Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
Es begann an einem wunderschön sonnigen Tag im Mai. Es musste wohl der zweite gewesen sein, denn am Tag zuvor war Mirjam Moluske noch beim Aufmarsch zum ersten Mai mitgegangen. Da war ihre Welt noch in Ordnung, so weit sie es eben sein konnte für jemanden, der seine Eltern verloren hatte und in einem Arbeitsverhältnis stand, mit dessen Salär sie mehr recht als schlecht über die Runden kam. Aber irgendwie war es sich immer noch ausgegangen. So handelte sich Mirjam von einem Monat zum nächsten. Und da erzählten ihr die Menschen, die mehr Geld hatten und auch sonst unter einem mehr litten, dass man nur fleißig zu sein brauchte, dann könne jeder reich werden. Aber es erklärte ihr niemand, wie das gehen solle, denn sie war durchaus fleißig. Ihre Arbeit als Altenpflegerin machte sie gerne, aber sie laugte Mirjam auch zusehends aus. Nicht die Arbeit an sich, auch nicht das permanente Gefühl, dass sie ausgenutzt wurde, da der Verdienst in keiner Relation zu ihrem Einsatz stand, sondern der Umgang mit den Menschen, die ihr anvertraut waren.
Dabei hatte sie es noch gut erwischt, da sie in einem Altersheim arbeitete. So musste sie zumindest nicht den ganzen Tag unterwegs sein, wie viele ihre Leidensgenoss*innen, die in der ambulanten Pflege tätig waren. Ständig fuhren diese herum, mit der Stoppuhr im Hinterkopf, da jede Leistung genau durchgetaktet war. Da blieb keine Gelegenheit fĂĽr ein Gespräch mit den Menschen, die sie betreuten oder einfach nur mal fĂĽnf Minuten bei ihnen zu sitzen und ihre Hand zu halten, denn die Zeit, die sie mehr brauchten als vorgesehen, wurde nicht bezahlt. Die Pflege war ihre Aufgabe, nicht die sozialen BedĂĽrfnisse der Menschen zu befriedigen. DafĂĽr waren andere da. Dabei waren es zumeist nicht die körperlichen Leiden, die den Menschen zu schaffen machten, sondern die Einsamkeit, die Isolation und die bedrĂĽckende Erkenntnis, fĂĽr die Gesellschaft nur mehr eine Last zu sein. Die meisten von diesen alten Menschen hatten zwar Kinder und Enkelkinder, aber die hatten ihr eigenes Leben zu leben, mussten arbeiten und Geld verdienen. Da blieb keine Zeit fĂĽr die alte Mutter oder den betagten Vater. „Und das tust Du Dir an?“, hatte Mirjams Mutter sie gefragt, als die Tochter beschlossen hatte, Altenpflegerin zu werden, „Anderen Menschen den Arsch abwischen, das ist Deine Vorstellung eines normalen Lebens? Wie peinlich. Wie erkläre ich das meinen Freundinnen?“ „Ist es wirklich so schlimm, anderen helfen zu wollen?“, fragt Mirjam, die es nicht verstand. Ihre Mutter repräsentierte, das war alles, was sie tat. Dazu gehörte es, viel Geld auszugeben und an der Seite ihres Mannes zu glänzen. Eigentlich war sie so notwendig, wie eine Skulptur. Schön, aber ohne jeglichen Nutzen. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb wollte sie fĂĽr ihre Tochter eine Position, in der sie eine ebenso tragende Rolle in der Gesellschaft spielte, wie sie selbst. „Und es sind die Menschen, die pflegen, die unsere Gesellschaft tragen“, hatte Mirjam ihrer Mutter erklärt. „Das sind doch Hilfsarbeiter. Wir, Dein Vater und ich, wir sind tragende Mitglieder der Gesellschaft“, hatte die Mutter erwidert. „Höchstens der Society, die keiner braucht, aber sich um diese Menschen zu kĂĽmmern, das ist tatsächlich wertvoll“, erklärte ihr Mirjam. „Was sagst Du da? Du stellst unseren Wert in Frage?“, hatte ihre Mutter geschnaubt und sie der TĂĽre verwiesen. Damals hatte sie ihre Mutter verloren. Kein Wort hatten sie mehr miteinander gesprochen. Und ihr Vater? Der hatte wohl die Erzählung seiner Frau ĂĽbernommen und weitergearbeitet, wie er es immer schon getan hatte. Seitdem hatte Mirjam keine Eltern mehr, es aber trotzdem geschafft, ihre Ausbildung zu absolvieren. Eine Freundin, die gerade ein Zimmer in ihrer Wohngemeinschaft zu vergeben hatte, hatte Mirjam aufgenommen. Seitdem wohnte sie bei ihr. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass Mirjam sich wirklich willkommen fĂĽhlte. Nachdem sie Ausbildung abgeschlossen hatte, hatte sie die Anstellung in diesem staatlichen Altenheim gefunden. Sehr schnell musste sie erkennen, dass es sich eher um eine Verwahranstalt handelte, in der man zwar die körperlichen BedĂĽrfnisse der teils sehr gebrechlichen alten Menschen erfĂĽllte, aber nichts darĂĽber hinaus. Mirjam war sich im Klaren darĂĽber, dass es eben nicht anders ging, weil die Mittel knapp waren, aber was war das fĂĽr eine Gesellschaft, die ihre Alten so schlecht behandelte, wegsperren und am besten nicht damit konfrontiert werden. Heute morgen hatte sie die KĂĽndigung bekommen, offiziell, weil sie keinen Bedarf hatten an ihrer Arbeitsleistung. Doch Mirjam wusste es besser. Eine Kollegin hatte es ihr erzählt. Ihre Teilnahme beim Aufmarsch am ersten Mai. „Eine Linke brauchen wir hier nicht“, hatte der Direktor angeblich seiner Sekretärin erklärt. Und wer am ersten Mai marschiert ist links. Aber das Schlimmste war, dass Sybille und Mirjam aus der Wohnung hinaus mussten. „Eigenbedarf“ hatte der Vermieter angefĂĽhrt. Wer wollte es Mirjam verdenken, dass sie selbst der schönste Sonnenschein kalt lieĂź, an diesem zweiten Mai.

