Unsere Reise nach Ravenna: Brief 10

Unsere Reise nach Ravenna: Brief 10 – Alle Geschichten

Für Dich, der Du mir die Augen öffnest zu vertrauen!

Ein sanfter Wind streichelte meine Haut, als ich heute morgen in dem Hotelzimmer in Venedig, in dem ich nächtigte, immer noch alleine nächtigte, auf den Balkon trat, um den neuen Morgen willkommen zu heißen. Ein sanfter Wind streichelte meine Haut, und weckte aufs lebhafteste die Erinnerung an Deine Berührung in mir, eine Berührung, die viel tiefer geht als jede zuvor. Unwillkürlich schloss ich die Augen, um dieses Gefühl nicht zu verlieren. Wie lange, wie scheins unendlich lange schon musste ich auf diese, Deine Berührung verzichten? Wie lange, scheins unendlich lange, musste ich schon darauf verzichten Deine Haut auf meiner zu spüren, Deine Lippen auf meinen, Dich in mir, wie lange? Wie lange schon, wie scheins unendlich lange schon war es mir verwehrt mich ganz und gar und restlos an Dich zu verlieren, in Deinen Atem, Deinen Herzschlag und Dein Begehren? Wie sehr doch sehnte ich mich danach. Wann, verdammt noch mal, wirst Du endlich diese drei Dinge erledigt haben und zu mir kommen?

Ich ließ mich ein, vollends, auf diese Erinnerung an Deine Berührung, hier auf dem Balkon meines Hotelzimmers in Venedig, ließ mich ein auf die Bilder unseres gemeinsamen Erlebens, dort, wo wir uns uns ganz, in all unserer Körperlichkeit schenkten, und die Ungeduld wurde immer größer, mein Verlangen mich Dir vollends hinzugeben, mich Dir zu schenken, mich Dir zu überantworten, mit allem, was ich zu geben hatte, gedanken- und rückhaltlos? Und was tat ich? Dann doch nichts weiter als Abschied zu nehmen von Venedig, so wie ich in den letzten Tagen jeden Morgen Abschied genommen hatte von dem jeweiligen Ort, an dem ich gerade war. Überall hatte ich einen Tag verbracht, aber diesen jeweiligen, diesen einen, diesen Tag, hatte ich wirklich dort verbracht, und der Abschied fiel mir nirgendwo schwer, denn einerseits konnte ich mit dem Bewusstsein weiterfahren, wirklich dagewesen, und nicht nur im Nebenbei heruntergefahren zu sein und nur angehalten zu haben, weil es mein Plan eben so vorsah, und andererseits, weil ich von jedem dieser Orte etwas reicher wieder weggefahren war, als ich angekommen war, reicher an Eindrücken, reicher an Bildern und reicher an Erkennen, doch vor allem hatte mich diese Reise Dir nähergebracht. Ich denke, ich kann es getrost nach wie vor als unsere Reise bezeichnen, denn obwohl Du nicht wirklich anwesend warst, hast Du mich doch ständig begleitet, warst Du, selbst in der schwärzesten aller Nächte, im tiefsten Schmerz bei mir. Vielleicht warst Du mir gerade da am nächsten, wo ich Dich am weitesten weg wähnte, hast mich geleitet und mir dazu verholfen wieder aufzustehen. Vielleicht hättest Du mir das ersparen wollen, doch Du wusstest, dass ich diesen Weg gehen musste, wollte ich wirklich bei Dir ankommen. Und genau das wollte ich, nach all den Um- und Irrwegen, einfach bei Dir ankommen!

An diesem Morgen also nahm ich Abschied von Venedig und setzte meinen Weg fort, der mich zur Abtei von Pomposa führte, zur vorletzten Station meiner Reise, und ich muss Dir gestehen, dass ich all meine Willenskraft aufbieten musste, um nicht diese Abtei Abtei sein zu lassen, und direkt nach Ravenna weiterzufahren, um das Schicksal ein wenig zu zwingen, doch was hätte ich zwingen können. Einerseits lässt sich das Schicksal nun mal nicht zwingen, und andererseits, wenn Du mich wirklich suchtest, würdest Du mich hier in der Abtei genauso finden wie in Ravenna.

Ja, morgen würde ich in Ravenna sein, doch heute noch in der Abtei von Pomposa. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund bildete ich mir ein, Du würdest morgen dort sein, dort in Ravenna. Dieser Gedanke war zunächst nur ganz klein, und ich versuchte auch alles was mir möglich war zu verhindern, dass er größer wurde, sich ausbreitete und mich letztendlich ganz einnahm, andererseits war er auch allzu verführerisch, allzu schön. Doch wie groß würde meine Enttäuschung sein, wenn dem dann nicht so wäre, wenn Du nicht kommen würdest, wenn Du Deine drei Dinge noch immer nicht erledigt hättest? Und dennoch, es war zu schön, um mich nicht einnehmen zu lassen.

Es gibt für alles einen richtigen Zeitpunkt. Für den Moment, in dem Wir uns kennenlernten. Vielleicht wären wir auch nur kurze Zeit zuvor oder danach für diese, unsere Begegnung nicht offen gewesen, doch in diesem Moment war es, und es war richtig so. Vielleicht hatten sich unsere Wege bereits zuvor gekreuzt, irgendwann einmal, doch auch wenn es so gewesen sein sollte, so war es bedeutungslos, denn nur in diesem einen, diesen Moment war es richtig. So gibt es eine Zeit anzukommen und eine Zeit Abschied zu nehmen. Und es würde auch der richtige Zeitpunkt kommen, in dem Du zu mir findest. Ganz gleich wann es so sein würde, ich ließ los und ging hinein in das Vertrauen, dass es so sein würde.

Ich bin durch die tiefe dunkle Nacht der Verlassenheit gegangen, durch diese finstere Schlucht der völligen Verlorenheit, und habe sie hinter mir gelassen, habe an deren Ende den Glauben wiedergefunden, den Glauben an Dich und an dieses Wir. Es heißt wohl, dass ich da glaube, wo ich nichts weiß. Ja, es ist auch so, dass ich dort glaube, wo die Grenzen des Wissbaren, des Aufweisbaren, enden. Es amüsiert mich ein wenig, denn würden wir wirklich dieses Experiment wagen uns auf das zurück zu ziehen, was wir wissen, wie schrecklich leer und trüb wäre doch unser Leben. Fakten, Zahlen, Gegebenheiten sind doch in Wahrheit nichts weiter als die körperliche Struktur, in der wir wohnen können. Natürlich brauchen wir Fixpunkte, Verlässlichkeiten, um uns nicht in der Haltlosigkeit zu verlieren, doch über das, all die menschlichen, zutiefst menschlichen Dinge, die uns wirklich berühren und angehen, über die können wir nicht wissen. Uns bleibt nichts weiter als zu glauben, uns anzuvertrauen, nichts weiter, und doch alles. So wie ich auf den richtigen Zeitpunkt vertraue, so vertraue ich darauf, dass Du Dich in Deiner Freiheit dazu entscheidest mich nicht fallen zu lassen, auch wenn Du es könntest. Mit offenen Händen und offenem Herzen stehe ich vor Dir, und Dir darin die Möglichkeit gebend mich zu verletzen, im Vertrauen darauf, dass Du es nicht tun wirst, denn nur die Möglichkeit der Verletzbarkeit, schenkt auch die Möglichkeit zu mir zu kommen. Ich kann Verletzbarkeit nur ausschließen, indem ich Dich ausschließe – und wäre das nicht die größte Verletzung, und ein Frevel an dem größten Geschenk, das mir zuteil werden kann? Ich vertraue mich Dir an, weil ich daran glaube, dass Du achtsam damit umgehst, mit diesem Geschenk, das ich selbst bin. Ich glaube daran und vertraue darauf, aber wissen, wissen kann ich es nicht.

Natürlich, wir versuchen uns zu schützen, so gut es geht, vor allem, wenn wir schon viele Verletzungen hinter uns haben, erlebten und durchlitten haben. Jedes Mal schwören wir uns, dass uns so etwas von nun an nie wieder passieren wird, dass wir es nie wieder zulassen, verletzt zu werden. So lange, bis wir wieder vor der Entscheidung stehen uns einzulassen oder uns zu verweigern, und damit verlieren.

Ich habe, an irgendeinem Punkt dieses Weges beschlossen, Dir ganz nahe sein zu wollen, mich Dir anzuvertrauen, und dieses Anvertrauen kann nicht ein bisschen, nicht nur ein halbherziges sein, es kann nur ganz geschehen. Wo ich beschloss mich Dir anzuvertrauen bin ich gesprungen, in das Wagnis, das Du heißt, in dem Vertrauen, dass Du mich auffängst.

Natürlich, ich versuchte auszuloten, zu Anfang, wie Du bist, was Du bist und welche Absichten Du verfolgst. Es gibt gewissen Anhaltspunkte, Indizien, die mir weiterhalfen, wobei selbst die Wahrnehmung dieser vermeintlichen Indizien verzerrt ist, wenn wir letztendlich nur das sehen können, was wir sehen wollen, sie unserer subjektiven Interpretation unterwerfen, so wie wir immer schon unserer eingeschränkten Wahrnehmung unterworfen sind. Nichts existiert weniger als Objektivität – so sehr wir uns auch vorgaukeln, wir wären objektiv. Letztendlich bleibt nichts als diese Entscheidung mich auf Dich einzulassen oder mich Dir zu verweigern. Letztendlich bleibt nur das Ausgeliefert-sein an Dein Wohl-meinen. Doch dieser Entscheidung entkomme ich nicht, und wenn ich sie getroffen habe, ist sie nicht mehr hintergehbar. An dem Punkt, an dem ich beschlossen habe Dir Du sein zu wollen, an dem ich Dich als Du annahm, konnte ich nichts weiter mehr als mich Dir anvertrauen, ganz und gar und restlos.

Gegen Mittag bin ich angekommen bei der Abtei von Pomposa, und diese Abtei besticht den Besucher durch ihre Wucht. Ein wunderbares Beispiel spätbarocker Baukunst, doch vor allem ist es eine steinerne Manifestation des Glaubens, in dem der Mensch sich etwas anvertraut, das weitaus größer, unfassbar größer als er selbst ist, vertrauend darauf, dass dieses unfassbar Große, für das wir im Grunde keinen Namen kennen, denn den Namen zu kennen, hieße, es für uns vereinnahmen zu können, uns führt und hält, selbst dort noch, wo wir selbst nicht mehr in der Lage sind uns zu führen und zu halten, weit über menschliches Wirken hinaus. Ja, überwältigt war ich, ohne verschüchtert zu sein, wenn ich sie betrat, diese mächtigen Innenräume der dreiflügeligen barocken Kirche. Wie reich an Glauben mussten die Menschen damals gewesen sein, wenn sie es auf sich nahmen, solch ein Bauwerk für den zu erbauen, zu Seinen Ehren, dessen Namen mir nicht kennen?

Ich möchte bewusst von längeren, detaillierteren Beschreibungen Abstand nehmen, so wie ich es während der ganzen Reise bereits getan habe, denn einerseits schienen mir die Dinge, die mit mir geschahen, dringlicher, und andererseits und vor allem wollte ich uns den Weg nicht versperren zu unserer wirklichen gemeinsamen Reise, wollte Dich in Deinen Eindrücken nicht mehr als notwendig beeinflussen, denn wahrscheinlich wird mein Erleben dennoch mitschwingen.

Wie soll ich diese Reise nun bezeichnen? Als meine? Grundsätzlich wäre es richtig, denn schließlich bin ich bis hierher allein gereist, und dennoch war es nicht meine Reise, denn ich habe sie mit Dir geplant, und habe Dich zumindest in meinem Kopf, in meinem Herzen, immer bei mir gehabt, und selbst in meiner Verlorenheit, warst Du mir nahe. So wie ich es erlebt habe, so würde ich mir wünschen diese Reise mit Dir zu tun, geographisch gesehen, so wie ich sie erlebt habe, denn das Erleben selbst wird im Miteinander ein anderes, ungekanntes sein, in seiner Art einmalig. Ich will nichts vorwegnehmen und deshalb an diesem Punkt abbrechen. Es wird geschehen, was geschehen soll, und wann es geschehen soll. Darauf vertraue ich – auf Dich vertraue ich.

Ich verweilte wohl einige Zeit in dieser Kirche, die trotz ihrer überwältigenden Ausmaße Schutz zu vermitteln vermag, und verlor mich in meinen Träumen. Ich war voller Zuversicht, als ich die Kirche verließ, um mich nun doch noch um ein Quartier umzusehen. Ich habe es geschafft, und wieder nicht vorweggenommen oder vorwegzunehmen versucht, was ich letztendlich doch nicht kann.

Als ich mich an diesem Abend ins Bett legte, so begab ich mich in Deine Arme, und in meine Hingabe an Dich. Du hast mich ganz unten erlebt, und hast mich auch wieder herausgeführt. Was sollte ich vor Dir noch zu verheimlichen suchen? Was könnte ich vor Dir noch verheimlichen? Was sollte ich vor Dir noch zurückzuhalten suchen? Was für Grenzen sollte ich noch anerkennen?

Heute noch bin ich hier, bei der Abtei von Pomposa, und morgen komme ich an, am vorläufigen Ziel meiner Reise, in Ravenna. Wirst Du wohl kommen?

Von der, der Du zu vertrauen lehrst.

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