Wieder war Weihnachten. Magdalena hatte ihre Basis aufgegeben. Jesu Familie hatte ein zu Hause, zu dem sie zurückkehrte. Sie hingegen hatte sie nicht mehr. Und Familie? Die hatte sie und sie konnte auch zu ihnen zurückkehren, musste es. Der Krieg war gekommen und Magdalena erlebte, was wohl den meisten in Europa fremd war, ein Massaker, Menschen gegen Menschen. Wer wusste schon, wer schuldig oder unschuldig war? Wer hatte angefangen? Man konnte natürlich den Tag bestimmen, an dem das Massaker stattgefunden hatte und man war sich auch bewusst, wer es gewesen war, aber war das tatsächlich der Anfang? Es war der Sturm nach langer erzwungener Ruhe oder einer Pseudo-Ruhe, die unter den Teppich kehrte, so lange, bis es explodierte. Unterdrückung, Enteignung, Unmenschlichkeit, da wie dort. Schuldzuweisung, Unschuldsbeteuerungen, da wie dort. Und immer die Beteuerung, dass alles nur die Antwort auf das war, was der andere getan hatte.
Wieder war Weihnachten. Das tangiert die Juden nicht. Auch nicht die Moslems. Es ändert nichts am Krieg. Plötzlich spielt es keine Rolle, was im Kalender steht oder was gefeiert wird. Oder nicht. Die Ärzt*innen in den Spitälern leisten übermenschliches. Auch das Pflegepersonal. Leidend unter fehlenden Medikamenten und vor allem Zeit. Das alles hat Magdalena gesehen. Vor allem die Kinder, die sterben, auf beiden Seiten. Kinder sind immer unschuldig an den Konflikten der Erwachsenen. Auch wenn sie sich für deren Sache missbrauchen lassen. Sie sind die Einzigen, die tatsächlich unschuldige Opfer sind, der Gewalt und der Indoktrination, die letztlich auch nur ein Ausnutzen der Abhängigkeit und der Offenheit sind. Magdalena wurde nach Hause verfrachtet, also das, was ihre Familie zu ihrem zu Hause bestimmte. Sie hatte immer gesagt, dass sie nicht mehr zurückwollte, nicht einmal an Weihnachten. Die Familie verstand es nicht, denn wenn man aus einem Krisengebiet in ein sicheres Land reisen konnte, dann war es doch selbstverständlich, dass man das nicht nur wollte, sondern zutiefst dankbar dafür war. Schließlich wurde man gerettet. Den Boden zu küssen, in einem Land, in dem einen keine Gefahr droht und dessen Staatsbürgerschaft man sogar hat. So wurde für sie gedacht. Aber Magdalena wollte nicht mehr in dieses Land. So war sie auch weit entfernt davon, dankbar zu sein. Ganz im Gegenteil, sie warf ihnen vor, diese Rückholung gegen ihren Willen erzwungen zu haben. Diese Undankbarkeit war grotesk. Wie oft weiß man, was der andere zu tun hat, wie er reagieren muss, wie er sich zu benehmen hat. Und dann macht diese Person das nicht nur nicht, sondern verhält sich völlig absurd und eigenständig.
Magdalena hatte ihre Gründe, nicht zurückkommen zu wollen. Gerade weil es hier friedlich war und alle, die bewaffnete Konflikte erlebt hatten, schon längst gestorben waren. Trotzdem maßten sie sich an, alles zu wissen und urteilen zu dürfen. Mehr noch, die die keine Ahnung hatten, warfen Magdalena vor, völlig neben der Spur zu stehen und nur Unsinn zu reden. Der Angriff versteckt so wunderbar die eigene Leere. Vor allem, wenn man sich einig ist. Die Guten und die Bösen. Das war die Einteilung und ist sie immer noch. Magdalena tat nichts anderes, als das zu hinterfragen. Nichts weiter, aber das genügte, damit sich die anderen sicher waren, dass sie nun völlig verrückt sein müsste. Was alle denken, meinen, glauben muss doch richtig sein. Alles andere kann nur falsch sein. Denn die Mehrheit hat immer recht. Es kann schließlich nicht sein, dass sich so viele irren. Dabei kennt man viele Beispiele dafür, dass das ganz und gar nicht stimmt. Es spielt keine Rolle.
Magdalena fühlte sich fremd im eigenen Land, in der eigenen Familie, den Menschen gegenüber, die hier waren und nicht erlebten, was sie als Erinnerungen mit sich trug. Und da war niemand, der sie verstehen wollten, niemand, der es auch nur versuchte. Nur eingliedern sollte sie sich. Ein guter Mensch sein. Und es war das Fest dessen, der sich nicht eingliedern ließ und in den Augen der normalen Menschen auch kein Guter war, damals. Jesus war ein herumziehender, heimatloser Sandler. Doch heute wusste man es besser. Da ist es leicht, zu sagen, wir hätten ihn aufgenommen und ihn nicht verbiegen wollen. Aber wie viele hätten es damals gesagt? Deshalb verließ Magdalena dieses Land wieder, denn auch wenn sie nicht wusste, ob sie irgendwo wieder bleiben würde, hier ganz bestimmt nicht.

