Natur anpassen

Natur anpassen – Aktivismus

Ich gehe durch den Ort spazieren, in dem ich wohne. Bei den meisten Häusern findet sich ein Garten. Großzügig bemessen. Auch, wenn sie alle ein wenig anders angelegt sind, so haben sie doch viele Gemeinsamkeiten. Eine Hecke zum Beispiel. Vorzugsweise eine Thujenhecke, denn die wachsen schnell und dicht, so dass man Blicke vermeiden kann, die man nicht will. Nachdem es sich zumeist um ältere Bauten handelt, gibt es vergleichsweise wenig Steingärten, auch wenn die natürlich nicht fehlen dürfen. Der Rasen ist hermetisch kurz geschnitten. Wasserwagen-5-mm-Schnitt. Es darf kein einziges Blatt herumliegen, denn was sollten die Nachbarn denken. Die Blumen, so es sie gibt, stehen in Reih und Glied. Schöne Blumen, gezüchtete. Rosen oder Flieder. Es geht nicht um den Nutzen für Insekten oder die Natur, nur darum, dass es schön aussieht, was immer das auch heißen mag.

Besonders Naturverbundene bedienen sich eines Mähroboters, denn da hat man garantiert immer den erstrebten Golfrasen und es werden unerwünschte Pflanzen vom Wachsen abgehalten. So kann man auch sicher gehen, dass man so gut wie keine Insekten im Garten hat. Das ist auch gut so, denn die stören nur und man könnte gestochen werden oder eines dieser Viecher könnten ins Haus gelangen. Das wäre wohl das Schlimmste. Und weil es keine Insekten mehr gibt, ziehen auch alle Tiere ab, die sich von Insekten ernähren. Vögel oder Igel. Das passt auch, denn die setzen ihre Hinterlassenschaften ab und das stört die Idylle. Die tote Idylle. Natur ist schon in Ordnung, aber nur zivilisiert. Kein Hälmchen zu lange. Kein Blümchen zu viel. Vor allem, wo kämen wir denn da hin, wenn alles wachsen würde, wie es gerade will. Da gehört die ordnende menschliche Hand her. Und wenn sich doch mal etwas breit macht, was man nicht will, gibt es immer noch Glyphosat. Ja, es ist verboten, aber was der gute Gärtner ist, der hat das auf Jahre gehortet. Das vertreibt den letzten Rest an Urwüchsigkeit.

Auch die Pflanzen, die für die Futterherstellung benötigt werden, dürfen nicht irgendwie wachsen. Herrliche Getreidefelder wogen im sanften Wind. Meterhoch wächst der Mais. Alles in Reih und Glied ohne ein Pflänzchen dazwischen, das die einheitliche Idylle stören würde. Es reiht sich Feld an Feld an Feld mit den ewig gleichen Pflanzen, die natürlich dem Boden dieselben Nährstoffe entziehen. Vielleicht kommt hier und da die Fruchtwechselwirtschaft auf, aber es ist schon viel Arbeit, den Boden zu erhalten. Man muss es ausgleichen, doch Herbizide, Fungizide, Insektizide. Monokulturen sind wie ein Schlaraffenland. Dem muss man vorbeugen. Ordentlich, schön und kommerziell. Das ist die Natur, die die Bauern schützen, die Industriekolonnen, deren Opfer die Pflanzen sind, ohne Insekten für die Vögel. Ohne Vögel. Ohne Tiere. Am besten. Diversität ist schön, aber bitte überall anders, nur nicht dort, wo wir kommerziell produzieren müssen, weil es sonst zu teuer wird und Obst und Gemüse nichts kosten darf. Natur ist schön, aber nur nach unseren Vorstellungen. Da hat sie sich schon anzupassen. Alles was bisher wunderbar zusammengepasst hat, soll sich doch gefälligst uns anpassen.

Und die Tiere, die wir nutzen, die sind auch gut, aber sie sollen gefälligst so sein, dass wir sie brauchen können, ungefährlich und effizient. Da werden den Kühen die Hörner entfernt, nicht, damit man sie Stall noch enger schichten kann und der Bauer ein geringeres Verletzungsrisiko hat, falls diese großen Tiere einmal nicht so tun, wie der Mensch das will. Oder es werden den Küken die Schnäbel abgeschnitten, damit sie auf engstem Raum zusammengepfercht werden können. Den Ferkeln werden die Schwänze kupiert und die Zähne abgeschliffen, damit sie sich nicht so leicht gegenseitig benagen können, wenn sie auf dem Vollspaltenboden vor Langeweile auf solche Ideen kommen. Die Hühner und Schweine werden so gezüchtet, dass sie ganz, ganz schnell viel Gewicht zulegen. Und die Kühe, dass sie viel mehr Milch geben, als gesund für sie ist. Natur ist gut und schön. Die Tiere, die sich evolutionär entwickelt haben, nett, aber so schrecklich ineffizient, dass man da schon vieles verbessern muss. Hingezimmert und krankgemacht für den menschlichen Bedarf.

Und jene tierischen Freunde, die wir angeblich so sehr lieben, müssen natürlich künstlichen Schönheitsidealen entsprechen. Dabei spielt es keine Rolle, dass sie keine Luft bekommen, Hüftprobleme bekommen oder nicht mehr natürlich gebären können, weil die Köpfe zu groß, das Becken zu schmal ist. Macht nichts, Hauptsache, sie entsprechen unseren ästhetischen Ansprüchen.

Und wenn dann eine Frau sich bei mir beschwert, dass ich mit schuld bin, dass die Kröten am Teich quaken, an dem sie sich, als lärmgeplagte Städterin ein Häuschen kaufte, damit sie in der Ruhe der Natur wäre. Nicht, dass ich sie zum Quaken bringe, aber indem ich sie über die Straße trage, um sie vor dem Verkehr zu retten, mache ich diesen Lärm erst möglich. Deshalb solle ich das gefälligst lassen. Schließlich ist es natürlich, dass sie überfahren werden, wenn sie sich nicht anpassen an die Freilandstraße. Das ist natürlich. Und auch die Ruhe. Ich gehe und überlasse sie ihrem Schicksal. Kröten rette ich trotzdem, denn auch ich mag es natürlich. Aber natürlich natürlich und nicht zivilisationsgeschändet.

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