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Life is too short for boring stories

Den ganzen Vormittag war ich gewandert, doch diesmal genoss ich weder die Landschaft noch den Sonnenschein. Es war eher wie eine Flucht, bei der ich aber ständig im Kreis lief. Unruhig, ja fast getrieben fühlte ich mich. Als hätte mich aller Mut und alle Zuversicht, die ich gerade noch gehabt hatte, endgültig verlassen. Nicht einmal die stürmische Begrüßung der Hunde bei meiner Rückkehr konnte mich beruhigen, geschweige denn ablenken.

„Morgen ist Weihnachten“, erklärte ich, während ich mit meinem Tee in der Hand im Häuschen auf und ab stiefelte, mich immer wieder niedersetzte, aber wieder aufgetrieben wurde, von diesem einen Gedanken, der mich nicht zur Ruhe kommen ließ, „Morgen ist Weihnachten.“

„Das wissen wir“, meinte Jesus sanft, „Was genau willst Du uns damit sagen?“

„Jetzt haben wir 23 Tage lang über den Sinn von Weihnachten diskutiert“, setzte ich zu einem Erklärungsversuch an.

„Wohl noch mehr über den Unsinn, der damit einhergeht“, warf Maria lächelnd ein, „Und das ist schon eine ganze Menge.“

„Ja, und es fühlte sich alles so fern an, als würde der Tag niemals kommen und es müsste sich nicht erweisen“, fuhr ich fort, „Denn eine Erkenntnis zu haben ist eine Sache, eine andere sie in die Tat umzusetzen, sie lebendig werden zu lassen, und das macht mich unruhig. Während all der Zeit war es, als würde es mich nichts angehen, bis zu einem gewissen Grad, aber heute morgen, da wurde mir bewusst, dass morgen der Tag sein würde, an dem sich all die theoretischen Überlegungen mit der Wirklichkeit messen lassen müssen. Und was ist dann? Was wird sein?“

„Was sein wird, das werden wir morgen wissen“, sagte Jesus ruhig und gelassen, wie es wohl seine Art war, „Es liegt an Dir was Du aus dieser Erkenntnis machst, ob und wieweit Du sie umsetzt und mit Leben füllst.“

„Nein, es liegt nicht nur an mir“, erklärte ich überzeugt.

„Es liegt an Dir bei all den Dingen, die Du machst“, erwiderte Maria, „In allem was Du tust zeigt sich ob es geleitet ist von der Botschaft und dem Sinn von Weihnachten oder nicht.“

„Und Du darfst den Einfluss der Vorbildwirkung nicht unterschätzen“, setzte Jesus hinzu, „Vielleicht hast Du den Eindruck, dass sich nichts ändert und nichts weitergeht, aber Du weißt nie, was die Menschen von dem was Du sagst, aber vor allem lebst, mitnehmen. Auch in ihr Weihnachten hinein.“

„Aber es geht alles so unheimlich langsam“, warf ich ein, „Und morgen ist schon Weihnachten. Jedes Jahr ist Weihnachten, seit langer, langer Zeit, und es wird gefeiert, bloß um am nächsten Tag wieder zur Tagesordnung überzugehen, als wäre es nie geschehen, oder bloß als eine lästige Verpflichtung, die man halt abhakt. Es scheint absolut nichts zu bedeuten, und das obwohl man so viel Zeit und Kraft investiert, aber wieder mal nur in Äußerlichkeiten. Aber ich denke mir, wenn man schon Weihnachten feiert, wenn man schon so eifrig bei der Sache ist, dann sollte es doch nachklingen, zumindest in einer schönen Erinnerung, die einem den Alltag versüßt, wenn man schon nicht bereit ist, dass sich die ursprüngliche Bedeutung vom Sinn von Weihnachten, die Botschaft im Leben entfaltet und ihm eine Richtung gibt.“

„Dann zeig die Richtung, in dem was Du machst und sagst und lebst, sei nicht der Wegweiser, sondern der Weg, und die Menschen um Dich werden sehen, dass es ein gangbarer Weg ist“, ermunterte mich Jesus.

„Zu zeigen ist eine gute Sache, auch vorzuleben, aber was ist, wenn keiner hinsieht, was, wenn es einfach zur Kenntnis genommen wird, und das war es dann, weil wir von eingefahrenen Traditionen, vom Bisher, von all dem Gekannten und Vertrauten nicht abweichen möchten, weil es so einfach ist. Egal ob es gut oder schlecht ist, es ist einfach“, fuhr ich fort zu lamentieren, ohne zu bemerken, dass ich mich genau auf den Weg begab, den ich nicht gehen wollte.

„Fällt Dir eigentlich auf, dass Du genau das machst, was Du für destruktiv hältst?“, fragte Maria nach, „Dass Du auf dem besten Weg bist die Lebendigkeit zu verlassen und sie in jammervolles Selbstmitleid umwandelst. Letztlich geht es doch darum, gerade bei der Lebendigkeit und bei der Liebe, jeden den Weg finden zu lassen, der ihn zu seinem persönlichen Glück führt. Ohne Vorgabe. Ohne fertige Lösung. Einfach selbst sein lassen. Es gibt keine Patentlösung. Darin drückt sich die Individualität aus. Glück ist kein Produkt. Es ist lebendig und immer im Werden begriffen.“

„Ich will auch nicht, dass es jeder so macht wie ich“, gab ich zurück, „Ich will auch nicht behaupten, die absolute Lösung zu haben, aber es gibt gewisse Grundkonstituenten, die gegeben sein müssen, dass dieser Weg zum Glück, zum lebendigen Lieben, zur liebenden Lebendigkeit überhaupt gegangen werden kann.“

„Und die wären?“, fragte Maria nach.

„Kein Leid zu verursachen, das nicht notwendig ist. Jenseits des Unvermeidlichen, wie Krankheit oder Tod, dem Tod, der dem Leben angemessen ist“, erwiderte ich.

„So gesehen ist der Tod, den die sog. Nutztiere erleiden ein dem Leben, ihrem Leben, angemessener, Misshandlung von Anfang bis Ende, möchte man zynisch sein“, warf Jesus ein.

„Wenn man möchte, ich möchte aber gerade nicht“, gab ich zurück, „Kein Leid und keinen Schmerz. Leben zu respektieren in seiner ganzen Fülle und Einzigartigkeit. So dass man sich nicht mehr für dessen Erhalt einsetzen muss, weil wir alles daran setzen es nicht zu gefährden oder einzuschränken, weil wir es leben, wir alle, alle unser eigenes, kleines Leben. Jeder in Abstimmung mit dem anderen, den ich weder als Bedrohung noch als Konkurrenz sehe, sondern als ein Leben, das genauso ein Anrecht hat darauf, wie ich. Mich von der Gier zu verabschieden, und endlich zu sehen, wie reich ich beschenkt bin. Ein Schwenk vom Haben zum Sein. Ein Aufhören andere Lebewesen zu Dingen zu degradieren, sondern sie als ein Du zu sehen, dem ich lebendig-liebend begegnen kann. Das sind die grundlegenden Voraussetzungen, dass ich überhaupt zum Glück finden kann, denn so lange ich mich mit Wut und Zorn und Gier belaste, bin ich verkrampft und blind, auch für meine eigene Bedürftigkeit. Unbelastet und vorurteilsfrei sollte es sein.“

„Das klingt sehr ausgewogen und vernünftig“, merkte Maria an, „Aber der Mensch ist, und das haben wir schon mehrere Male festgestellt, weder ausgewogen noch vernünftig, sondern vielmehr triebgesteuert und unvernünftig. Viele denken weder über den Tellerrand noch über den Moment hinaus. Und trotzdem ist es legitim die Hoffnung zu behalten. Irgendwann wird der Tag kommen, dass am Heiligen Abend keine Leiche am Tisch liegt, dass es keine Notwendigkeit gibt sich gegenseitig das Leben zu vermiesen, wie es gerade in Familien gerne geschieht, dass das Miteinander mehr zählt als die Packerl unterm Baum, dass wir einander liebend annehmen und alles was vorher war vergessen.“

„Das Baby in der Krippe als die Möglichkeit zu sehen, neu anzufangen, zu sehen, dass es nicht zu spät ist alles anders zu machen, als es bisher geschah“, ergänzte Jesus, „Die Chance auf die Verwirklichung des Sinnes von Weihnachten und der Übersetzung der Botschaft ins Leben. Es kann sein.“

 

Ich hatte mich zu den Welpen auf den Boden gesetzt. Auch zu Hope, die geruhsam zusah wie die Kleinen, eines nach dem anderen, auf meinen Schoß kletterte und darauf einschlief, dicht aneinander gekuschelt. Dann schloss sie ebenfalls die Augen. Es war gut wie es war. Ich dachte noch, dass es wohl das war, was es sein sollte, gelebt und ins Leben gebracht von unseren Mitgeschöpfen, die noch nichts gehört hatten von einer Botschaft oder von Weihnachten, sondern es einfach so machten, wie es sein sollte. Nur der Mensch brauchte diese Krücke einer Botschaft, weil er es nicht einfach tun konnte. Und während ich gedankenverloren die Welpen auf meinem Schoß streichelte, sanft, so dass ich sie nicht weckte, aber dennoch die Wärme auf meinen Fingern spürte, die Wärme und das weiche Fell, glitt mein Blick zum Fenster. Große, dicke Schneeflocken wiegten sich in der Luft und fielen langsam zu Boden. Ein Gupf hatte sich bereits am Fensterbrett gebildet. Dann fiel mir ein, dass ich noch meinen Tee hatte. Vorsichtig drehte ich mich zur Seite, bog den Oberköper durch und streckte den Arm so weit es ging, so dass ich mich nach vorne beugte. Die Fingerspitzen waren bereits bei der Tasse, doch ich hatte die Tischkante übersehen, so sehr war ich auf das Ergreifen der Tasse konzentriert, und diese Tischkante kollidierte nun unsanft mit meinem Kopf. Zum Glück hatte ich die Tasse noch nicht umfasst, denn ich hätte sie sonst wohl vom Tisch gefegt, als ich in Ohnmacht fiel. Und plötzlich war alles ruhig und friedlich. Wie von selbst.

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