„Sag mal, wie alt bist Du eigentlich?“
„70, heute. Warum?“
„Ich wollte nur wissen, wie lange man ohne Hirn leben kann.“ [1]
Wie man sieht, offenbar zumindest 70 Jahre. Wobei, ganz stimmt es ja nicht, denn das Organ, das Cerebrum, wie es die Lateiner*innen nannten, existiert wohl, aber gemeint ist wohl, wie alt man werden kann, ohne sich der großartigen Möglichkeiten des Denkes, also Reflektierens, Verknüpfens, Erkennens etc. zu bedienen. Das funktioniert offenbar sehr gut.
„Das habe ich in der Schule so gelernt und deshalb ist das so.“
Das ist einer Deiner Lieblingssätze. Das bedeutet nicht, dass sich die Wissenschaft seit 50 Jahren nicht weiterentwickelt hat, sondern dass Du stehengeblieben bist und Dich mir Dir und vielen anderen darüber verständigst, dass nach dem Tag der Matura nichts mehr kommt.
„Ich habe so viel in der Schule gelernt, das reicht für ein Leben.“
Zurücklehnen und von dem zehren, was man hat, das ist Deine Devise, auch wenn Du Dich selbst als Freidenker siehst. Sogar als Anarchist, wobei sich Dein anarchistisches Wirken darauf beschränkt, nicht wählen zu gehen. Was wohl damit zusammenhängt, dass Du zu faul bist zur Wahl zu gehen oder einfach keine Ahnung von Politik hast. Nein, Anarchist bist Du nicht. Das ist eigentlich eine Verspottung jeder halbwegs aufrechten Anarchistin, denn Anarchie bedeutet Herrschaftslosigkeit und da passt es nicht dazu, dass man, wie Du es gerne tust, bei jedem vermeintlichen Vergehen z.B. indem man Dich schneidet mit dem Auto, sofort zur Polizei rennst, ausgestattet mit Videobeweisen. Die Technik verabsolutiert den vernadernden Charakter. Wobei man sagen muss, die Intensität der Überwachung als eine Obsession, dazu muss man schon alt werden und lange üben. Aber was Dich noch vom Anarchisten unterscheidet ist die Anerkennung einer unbegrenzten Macht, die sogar weiblichen Geschlechts ist. Wobei die eine durch eine andere ersetzt wurde bzw. Du, sobald Du der ersten zumindest räumlich entkommen warst, dafür Sorge trugst, wieder eine zu Hause zu haben. Zuerst war es Deine Mutter. Immerzu dachtest Du darüber nach, ob es der Mami recht gewesen wäre. Auch über ihren Tod hinaus. Aber damit es nicht allzu langweilig ist mit dem Despotismus, übernahm Deine Frau diese Rolle. Merkt man was davon? Nicht direkt, denn die Unterwerfung geht so weit, dass Du bereits im vorauseilenden Gehorsam alles machst, was sie von Dir wollen könnte. Was für eine glückliche, harmonische Ehe, voller Treue und Liebe. Doch der Schein trügt, denn es passiert, was bei einer solch obsessiven Unterdrückung passieren muss, es wird gelogen. Was sie nicht wissen darf, das machst Du heimlich.
„Wo man alles, was bei drei nicht am Baum ist paniert …“,
heißt es in der neuen, heimlichen Hymne an Österreich und trifft perfekt auf Dich zu. Männer machen das, weil es ihre Gene ihnen vorschreiben. So prahlst Du mit all dem, so lange sie nicht da ist. Warum sie nichts davon erfährt? Weil es ein Machoding ist, dass man darüber nicht redet. Aber jetzt, wo Du mit Deiner Frau zu Hause bist, wird sich die Harmonie ausbreiten und Du hast Ausflüge in andere Betten nicht mehr nötig. Oder Du kannst die Aufgabe nicht mehr erfüllen. Wie auch immer. Doch wenn es eine Frau macht, dann ist es obszön und schamlos. Vor allem, es gehört sich nicht, Dich zu verlassen. Wenn Du Frauen benutzt, ist das in Ordnung und Du tust es, so lange es Dir gefällt. Dann servierst Du sie ab, weil Du kannst. Wenn es umgekehrt passiert, dann ist sie böse und gefühllos. Die Verletzung der Eitelkeit, vor allem der männlichen, ist ganz besonders schmerzvoll.
Was Verallgemeinerungen betrifft bist Du allerdings eher schmerzbefreit oder Du hast tatsächlich die Weisheit mit dem Löffel gefressen.
„Alle Juden sind laut. Das sieht man sofort, wer einer ist.“ Und Du kennst sie alle.
„Alle Neger sind faul. Das liegt in ihrer Natur.“ Und Du kennst sie alle.
„Alle Homosexuellen sind aufdringlich. Die wollen mich alle.“ Und Du kennst sie alle.
„Alle Frauen sind selbst schuld an ihrer Unterdrückung. Die jammern nur.“ Und Du kennst sie alle.
Mit einem Wort: antisemitisch, rassistisch, homophob, misogyn und auch noch stolz darauf.
All das kann man erreichen, wenn man 70 wird. Du kannst stolz auf Dich sein. Dennoch sage ich, bleib so wie Du bist, denn besser wird es ganz bestimmt nicht mehr. Man kann sich zwar auch kaum vorstellen, dass es noch schlimmer wird, aber das hätte ich auch gesagt, wenn man mir erzählt hätte, dass es das gibt Dich.
In diesem Sinne, die besten Wünsche zum Geburtstag. Und ich hoffe, Du bist wirklich einzigartig.
[1] In Anlehnung an eine legendäre Doppelconference von Karl Farkas und Ernst Waldbrunn.


Danke, schön auf den Punkt gebracht!
Kleine Korrektur vielleicht? „das ist Deine Device“ gemeint ist sicher „Deine Devise“…
Liebe Grüße
Nadine Hoffmann-Voigt
Liebe Nadine! Vielen Dank für die Rückmeldung und den Hinweis. Schon ausgebessert. Glg Daniela
Du hast so vollkommen Recht. Man wird nachdenklich, man schließt oft von sich auf andere, kann man auch von anderen auf sich schließen? Nicht mehr lange, dann sollte ich auch siebzig werden. Wie schaut es bei mir aus? Habe ich mich treiben lassen im Gleichklang der Allgemeinheit, oder habe ich eigene Akzente gesetzt? Bin ich ein Mensch, der denkt, der plant und tut, oder bin ich einer, der nachsagt, mitläuft und konsumiert.
Danke Daniela für diesen Denkanstoß!
Willi
Hallo Willi! Allein Dein Kommentar zeigt, dass Du da nicht mitschwimmst. Es zeigt, dass Du reflektiert, überlegt und kritisch bist, auch Dir selbst gegenüber. Ich erlebe es auch so Und ich denke, dass das nicht an eine bestimmte Zahl an Lebensjahren gebunden ist. Danke für Deine Gedanken, die Du teilst. Lg. Daniela