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Life is too short for boring stories

Nichts ist so bedrückend, entsetzend, auflösend, vernichtend, wie die Stille der Niemandsländer zwischen Stacheldraht und Stacheldraht. Wie ein Spinnennetz, skurril, beinahe futuristisch, doch immer engmaschiger werdend, durchzogen sie Europa, damals, heute. Land des Lebens neben Land des Nichts. Niemandes. Utopos. Nicht-Ort. Egal wo man war, immer war man hinter oder vor einem Zaun, gerettet ins Jemandsland, doch wenn ich, damals noch nach dem Passieren der Grenze und vor dem Erreichen der anderen Seite durch dieses Land musste, zog ich automatisch den Kopf ein, drückte mich ganz fest in die eine Ecke des Wagens. Verschämt kontrollierte ich vielleicht noch, ob der Knopf heruntergedrückt war, der die Türe schloss. Es war, als würde das Leben aufhören. Ich wagte kaum zu atmen. Wenn wir stehenblieben und ausstiegen, dann würde uns das Land verschlucken, einsaugen, sodass nichts bliebe, als ein Haufen Kleider, vier offenstehende Wagentüren. Die anderen Autos hasteten nach wie vor vorbei. Als wäre man unsichtbar, wenn man stehenbliebe, im Niemandsland, verschluckt von der Stille, als hätte es uns nie gegeben. Endlich erreichten wir den anderen Teil der Grenze. Ich atmete auf, das Niemandsland hinter uns gelassen zu haben, noch einmal davongekommen zu sein. Doch wir mussten wieder zurück. Auf der Seite, von der wir kamen, da war die Freiheit, Demokratie und Kapitalismus. Die andere Seite, die war gezeichnet, von Diktatur und Spitzelwesen und Kommunismus und Gefangenschaft. So hatte ich es gelernt. Ein Teil Europas und ein weißer Fleck in meiner Vorstellung. So wie es beigebracht wurde, in der Schule, im Leben. Dass das die Bösen waren und wir die Guten. Das war es. Das blieb es. 30 Jahre später.

Damals hörte man davon, dass es dennoch immer wieder welche gab, die es versuchten, über einen Stacheldraht, durch das Niemandsland und dessen Stille, zu entkommen. Diese drückende, beängstigende Stille. Ein Schuss zerriss sie. „Auf der Flucht erschossen“, hieß es, im Niemandsland, einem Stück Welt, außerhalb der Welt. Jenseits der Gesetze und Gesetzmäßigkeiten. Fast auch des Seins. Sofort wurde die Zerrissenheit wieder verschluckt. Die Stille ließ sich nicht vertreiben. Niemand wollte, durfte dorthin. Dennoch wagten sie ihn, den Versuch zu fliehen. Vielen gelang es. Ein neues Leben zu beginnen, dort, wo es gut war und demokratisch und es Bananen gab in Hülle und Fülle, dort, wo die Stacheldrähte aufhörten und Freiheit herrschte. Niemals wieder daran zu denken, an die Stille der Niemandsländer. Bis sie bemerkten, wir in der Freiheit, der Demokratie, wir hatten auch Stacheldrähte und Niemandsländer. Man durfte sie durchqueren, aber sie wurden nicht niedergerissen. Nicht nur zwischen Land und Land. Überall waren Stacheldrähte, aufgestellte oder eingelernte. Zwischen Menschen, vor allem. Zwischen Mann und Frau, zwischen großen und kleinen Menschen, zwischen Menschen und anderen Tieren, zwischen Reichen und Armen, zwischen Dir und mir.

Stille der Niemandsländer. Des Niemandslandes. Klara sitzt am Boden. Sie macht sich klein, so klein es geht, die Arme über dem Kopf. Sie will nichts mehr hören davon, wie ihre Eltern streiten. Über ihren Kopf hinweg, als wäre sie nicht da. Und wenn sie nicht da wäre, dann würden sie nicht mehr streiten, ihre Eltern, schreien sie über ihren Kopf hinweg. Es gibt kein Entkommen, denkt sie, bis sie entdeckt, dass sie weggehen kann. In ihrem Kopf, einen Stacheldraht aufziehen zwischen sich und ihren Eltern. Und dazwischen das Niemandsland mit seiner Stille, in das sie flüchten kann. Die Stimmen prallen ab. Sie hört sie nicht mehr. Immer öfter zieht sie sich dahin zurück. Weil sie in der Welt Niemand ist, ist sie Jemand in ihrer Vorstellung. Nichts anderes kann Heimat sein, dem, der in der Welt nichts gilt, für jemand, der Niemand ist, als das Niemandsland.

Stille der Niemandsländer, zwischen Stacheldraht und Stacheldraht. Kerstin spielt mit ihren Freunden. Der Zaun ist ihr vertraut. Es war zu einer Zeit, da Kinder noch draußen herumtollten. Die Welt war ihr Spielplatz. Die Straßenlaternen ihre Uhr. Keine Kontrolle durch Anrufe am Handy. Schon gar kein GPS-Tracking. Lange schon stand er, der Stacheldraht. Was auf der anderen Seite war, auf der anderen Seite des zweiten Stacheldrahtes, das wussten die Kinder nicht, das wurde verschwiegen. Nur, dass sie dort nicht hingehen durften, das war ihnen eingeschärft worden. Böse Menschen seien dahinter, hatte man ihnen gesagt. Das hatten sie sich gemerkt. Böse, das war ein Wort, das viel bedeuten kann, aber immer etwas, womit man nichts zu tun haben will. Wir sind die Guten. Die anderen die Bösen. Mit der Zeit verfiel der Zaun. Es scherte niemanden. An manchen Stellen war er nicht mehr zu sehen. Kerstin spielte. Abfangen. Sie lief. Auch dorthin, wo der Zaun einmal gewesen war, lief weiter, hinein in das Niemandsland, ohne es zu bemerken. „Komm zurück“, rief ihr Stefan zu, ihr bester Freund. Und er sah noch, wie sie sich im Laufen umdrehte. Ein strahlendes Lachen, von Eifer und Freude gerötete Wangen. Ein Schritt. Ein einziger. Und dann, eine Explosion. Er sah noch, wie sie in der Luft zerfetzt wurde. Sie und ihr zerschlissener, alter Teddy-Bär, denn sie nicht losließ. Dann war die Stille wieder da, die alles verschluckte, die Stille der Niemandsländer.

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