Das Wunschbaby (4)

Das Wunschbaby (4) – Alle Geschichten

Ronja saß einfach da und wartete, denn es waren mittlerweile 18 Jahre vergangen, ohne dass sie die Wahrheit kannte. Da spielten ein paar Minuten mehr keine Rolle mehr. Jordi war irritiert. So viele Fragen brannten ihm auf der Zunge, aber er wagte nicht, sie auszusprechen. Zu erdrückend war die Atmosphäre, doch er sah, wie Alejandra lautlos weinte. Die Tränen rannen ihr über die Wangen, ohne dass sie versuchte, sie zu verbergen. Man mochte fast meinen, sie merke es gar nicht. Endlich ergriff Jose das Wort.

„Es tut mir leid, dass Du es so erfahren musst, Ronja. Wir hätten es Dir schon viel früher erzählen müssen, doch Du weißt ja wie das ist, mit Dingen, die man nicht gleich sagt. Von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr wird es schwieriger. Irgendwann denkt man auch, man ist damit davongekommen. Aber die Vergangenheit holt einen immer wieder ein“, begann Jose ruhig, um von Ronja rüde unterbrochen zu werden: „Du willst also sagen, dass es stimmt? Meine Güte, Du hast eine Schutzbefohlene geschwängert und dann hast Du tatenlos zugesehen, wie sie mir ihr, Dein Kind unterschiebt? Wie konntest Du nur!“ Die letzten Worte hatte sie geschrien, so sehr hatte sie sich in Rage geredet. „Ganz so ist es nicht“, meinte Jose, „Zunächst, ja Alejandra ist die Mutter, aber ich bin nicht der Vater. Ich denke, ich muss es jetzt erzählen. Das verstehst Du doch, Alejandra?“ Diese nickte nur stumm, ohne dass ihr Tränen versiegten. „Was, Du fragst sie um Erlaubnis?“, höhnte Ronja, „Das ist doch wirklich das Allerletzte.“ „Bitte lass mich die Geschichte erzählen und urteile dann, wenn Du schon unbedingt über andere Leute urteilen musst“, wandte sich Jose an seine Frau, „Alejandra war damals in meiner Klasse und sie war eine meiner besten Schüler*innen. Ja, ich mochte sie und mag sie immer noch, aber wie ein Vater seine Tochter. Was dabei eine Rolle spielte war, dass sie ihre Mutter sehr früh verloren hatte und nun in einem Haus mit ihrem Vater und ihren fünf Brüdern lebte. Sie ist die Jüngste und dazu noch die einzige Frau. Das war nicht leicht für sie, weil sie mit niemandem über ihre solche Dinge reden konnten, die Mädchen in diesem Alter beschäftigen.“ „Aber Du kannst so etwas!“, unterbrauch Ronja nochmals. „Nein, das kann ich nicht, aber ich kann ihr helfen im Umgang mit Männern, denn von denen verstehe ich was“, erwiderte Jose kühl, „Doch dann kam eine Zeit, da sie begann mir aus dem Weg zu gehen, nicht mehr mit mir sprach. Wie sie mir später erklärte, war es, weil sie Angst hatte, ich könnte sie fragen, was mit ihr los wäre. Diese war berechtigt, weil sie seit so niedergeschlagen wirkte. Eines Tages traf ich sie alleine an und wollte wissen, was passiert war. Nach einigem Hin und Her sagte sie es mir. Ein Freund ihres Vaters war auf Besuch. Eines Abends war dieser mit Alejandra alleine. Dieser Mann nutzte die Situation aus und vergewaltigte sie. Alejandra erzählte es ihrem Vater, doch der lachte sie nur aus, denn sein Freund meinte, die kleine Schlampe habe sich an ihn rangemacht und der Vater sollte auf sie aufpassen. Völlig alleingelassen mit ihrem Kummer, verfiel sie immer mehr. Aber das war noch nicht alles, denn ein paar Wochen später musste sie feststellen, dass sie schwanger war. Auch das erzählte sie ihrem Vater, doch der meinte nur, dass sie herumhurte und nun das dem Freund anlasten wollte. Sie solle ja dafür sorgen, dass niemand merkt, was für eine Schande sie über die Familie gebracht hat. Damit vertraute sie sich mir an und ich riet ihr, das Baby zur Adoption freizugeben, denn eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage. Und dann starb Merle, am selben Tag, an dem Jordi geboren wurde. Und als Du aus dem Haus gingst, fasste ich den Plan, ihn so zu platzieren, dass Du ihn finden musstest.“ „Wenn ich das gewusst hätte!“, sagte Ronja tonlos, „Es tut mir so leid. Aber was ist mit Dir gewesen, Alejandra?“ „Jose setzte es durch, dass ich bei meiner Großmutter wohnen durfte“, sagte Jordis leibliche Mutter, die inzwischen aufgehört hatte zu weinen und ihre Fassung wiedergefunden hatte, „Ich habe ihm alles zu verdanken. Vor allem, dass Jordi so liebevolle Eltern gefunden hat.“ Damit blickten alle den jungen Mann an, der nachdenklich wirkte. „Wie geht es Dir damit?“, fragte Jose, „Ich weiß, ich hätte es Dir viel früher sagen sollen …“ „Es ist erschreckend, dass ich das Produkt einer Vergewaltigung bin“, meinte Jordi, „Aber es ist wahr, ich habe wundervolle Eltern und die Frau, die mich geboren hat, war so stark. Ich denke, ich kann mich glücklich schätzen. So ist aus mir im Nachhinein noch ein Wunschbaby geworden.“ Und damit umarmte er seine Mütter, die, die ihn geboren und die, die ihn ins Leben begleitet hatte.

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