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Life is too short for boring stories

0. Auf Herbergssuche

 

Maria und Joseph fanden keinen Platz in der Herberge, so heißt es in der Weihnachtsgeschichte. Lilith hätte Platz genug für sie gehabt. Mehr als genug. Ein großes Haus nannte sie ihr Eigen, das nun nur mehr von ihr bewohnt wurde. Früher, da war es anders gewesen, als die Kinder noch da waren und ihr Mann. Tatsächlich, er war noch immer ihr Mann, und immer noch großzügig. Vielleicht auch nur deshalb, weil ihm das Geld egal war, so lange er nur in Ruhe mit seiner neuen Flamme leben konnte.

Viele Jahre hindurch hatten sie eine gute Ehe geführt. Aber was heißt schon gut? Sie war zufrieden gewesen, mit ihrer Aufgabe für ihn und die Kinder da zu sein. Er hatte seine Karriere verfolgt und erfolgreich vorangetrieben. So erfolgreich, dass sie sich materiell jeden Wunsch erfüllen konnten. Sie schöpften aus dem Vollen. Im Gegenzug hielt sie ihm den Rücken frei und behelligte ihn niemals mit privaten Dingen. Immer hatte sie Zeit und ein offenes Ohr für ihn. Das war die Rollenverteilung. So klassisch sie auch sein mochte, so oft sie auch von anderen dafür belächelt wurde, sie fühlte sie wohl darinnen und das war doch wohl die Hauptsache. Sie genoss es die Kinder aufwachsen zu sehen, sie auf ihrem Lebensweg zu begleiten, bis sie so weit waren, dass sie das Haus verließen um ihren Weg ohne sie zu gehen. Das war schon längst geschehen, und es war der Lauf der Dinge. Sie hatte vier Kinder, zwei Burschen und zwei Mädchen. Interessanterweise hatten gerade ihre Töchter ihre Lebensweise am meisten hinterfragt und sich beide für eine Karriere und gegen eine Familie entschieden, zumindest vorerst einmal.

 

Nachdem die Kinder, und damit ein großer Teil ihrer Aufgaben, ausgezogen war, begann Lilith wieder zu arbeiten, zumindest halbtags, denn das große Haus mit dem weitläufigen Garten bedurfte eines großen Einsatzes. Da war eine Halbtagsanstellung ideal. Und es war auch der Zeitpunkt, zu dem ihr Mann ihr in sachlichem Ton, wie sie es von ihm gewohnt war, mitteilte, dass er sie verließe und zu seiner Freundin zöge, einem Mädchen, halb so alt wie er und nicht viel älter als seine älteste Tochter. Lilith ließ ihn ziehen. Was sollte man auch einem alten Mann entgegensetzen, der der eigenen, vergangenen Jugend nachtrauert und davon noch ein wenig bei anderen abknabbern möchte? So viele gemeinsame Jahre, und dann war er einfach fortgewesen. Sie ließ ihn gehen, weil sie keine Wahl hatte. Auch wenn ihr das Herz schmerzte. Das gehörte dazu. Sie wusste damit umzugehen. Denn wer nicht auf die Liebe verzichten will, der darf auch nicht auf den Schmerz verzichten. Endlose Tage und Nächte voller Wut und Freude, Schmerz und Glück, Verzweiflung und Hoffnung hatte sie hinter sich. Alles war in eins geflossen, und zeigte ihr nicht nur, dass sie noch lebte, sondern dass sie auch noch viel zu geben hatte.

 

Maria und Joseph hätten bei ihr einen Platz gefunden. Leben wäre wieder im Haus gewesen, vor allem mit dem Neugeborenen. Jahrzehnte war es her, dass Lilith zum letzten Mal ein Neugeborenes umsorgen durfte. Sie spürte die Sehnsucht, die Sehnsucht für jemanden da sein zu können, so wie sie es seit Jahrzehnten gewohnt war, aber da war niemand mehr. Doch sie wollte dabei nicht stehenbleiben. Man hat immer zwei Möglichkeiten. Entweder legt man die Hände in den Schoß und wartet ab was passiert. Dann wird aber höchstwahrscheinlich gar nichts passieren. Oder man geht hinaus und findet was man sucht. Lilith hatte in ihrem ganzen Leben noch nie die Hände in den Schoß gelegt und abgewartet.

 

Versonnen stand sie an der Eingangstüre und blickte zurück auf ihr bisheriges Heim, das ihr lange Jahre Zuflucht, Heimat und Schutz war. Doch nun waren es nichts weiter als Wände um leere Räume. Natürlich waren Möbel darin, aber es war kein Leben mehr darin. In solch einem Haus konnte man nur mehr aufs Sterben warten. Und das hatte Lilith nicht vor, sondern ganz im Gegenteil. Ein weiteres Mal wollte sie sich aufmachen und neu beginnen. Welcher Zeitpunkt hätte sich besser eignen können als die Adventzeit? Zeit der Ankunft – der Erwartung einer Ankunft. Auch sie würde ankommen, wo auch immer. Das Neue, das dort draußen irgendwo lag, und von dem sie noch nichts wusste, wartete darauf von ihr entdeckt zu werden.

 

Ein letzter prüfender Blick galt dem Inneren des Hauses. Lilith war darauf bedacht alles ordentlich zu hinterlassen. Als sie sich davon überzeugt hatte, dass dem wirklich so war, schloss sie sachte die Türe zu ihrem Haus und zu ihrem bisherigen Leben. Ebenso sorgfältig schloss sie das Gartentor. Dann stand sie auf dem Gehsteig. Wohin sollte sie sich wenden?

 

„Rechts“, sagte ihr ihre innere Stimme, und sie folgte dieser, so dass sie sich nach rechts wandte. Sie ließ ihre Beine wandern wohin sie wollten. Zunächst kam sie noch recht flott voran, doch je weiter sie sich dem Stadtzentrum näherte, desto langsamer kam sie vorwärts. Der Einkaufssturm vor Weihnachten hatte bereits eingesetzt, und so war sie immer öfter gezwungen anzuhalten um den Weg für die Vorbeieilenden freizugeben. Menschenmassen zwischen hell erleuchteten Schaufenstern. Alle hasteten. Alle drängten. Alle? Plötzlich hielt sie inne. Mitten in diesem Trubel, und doch scheinbar weit weg, stand ein junges Pärchen, das sich einfach eng umschlungen hielt. Sie wurden immer wieder angerempelt, weil sie im Weg standen, aber sie schienen es nicht zu bemerken. Nichts konnte sie in ihrer Zweisamkeit beirren. Zweisamkeit, die so gut tat. Eine Umarmung, die Halt gab, in der aber auch immer ein wenig Verzweiflung wohnte.

„Halt mich, damit ich nicht verloren gehe im Einerlei!“, sollte diese Umarmung sagen, auch wenn die Worte niemals ausgesprochen wurden. Lilith wusste es, nur allzu gut.

 

Ein Rempler in ihre Seite. Ein kurzer, stechender Schmerz, der die Aufmerksamkeit und den Blick von dem Pärchen weg- und zu einem kleinen Geschäft hinzog. Sie hatte es zunächst nicht bemerkt, da es – im Gegensatz zu den umliegenden – leer war. Nur die Glasregale in den Auslagen, die sich an zwei Seiten hinzogen, waren geblieben. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch mit vier Sesseln, spärlich erleuchtet von einer Leselampe. Sonst nichts. Magisch zog sie dieses Geschäft an. Früher waren hier Süßigkeiten verkauft worden, wie sie sich noch gut erinnerte, doch jetzt war es leer. So leer wie ihr Leben, das sie neu zu erfüllen gedachte. So gehörten sie und das leere Geschäft zusammen. Beide hatten sie ihre Geschichte, die sie in sich trugen, aber doch nicht mehr als Vergangenheit war.

 

„Zu verkaufen“, stand an der Türe, und eine Telefonnummer. Wenige Stunden später war Lilith stolze Besitzerin eines leeren Geschäftes, das außer ihr offenbar niemand haben wollte. Es hatte auf sie gewartet. Noch am selben Abend zog sie in die Wohnung ein, die hinter dem Geschäft lag. Küche, Bad, Wohnzimmer, Schlafzimmer – mehr brauchte sie nicht, und über der Türe prangte ein Schild: „Was brauchst Du wirklich?“. Die Leselampe ließ sie brennen, auch als sie schlafen ging.

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