Der Herzinfarkt (4)

Der Herzinfarkt (4) – Alle Geschichten

Mechthild werkelte in ihrem Garten. Sie wusste, dass ihr Sohn die Operation gut überstanden hatte und freute sich auf ein Wiedersehen. Allerdings sah sie diesem mit gemischten Gefühlen entgegen, denn Xenia würde auf jeden Fall dabei sein. „Hallo Mechthild“, riss sie die Stimme der Nachbarin aus ihrer Betrübnis. „Hallo Margarete“, erwiderte sie den Gruß. „Na, was ist den los mit Dir. Du schaust so traurig. Geht es Hartmut nicht besser?“, meinte die Nachbarin. „Doch, doch, er ist auf dem Weg der Besserung, aber da ist tatsächlich was, was mir Sorgen macht“, sagte Mechthild. „Red schon, was ist es“, forderte Margarete die langjährige Freundin auf. „Es ist schwer zu sagen“, begann Mechthild, „Du kennst doch meine Schwiegertochter, die Xenia?“ „Ja, natürlich, was ist mit ihr?“, fragte Margarete. „Sie hat mir vorgeworfen, ich wäre schuld daran, dass es Hartmut so schlecht geht. Und ich glaube auch, sie meint, ich habe meinen Mann auf dem Gewissen. Das hat sie zwar nicht direkt gesagt, aber angedeutet“, presste Mechthild hervor. „Du meinst wegen der Ernährung?“, hakte Margarete ein. „Genau“, bestätigte Mechthild.

„Jetzt erzähl ich Dir was“, sagte Margarete, „Meine Schwiegertochter, das ist auch so eine veganische. Und die wollte mir das aufs Aug drücken, also zu Anfang, aber das habe ich unterbunden, weil es nicht sein konnte, dass plötzlich alles anders ist, als wir es schon immer gemacht haben. Aber dann, es war vor ungefähr einem Jahr, da redeten wir einmal in Ruhe darüber und das hat mich überzeugt. Es geht nicht darum, alles schlecht zu machen, was bisher war, sondern darum, dazuzulernen. Und seitdem wir jung waren, vor vielen Jahrzehnten hat sich vieles geändert. Wir haben dann miteinander gekocht und glaub mir, da ist so viel dabei, was wir früher auch machten, wenn es kein Fleisch gab. Linsen und Bohnen und Sterz und Strudel. Es schmeckt wie Kindheit, das sag ich Dir. Und ganz ehrlich, das können wir besser, als die Jungen. Jedenfalls, seit ich das mache geht es mir sehr gut. Ich fühle mich nicht mehr abgespannt nach dem Essen, ich habe wirklich abgenommen und es geht mir rundherum gut.“ „Du meinst, das kann man auch als Zutrauen sehen“, fasste Mechthild zusammen. „Ganz genau“, bestätigte Margarete, „Komm, wir kochen. Was meinst Du, was Hartmut und Xenia für Augen machen, wenn sie nach Hause kommen und Du hast vegan gekocht.“ Damit zog sie die erfreute Mechthild mit sich.

Einige Tage später kamen sie tatsächlich, Hartmut und Xenia. Sie hatten sich darauf geeinigt, sich von nun an vegan zu ernähren. Hartmut war immer noch fassungslos über die Gleichgültigkeit, die in dem Haus herrschte, von dem er meinte, sie würden sich um seine Gesundheit kümmern. Dabei taten sie einiges dazu, dass die Menschen, die sich ihnen anvertrauten, krank blieben. „Es bringt eben viel Geld“, hatte ihm Xenia erklärt, „Nur Gesunde, das ist nicht lukrativ.“ Dennoch fühlte sich Hartmut betrogen, um die Wahrheit, die niemand sagte. Und die, die sie sagten, wurden verunglimpft. So vieles begann er jetzt zu verstehen, was bisher unhinterfragt hingenommen wurde. „Doch was tun wir mit meiner Mutter?“, fragte Hartmut Xenia. „Wir müssen es versuchen, ihr schonend beibringen“, schlug Xenia vor. Kurz danach öffnete Mechthild ihnen die Türe, um sie beide zu umarmen. „Ich bin so froh, dass Du wieder wohlauf bist“, sagte sie zu ihrem Sohn und zu Xenia gewandt, „Und ich bin froh, dass Du Dich immer so gut um meinen Jungen gekümmert hast.“ Sie wussten beide nicht, was sie sagen sollten. So kannten sie Mechthild nicht. „Aber kommt in die Küche, ich habe gekocht“, erklärte sie und ging ihnen voran. Mutlos trotteten die beiden hinter ihr her und folgten ihrer Forderung, am Tisch Platz zu nehmen. Dann wurde serviert. „Mama, ich kann das nicht …“, begann Hartmut, aber dann besah er sich das Essen, das er vorgesetzt bekam, genauer. „Was kannst Du nicht?“, sagte Mechthild mit einem triumphierenden Lächeln, „Doch Du kannst. Das ist vegan.“ „Aber warum, wie …“, stotterte sogar Xenia, die sonst nie um die richtigen Worte verlegen war. „Also hört mal, ich weiß jetzt, was es mit dem ganzen Veganen auf sich hat. Es ist gesund, gut für die Tiere, die Umwelt und gegen den Welthunger“, erklärte Mechthild, „Und nächste Woche gründen Margarete und ich einen Verein gegen Tierausbeutung und für Veganismus.“ Xenia konnte nicht anders, sie umarmte ihre Schwiegermutter: „Ich weiß zwar nicht, was da passiert ist, aber ich finde es großartig.“ „Was soll passiert sein?“, entgegnete diese, „Das ist doch logisch und man kann immer noch dazulernen.“ Hartmut genoss sein Essen. Es war wirklich delikat. So ließ er sich gesund und tierfreundlich essen gefallen.

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