Es gibt sie, die Höfe, bei denen auf Tierwohl tatsächlich geachtet wird, die versuchen, die ihnen zum Besitz gewordenen Lebewesen, so gut wie möglich zu behandeln. Es gibt sie. Aber sehr selten. Was auch logisch ist im Sinne des kapitalistischen Systems, dem sich auch Landwirt*innen zu unterwerfen haben, denn hier bestimmt die Nachfrage das Angebot bzw. steht es jeder frei, unter Wert zu verkaufen. Deshalb muss so billig wie möglich produziert werden, befeuert noch durch Subventionen, die allerdings der liberalen Einstellung widersprechen, da es sich um eine Marktverzerrung handelt. So billig wie möglich produzieren, bedeutet, dass die Tiere so schnell wie möglich mit so wenig Arbeit und Futtermittel gemästet werden bzw. so viel von ihren Körpern herausgepresst wird, wie gerade noch vertretbar ist wie es im Falle von Kühen und Hühnern der Fall ist. Deshalb ist die Haltung der meisten sog. Nutztiere keine Überraschung, auch wenn es schön geredet wird. Dennoch gibt es sie, die Vorzeigehöfe, die dann gerne für Imagekampagnen verwendet werden. Dabei wird geflissentlich darauf vergessen zu erwähnen, dass es sich um unter 1% der Betriebe handelt. Um mir selbst ein Bild zu machen, besuchte ich einen dieser Höfe.
Dieser Betrieb hielt Kühe, denen die Milch weggenommen wurde, Kälbermilch, wobei die Kühe tatsächlich auf die Weide durften und nur zum Melken in den Stall gingen, was auch unbedingt notwendig war, denn trotz Idylle waren es Hochleistungsrinder, die auf enorme Milchleistung gezüchtet worden waren. Außerdem waren die Tiere nicht enthornt. Inzwischen hat die hochhehre Wissenschaft ja entdeckt, dass die Hörner wichtig sind. Als wenn die Natur irgendetwas machen würde, was Energie verbraucht, ohne dass es einen äquivalenten Nutzen hätte. Ich unterhielt mich mit der Bäuerin und da fiel ein Satz, den ich für sehr bezeichnend halte für unsere Ansicht von unseren nichtmenschlichen Mitgeschöpfen.
„Wir gestehen den Tieren mittlerweile zu, dass sie untereinander kommunizieren“, sagte die Besitzerin der Kühe lapidar.
„Wir gestehen ihnen zu“ bedeutet doch, dass wir so groß, allmächtig und einflussreich sind, über die Potenz verfügen, jemanden quasi die Gnade zukommen zu lassen, etwas zu können. Was wir ihnen nicht zugestehen, das haben sie demnach nicht. Erst durch unsere Großmütigkeit dürfen sie das haben, was wir erkennen. Das sagt zweierlei über den Menschen aus: Er ist in seiner Erkenntnis oder dem, was er erkennen will, äußerst beschränkt. Denn, was der Mensch nicht erkennt oder erkennen will, dass existiert auch nicht. Wenn wir sagen – und so lange wissenschaftlich nicht das Gegenteil bewiesen ist, ist es so – unsere Mitgeschöpfe hätten keine Gefühle, keine familiären Bindungen, kein Schmerzempfinden oder eben keine Kommunikation, dann haben sie es nicht. Es ist auch sehr praktisch, das zu behaupten, denn wenn sie über all das nicht verfügen, was „wir ihnen nicht zugestehen“, dann ist es eben so. Gottgleich stellt sich der Mensch, aber wir haben schließlich auch alle gelernt, dass der Mensch Gottes Ebenbild ist, was man sich schon sehr brauchbar zurechtgelegt hat.
Wir brauchen den Tieren nichts zuzugestehen, mehr noch, wir haben keine Berechtigung dazu, denn sie haben es, mit oder ohne unser Zugestehen, das wir uns in unserem Größenwahn herausnehmen. Unsere nicht-menschlichen Mitgeschöpfe können wunderbar untereinander kommunizieren, mit den unterschiedlichsten Mitteln. Wenn wir wirklich so intelligent und überlegen wären, wie wir uns immer einbilden, müssten wir die Kommunikation verstehen. Aber unsere eigentliche Einfalt zeigt sich schon daran, dass wir darauf bestehen, dass sie uns verstehen müssten. Wenn nicht, sind sie dumm. Dabei müssten wir uns eingestehen, dass wir sie nicht verstehen, trotz unseres großen Gehirns, weil wir gewohnt sind, alles abzuwerten, was nicht verbale Kommunikation ist.
Unsere Mitgeschöpfe haben Gefühle, sind tolle Eltern, sorgen sich, behüten, beschützen ihre Kinder, wenn es sein muss, mit ihrem Leben, fühlen Schmerz, Angst, Entbehrung, Verlust, Verzweiflung, Langeweile, Verdruss, aber auch Liebe, Freundschaft, Vertrautheit, Innigkeit und Verbundenheit. All das sprechen wir ihnen ab, wenn wir ausnutzen, in Dunkelhaft sperren, unter widrigsten Bedingungen wie die schändlichsten Verbrecher*innen halten, ihnen ihre Kinder, Freunde, Familie wegnehmen, weil wir es sonst nicht rechtfertigen könnten. Wir fügen ihnen Schmerz, Angst, Leid und Isolierung zu, weil wir ihnen diese Gefühle absprechen und unsere Notwendigkeiten höherstellen als ihre fundamentalsten Bedürfnisse.
Es ist allerhöchste Zeit zu verstehen, dass wir nicht die Herrscher*innen der Welt sind, weil wir was dafür geleistet haben, sondern dass wir das personifizierte Böse sind, das alles unterjocht, zerstört und für sich ausbeutet, dessen wir habhaft werden. Die Tiere, die Natur brauchen kein Zugestehen, sondern einen Menschen, der sich bewusst ist, dass er Teil der Natur, der Tierwelt ist und sich entsprechend verhält. Kann das gelingen?

