat, gab es Eingekochtes, Eingelegtes und Eingewecktes. Es roch intensiv nach frisch gebackenem Brot. Da merkten die Aktivist*innen erst, wie hungrig sie waren und langten kräftig zu. Mathildes Eltern kamen, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. „Schön, dass ihr da seid“, sagte Mathildes Mutter, „Tolle Arbeit, die ihr leistet. Ich bin so glücklich, dass wir das hinter uns haben.“

„Was meinst Du mit ‚hinter uns haben‘?“, fragte Mathilde irritiert, denn sie kannte den Hof nur so, wie er jetzt war, ohne Tiere und deren Produkten. Nein, ganz stimmte das nicht, denn zwischen den Feldern liefen eifrig Hühner herum. Sogar drei Kühe waren auszumachen, wobei eine ein Kälbchen mit sich führte. Da schossen plötzlich drei Ferkel um die Ecke und begrüßten die Neuankömmlinge überschwänglich. Langsam trottete ein ausgewachsenes Schwein hinterdrein. Es tat sich sichtlich schwer, zu gehen. „Bei uns hat es auch einmal so ausgesehen, wie auf dem Hof, den ihr besucht habt“, erklärte Mathildes Mutter, „Aber das ist schon lange her.“ „Die Schweine, die ihr hier seht, die habe ich erst vor ein paar Tagen dem hiesigen Schweinezüchter abgekauft“, meinte Mathildes Vater, „Da liegen die Mütter in Kastenständen und können sich nicht bewegen, nur ihre Brüste zur Verfügung stellen.“ „Und warum hast Du gerade sie gekauft?“, fragte Mathilde. „Weil sie der Bauer entsorgen wollte“, antwortete der Vater, „Die Mutter hat ein gebrochenes Bein und sie hat nur drei Ferkel auf die Welt gebracht. Das ist viel zu wenig. Die Mutter hätte geschlachtet werden sollen und die Kleinen wären zu einer anderen Sau gekommen, denn das spielt keine Rolle. Hauptsache, sie können trinken.“ „Das ist toll!“, sagte eine Aktivistin ganz spontan. „Ich bin mir nicht sicher, ob das toll ist“, zeigte sich der Bauer skeptisch, „Natürlich ist es schön zu sehen, wie sich ein Lebewesen, das nichts anderes kennt, als eingesperrt zu sein, wieder ins Leben und in die Bewegung tastet. Der Tierarzt hat sich um ihr Bein gekümmert und jetzt humpelt sie noch, aber das mit Begeisterung. Und erst die Kleinen, sie genießen alles, stöbern herum und sind so voller Lebensfreude. Andererseits weiß ich genau, dass der Züchter sofort wieder eine Sau kauft, um den leergewordenen Platz auszufüllen. Schließlich muss er Geld verdienen. Dann ist es wohl gut, für diese vier, denn hier haben sie ein Leben, was sie sonst nie gehabt hätten, denn nachdem sie entwöhnt gewesen wären, wären sie in den Betrieb gekommen, den ihr heute besucht habt und hätten noch vier Monate ca. dort auf engstem Raum zusammengepfercht auf Vollspaltenboden verbracht, bevor es in den Schlachthof gegangen wäre. Aber so schön das auch ist, es ändert am Grundproblem nichts, nichts an den Millionen von Schweinen, die nach wie vor so dahinvegetieren müssen. Es stabilisiert das System mehr, als es zu schwächen, so dass es zu anderen Bedingungen kommen könnte.“ „Aber warum haben Sie es dann gemacht?“, fragte ein Aktivist. „Weil ich finde, es ist wichtig, dass Menschen, die zu uns kommen, sehen, wie die Tiere leben, wenn sie so artgerecht wie irgend möglich gehalten werden. Damit sie mit ihnen in Berührung kommen und sie einfach einmal kennenlernen. Es waren schon einige da, die aufgehört haben, Fleisch zu essen, nachdem sie einmal ein Huhn oder eine Kuh gestreichelt haben. Auch die Hühner stammen aus einer Fabrik und die Kühe von einem Milchhof. Abby, das ist die mit dem Baby, ist schon 13 Jahre alt und damit schon uralt für eine Kuh, die für die Milchentnahme missbraucht wird. Das ist ihr zehntes Kalb und das erste, das sie behalten durfte. Die ersten Tage, die sie hier bei uns am Hof war, durfte niemand dem Kleinen zu nahe kommen. Zu tief saß die Angst, dass man ihr auch dieses stehlen würde. Doch irgendwann fasste sie Vertrauen zu uns und das ist sehr berührend. Außerdem ist ihr Baby ein Bub. Und ihr wisst ja, wie man mit männlichen Kälbern umgeht.“ „Oh ja, sie werden eigentlich entsorgt oder unversorgt auf große Reise geschickt, weil sie nutzlos sind für die Industrie“, bestätigte eine Aktivistin. „Aber was ist mit unserem Hof?“, warf nun Mathilde ein, „Ist es den Tieren hier auch einmal so schlecht gegangen?“ Der Vater sah, wie seiner Tochter Tränen in die Augen stiegen. Deshalb setzte er sich und nahm sie auf den Schoß. „Ich werde es Dir erzählen und Euch allen auch, wenn ihr das wollt“, sagte der Bauer und erkannte an den gespannten Gesichtern, dass sie es wollten.

Du willst wissen, wie es weitergeht? Hier kommst Du zu Teil 4.

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