Degenhart liebt Fleisch

Degenhart liebt Fleisch – Aktivismus

Degenhart wuchs gutbehütet in einer Familie auf, in der die Rollenverteilung noch passte. Mutter kochte, putzte und versorgte ihre Männer. Das war bei sieben an der Zahl doch eine große Herausforderung. Sieben Kinder hatte sie geboren, sechs Buben und ein Mädchen. Das Mädchen war leider verstorben, gleich nach der Geburt. „Plötzlicher Kindstod“, hieß es im Totenschein. Degenhart war neben dem Bettchen gesessen und hatte ihr beim Sterben zugesehen. Es war eigenartig. Erst, als sie sich nicht mehr rührte, nicht mehr atmete, stand er auf und berührte sie. Wie wunderschön sie doch war. Der Tod hatte sie veredelt und gereinigt. Er war so ergriffen, dass er den überwältigenden Wunsch verspürte, einen Teil von ihr zu behalten oder so nahe wie möglich an sich zu bringen, bevor sie kommen würden, um sie zu begraben. Aber wie sollte er es anstellen? Endlich kam ihm eine Idee.

Degenhart schnitt ein kleines Stück aus dem feisten Oberschenkel des Babies, briet und aß es. So war er dem schönsten Wesen, das er je gesehen hatte, ganz nahe. Doch nicht nur das. Er stellte fest, dass dieses Fleisch so gut schmeckte wie kein anderes, das er je gegessen hatte. Gerne hätte er mehr gewollt, doch sie war fort und nicht mehr zugänglich. Was könnte er tun? Er war gerade 18 geworden und hatte seinen Schulabschluss in der Tasche. Nach tagelangem Grübeln kam ihm endlich der rettende Gedanke, er würde Pathologe werden. Die langen Jahre, bis er endlich in diesem Beruf arbeiten konnte, brach er immer wieder in Leichenschauhäuser ein und schändete eine Leiche. Damit es nicht auffiel, wählte er welche, die weit weg waren und schnitt so viel von verborgenen Stellen heraus, dass es nicht auffiel. Und sollte es doch einmal bemerkt werden, so müssten sie ihn erstmal finden. Daneben musste er natürlich die Todesanzeigen verfolgen. Außerdem arbeitete er ehrenamtlich als Rettungssanitäter, was ihm zusätzlich Zugang zu frischem Fleisch ermöglichte. Doch ein Baby hatte er seitdem nie wieder essen können. Zumindest nicht ohne, dass es auffiel.

Der Name für seine Tat war wohl Leichenschändung bzw. Störung der Totenruhe, geht man nach dem Strafgesetzbuch. Degenhart, der nicht nur in dem Glauben erzogen wurde, dass alles Tote gut ist, sondern auch, dass man nichts verschwenden sollte, verstand das Problem mit seiner Tat nicht. Eigentlich zeugte es von Ehrfurcht für die Toten. Er sah es, als Respektsbezeugung, indem er einen Teil von ihnen zu einem Teil von sich selbst machte. Allerdings war er zu sehr Wissenschaftler, um sich dazu zu versteigen, dass auch die Lebenskraft oder sonst was irreales von dem Leichnam auf ihn überginge. Außerdem war es eine fürchterliche Verschwendung, junges, frisches, letztlich gesundes Fleisch einfach einzugraben und es den Würmern und sonstigen Destruenten zu überlassen. In einer Gesellschaft, in der das Tote so geschätzt wurde, einer nekrophilen Gesellschaft, also die, in der er aufgewachsen war, müsste eigentlich die Toten genauso behandeln, wie er es tat. Gerne hätte er mit jemandem darüber gesprochen, aber er wagte es nicht. Mittlerweile war er ein landesweit anerkannter Pathologe, hatte selbst eine Familie gegründet und vier Töchter, zu seinem großen Leidwesen. Es gab Zeiten, da vermochte er seine Obsession zu zügeln, ja gar ganz zu vergessen, aber sie kehrte immer wieder. Als seine Frau ein weiteres Kind gebar, so war es der langersehnte Junge, der allerdings auch wenige Tage nach der Geburt starb. Degenhart war untröstlich. Er erinnerte sich an seine kleine Schwester, die er so sehr ersehnt hatte und die ihm so schnell wieder genommen worden war. So wie sein Sohn. Und er aß den kleinen Jungen auf, ganz und gar. Seine Frau überraschte ihn dabei und war entsetzt, entsetzt erkennen zu müssen, dass sie einen Kannibalen geheiratet hatte. Sie zeigte ihn an und er kam vor Gericht. Die Haft blieb ihm nicht erspart, vor allem, weil er seine Taten nicht bereute. Alles hatte er gestanden und mit der Frage geschlossen, was denn das große Übel daran wäre. Schließlich habe er niemandem geschadet, bis auf seinen Sohn immer nur ein wenig gegessen und das mit bester Absicht. Er hatte keine Antwort bekommen. Das einzige, was ihm entgegenschlug, waren Missgunst, Verachtung und Ekel. „Der Kannibale“ wurde er in den Medien genannt und teilweise aufs abscheulichste beschimpft. Doch niemand konnte ihm tatsächlich sagen, was an seinen Taten so verabscheuungswürdig war, denn fast alle Menschen essen Fleisch. Ist es da nicht sekundär, wenn das Tier, von dem es kommt früher gut gelebt hat und eines natürlichen Todes starb? Letztlich musste Degenhart in die Psychiatrie überstellt werden, weil er dem Wahnsinn verfiel, der sich dahingehend äußerte, dass er nichts mehr anders sprachlich hervorbrachte als die Frage, warum es denn böse ist, Fleisch zu essen.

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2 Kommentare

  1. Ups, von der Thematik eine interessante Geschichte. Der Beitrag ist aber hier zweimal hinein gestellt, vielleicht die Wiederholung noch rausnehmen?
    Liebe Grüße
    Nadine

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