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Life is too short for boring stories

„Was hält mich? Warum gehe ich nicht einfach weg?“, denke ich mir, während ich am Bahnhof stehe und auf den Zug warte. Ich habe versprochen Dich abzuholen. Es ist halb zwei Uhr morgens. Ich habe es versprochen. Also stehe ich da und warte bis der Zug kommt und Dich zu mir zurückbringt. „Wie schön wäre es doch, wenn der Zug ankäme, alle Leute ausstiegen, nur Du nicht! Wie schön wäre es doch, wenn Du Dich dazu entschlossen hättest dort zu bleiben wo Du jetzt bist!“, denke ich mir. Nein, Du schlägst mich nicht und Du säufst auch nicht. Ist das nicht schon Grund genug um glücklich zu sein? Ist das nicht schon Grund genug zu sagen, ich habe einen guten Mann? Wenn schon nichts Gutes kommt, so zumindest nicht allzu viel Schlechtes. So kann ich mich nicht von Dir trennen. Wie sollte ich es erklären? Hat er Dich geschlagen? Trinkt er?, würde ich gefragt werden.

Nein, das tut er nicht, würde ich antworten. Bloß wegen der Missachtung, bloß wegen der Verständnislosigkeit, bloß wegen der Stummheit, bloß wegen dem Misstrauen, bloß wegen der ständigen Streitereien, bloß wegen der Kälte, bloß deswegen sich zu trennen, das ist doch Unsinn. Bei jeder Kleinigkeit laufen die Frauen heutzutage davon. Dabei wissen sie doch selbst nicht genau was sie wollen. Er soll viel Geld verdienen und ständig für sie da sein und ihnen ständig zuhören und sich für all den Quatsch auch noch interessieren, den sie so erzählen. Das kann doch kein Mann leisten. Und so laufen sie ständig davon. Früher, ja, da war man froh, wenn er einen nicht geschlagen hat und nicht das ganze Geld versoffen hat. Aber heutzutage, mit all dem Blödsinn vonwegen Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit, der den Frauen eingeredet wird. Das kann doch nur schiefgehen. Also kann ich mich nicht trennen, weil ich eine Verantwortung habe, aber ich werde doch wohl ein wenig träumen dürfen, dass er nicht in dem Zug sitzt und ich heute Nacht alleine nach Hause fahren darf, dass ich einen Anruf bekommen, dass er einen Unfall hatte und nicht nur nicht heute, sondern nie mehr zurückkommt. Wenigstens noch ein paar Minuten träumen.

 

Ich höre die Lautsprecherdurchsage, die den Zug ankündigt. Ich stehe vor dem Rammbock, der das Ende des Gleises bezeichnet auf dem der Zug einfahren wird, in dem Du sitzt. Langsam fährt er in den Bahnhof ein. Geradewegs fährt er auf mich zu. Aus den Augenwinkeln sehe ich einen Mann, der wild gestikuliert, höre, wie er mir etwas zuruft, doch ich verstehe ihn nicht. Ich will noch ein wenig träumen, bloß noch ein wenig. Der Zug kommt näher. Der Mann gestikuliert heftiger, schreit lauter. Ich will es nicht hören. Warum darf ich nicht einfach dastehen und noch ein bisschen träumen? Der Zug kommt auf mich zu, immer näher, bis zum Rammbock, doch er steht nicht, fährt darüber hinweg, direkt auf mich zu. Nur noch ein bisschen träumen will ich. Der Zug fährt auf mich zu. Aus irgendeinem Grund bremst er nicht. Der Mann hat es aufgegeben, das Gestikulieren und Schreien, als der Zug mich erfasst und einfach über mich drüberfährt. Ein wenig seltsam war es schon, dass er nicht bremste. Und ich durfte ein bisschen träumen, davon Dich nicht wiedersehen zu müssen. Doch dass sich mein Traum so schnell erfüllen sollte, damit konnte ich doch nun wirklich nicht rechnen. Man sollte gut achtgeben, wenn man sich was wünscht.

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