Der Bauer nahm einen Schluck von dem Kaffee, den ihm seine Frau hingestellt hatte und atmete nochmals tief durch. Man merkte, dass es ihm nicht leichtfiel, das zu erzählen, was er angekündigt hatte. „Nun gut“, machte er sich selbst Mut, „Mathilde, Du weißt ja, dass Dein Urgroßvater diesen Hof gegründet hat. Seither ist er im Familienbesitz. Er hielt Schweine, Hühner und Kühe, also jene, die zur Milchproduktion herangezogen wurden, was allerdings zu Zeiten von Mathildes Ugroßvater noch ein wenig anders ausgesehen hat. Aber dann kam der Einschnitt mit der Industrialisierung, den spezialisierten Züchtungen und den veränderten Haltungssystemen.“ „Nicht zu vergessen, das Soja aus Südamerika“, warf eine Aktivistin ein.
„Genau“, stimmte ihr der Bauer zu, „Jedenfalls hatten wir Anbindehaltung bei den Kühen, Vollspaltenböden bei den Schweinen und Käfighaltung bei den Hühnern. Es war schrecklich. Ich sah sie leiden, dahinsiechen, sterben. Vor allem die Kälbchen in ihren Boxen machten mich unendlich traurig. Doch mein Großvater, Dein Urgroßvater, war ein richtiger Patriarch und duldete keinen Widerspruch. Deshalb machte mein Vater, Dein Großvater, weiter, wie er es kannte. Er war sich auch gar nicht bewusst, dass es anders gehen konnte. Er litt unter diesen Bedingungen. Erst, als ich Deine Mutter heiratete und es zur Sprache kam, dass ich den Hof übernehmen sollte, erklärte ich mich dazu nur bereit, wenn ich all das umsetzen könnte, was ihr jetzt seht. Mein Großvater, Dein Urgroßvater versuchte dagegenzuhalten. Es wäre nicht richtig und das hätte man immer schon so gemacht und wir wären keine richtigen Männer, wenn wir so weich wären und die Viecher spüren eh nichts und was es da sonst noch alles gibt. Da erlebte ich zum ersten Mal, dass mein Vater, Dein Gr0ßvater, gegen seinen Vater aufbegehrte. Mein Vater sagte tatsächlich, wir würden alle wegziehen und woanders von vorne anfangen, wenn er nicht zustimmte. Es klang ultimativ, endgültig und überzeugend. Da gab der alte, harte Mann nach. Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich auf meinen Vater war. Er hatte sich noch nie durchgesetzt und dann gleich bei so einem gewagten Schritt. Nach diesem Gespräch offenbarte er mir erstmals, wie sehr er unter dieser Situation immer gelitten hat. Nur hätte er nie gewagt, es anzusprechen. Ich muss gestehen, dass der Umstieg alles andere als einfach war. Wir brauchten ein gewisses Startkapital, doch die Banken waren skeptisch. Weil sie meinten, wir sollten doch das machen, was wir konnten. Aber mit enormem Einsatz und der tatkräftigen Unterstützung aller in der Familie schafften wir es. Eine große Hürde war, dass wir keinen Liefervertrag mit einer der Supermärkte bekamen, was sich allerdings letztlich auch als Glücksfall herausstellte, denn so richteten wir den Hofladen ein. Und nachdem meine Frau eine großartige Köchin und Bäckerin ist, kam danach das Buffet dazu. Allerdings haben wir den Vorteil, dass wir an einer gut frequentierten Radstrecke liegen. So kaufen die Frauen aus der Umgebung – und es sind vor allem Frauen – im Hofladen, weil sie wissen, dass wir das beste Gemüse weit und breit haben. Und die Radfahrer*innen, aber auch Wander*innen kehren bei uns ein. Wir stehen sogar schon in den einschlägigen Rad- und Wanderführern als Jausenstation. Das funktioniert alles durch Mundpropaganda. Wir werden nicht reich damit, aber wir können gut davon leben. Und ist es nicht das, worum es letztlich geht, dass man mit dem Leben, das man führt, zufrieden ist, auch in dem Bewusstsein, dass man niemandem Schaden zufügt?“ „Das ist wahr“, bestätigte ein Aktivist, „Aber mir ist aufgefallen, dass die Sachen nicht mit vegan ausgezeichnet sind. Hat das einen Grund?“ „Ja, den hat es. Anfangs habe ich es hingeschrieben, bei allem, weil auch alles vegan ist“, erklärte die Bäuerin, „Dann kamen die Menschen und meinten, der Kuchen sei vegan, der Aufstrich oder was auch immer, den wollten sie nicht. Dann habe ich die Schilder weg. Plötzlich haben sie ihn gegessen und er hat köstlich geschmeckt.“ „Und haben Sie es ihnen gesagt, ich meine nachher“, wollte nun eine Aktivistin wissen. „Nur denen, die sagten, dass es doch gut sei, dass meine Sachen nicht mehr vegan seien. Das schmeckt so richtig gut. Es hat mich immer wieder amüsiert, wenn ich ihnen dann offenbarte, dass es immer noch genauso ist, wie am Anfang. Denen ist dann die Kinnlade heruntergefallen.“ Stille trat ein. Die Sonne ging unter und das glühende Rot des Firmaments nahm alle gefangen. Gab es denn etwas Schöneres, als in solchem Einklang mit sich und der Welt und allen ihren Geschöpfen zu leben?

