Aktivismus ist anstrengend

Aktivismus ist anstrengend – Aktivismus

Mathilde saß auf ihrer Couch und drehte nachdenklich den Fernseher ab. Gerade hatte sie sich den Film „Earthlings“ angesehen, den ihr eine gute Bekannte ans Herz gelegt hatte. Diese Bekannte, die auf den Namen Amanda hörte, aber so ganz und gar nicht wie eine Amanda wirkte, zumindest in Mathildes Augen. Amandas, das waren Frauen, die brav und ruhig und zurückhaltend waren. Und das war diese, an die der wunderschöne Name wie verschwendet wirkte, ganz und gar nicht. Vielmehr war sie wild und leidenschaftlich und düster. Immer so düster, mit ihrer schwarzen Aktivistenkluft. Das war es in erster Linie gewesen, was Mathilde bis jetzt dazu gebracht hatte, selbst nicht aktiv zu werden. Denn sie mochte helle, pastellige Farben und nein, das würde sie ganz bestimmt nicht anziehen. So vulgär, wenn sie es genau betrachtete. Natürlich hatte sie das Amanda nicht gesagt, bloß, dass sie keine Zeit hätte. Aber zumindest den Film, den würde sie sich ansehen, was sie nunmehr auch getan hatte.

Plötzlich verstand sie, was ihr bis jetzt unzugänglich war. Schließlich war sie überzeugt davon, nachdem sie viele Jahre von Werbung und Umwelt indoktriniert worden war, dass es nicht so schlimm wäre mit den Tieren. Nach diesem Film wusste sie, es war nicht nur so schlimm, wie die Aktivisten immer verlauteten, es war noch viel schlimmer.
„Die armen Tierchen“, dachte Mathilde, „Das kann man nicht so lassen.“ Dieser Gedanke führte dazu, dass ihre Trauer in Wut umschlug.
„Wie konnten sie nur, diese gefühllosen Menschen“, arbeitete es in ihrem Kopf, „Diese süßen kleinen Kälbchen und Ferkel und Küken, alle werden sie so schlecht behandelt. Da muss was unternommen werden.“
„Ja, aber was?“, war der nächste Gedanke und hatte einen Geistesblitz, wie es ihr erschien, „Ich weiß, ich werde Amanda anrufen und sie fragen.“ Entschlossen nahm sie das Telefon auf, doch dann hielt sie inne.
„Moment, ich weiß ja, was die machen. Schließlich habe ich es schon aus der Ferne beobachtet“, fiel Mathilde ein, „Da reden sie mit den Leuten, die oft sehr erbost sind. Dann machen sie so komische Aktionen. Tote Tiere halten und manches andere. Probleme mit Passanten haben sie auch immer wieder. Aber das ist für die Tiere. Obwohl, sollte man da nicht eher auf die Politiker einwirken? Schließlich ist das, was diese Menschen mit den Tieren machen legal. Es gehört also das Gesetz geändert. Das würde sie Amanda vorschlagen.“ Schon suchte sie di Telefonnummer im Register, als ihr noch etwas einfiel.
„Das tun sie ja auch, mit den Petitionen und den komischen Aktionen bei den politisch wichtigen Stellen. Und sie reden auch mit Politikern, zumindest habe ich das mal gehört“, dachte Mathilde und ließ das Telefon wieder sinken.
„Aktivismus, das heißt, dass man sich mit wildfremden Menschen anlegt, die ja gar nichts dafür können, ich meine, außer, dass sie ihr Leben leben. Und dann komme ich. Aber für die Tiere, das sollte es einem schon wert sein!“ Sie nahm das Telefon wieder auf.
„Und was war das? Die werden manchmal auch eingesperrt, weil sie einbrechen und stehlen und so böse Dinge“, erinnerte sich Mathilde außerdem, „Aber auch das muss man in Kauf nehmen. Das ist alles für die Sache, da darf man nicht auf sich achten.“ Damit wählte sie. Während sie dem Signal lauschte, arbeitete ihr Kopf weiter.
„Und wozu das alles? Was hat denn diese Bewegung bis jetzt erreicht?“, war ihr eingefallen, „Nichts. Nicht einmal Pelz wurde bis jetzt verboten. Das nach sicher 50 Jahren. 50 Jahre für eine Sache kämpfen, da wäre sie steinalt, ohne irgendeinen Sinn. Ja, wenn ich es mir recht überlege, ist dieser ganze Aktivismus, den ich bisher machte, doch völlig sinnlos.“ Es war der Moment, in dem Amanda abhob.
„Hallo Mathilde. Schön, dass Du anrufst“, hörte Mathilde Amandas fröhliche Stimme, „Hast Du es Dir doch anders überlegt und machst bei uns mit?“
„Das ist ja geradezu pervers, wie Du so fröhlich sein kannst, angesichts all des Leides“, zeigte sich Mathilde brüskiert, „Und nein, ich mache ganz bestimmt nicht mit. Hast Du eine Ahnung, wie anstrengend dieser Aktivismus ist. Das tue ich mir nicht länger an. Und es ist sinnlos. All der Einsatz, den ich brachte, so für nichts. Ich mache das nicht länger mit.“ Damit legte Mathilde auf, denn das konnte wirklich niemand von ihr erwarten. Aktivismus ist viel zu anstrengend.

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