Unsere Reise nach Ravenna: Brief 4

Unsere Reise nach Ravenna: Brief 4 – Alle Geschichten

Für Dich, der Du mich Hingabe lehrst, indem Du mich annimmst!

Ich habe wunderbar geschlafen, denn ich habe mich eingerollt und mir vorgestellt, dass Du Deine Arme um mich legst. Alleine diese Vorstellung erfüllte mich mit einem Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Es ist besser bei Dir zu sein, natürlich, aber ich kann mir vorstellen, wie es ist bei Dir zu sein, weil ich es erleben durfte. Hätte ich es nicht erleben dürfen, hätte ich noch nicht einmal eine Vorstellung davon. Das hat nichts mit Genügsamkeit zu tun, oder dem berühmten Ausspruch ‚Na machen wir halt das Beste aus der Situation‘ zu tun, sondern allein mit dem Wunsch diese Zeit bestmöglich zu überbrücken, diese Zeit, die es noch in Anspruch nimmt, bis Du diese drei Dinge, die Du noch zu erledigen hast, verstrichen ist und Du zu mir stößt.

Vielleicht ist es ja heute endlich so weit, denn es ist der dritte Tag meiner Reise und drei Dinge hast Du zu erledigen. Vielleicht nimmt jedes dieser Dinge einen Tag in Anspruch, obwohl es dann etwas größere Dinge wären und nicht bloß Kleinigkeiten, wie ich eigentlich bei Deiner Ankündigung vermutet hätte. Warum habe ich Dich denn bloß nicht gefragt was das für drei Dinge wären? Warum habe ich unbedingt meinen Stolz herauskehren müssen, indem ich so tat, als wäre es mir egal? Natürlich war es mir nicht egal, ganz im Gegenteil. Indem ich so tat, als wäre es mir egal, bin ich davon ausgegangen, dass Du es merkst. Ich hatte es doch nicht so gemeint. Du solltest merken, was ich will. Eigentlich ein völlig absurdes Ansinnen!

Dennoch, es passiert immer wieder. Wozu reden wir eigentlich miteinander, wenn wir doch hoffen, dass sich das erfüllt, was wir nicht aussprechen? Es gab Zeiten, da habe ich mich über solche Absurditäten als Außenstehende bei anderen Beziehungen gewundert. Damals habe ich mir gedacht, mir würde so etwas niemals passieren, denn schließlich kann es ja nicht so schwer sein zu sagen, was ich will. Inzwischen habe ich dazu gelernt, und weiß, dass es doch nicht so einfach ist, was die Absurdität nicht mindert, und auch nicht ein Falsch in ein Richtig verwandelt. Zu viele falsche Rücksichten leiten uns und verleiten uns zu solchen Reaktionen. Was wäre so schwer daran gewesen einfach zu fragen, was für Dinge das wären, die Du zu erledigen hast und was Du schätzt, wieviel Zeit deren Erledigung in Anspruch nehmen wird?

Ich habe nicht gefragt, weil ich mir dachte, wenn Du es mir sagen wolltest, würdest Du es wohl auch tun, und wenn Du es nicht sagst, dann willst Du es nicht sagen. Im Grunde genommen steckte nichts anderes dahinter als der Gedanke, dass ich mich nicht dazu herablassen würde Dich zu bitten. Dürften solche Gedanken in einer Beziehung, die von Liebe getragen ist, von Liebe, Vertrauen und Anerkennung, überhaupt einen Platz finden?

Ja, ich schäme mich dieser Gedanken, jetzt, da ich mir vorgenommen habe weder Dir noch mir gegenüber ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ich habe Dir gegenüber ebenso gefehlt, wie mir gegenüber. Die Schuld klebt an meinen wie das Blut an Lady Macbeths Händen. Du kannst sie mir verzeihen oder auch nicht, doch selbst wenn Du es tust, muss auch ich mir noch verzeihen. Das klingt einfach? Ist es aber nicht, denn mit mir selbst gehe ich offenbar viel härter ins Gericht als mit anderen. Ich denke, Du wirst mir verzeihen. Ich kann es fast hören: Du verzeihst mir, doch ich gebe mich damit nicht zufrieden und möchte Einwände vorbringen, die Du sofort unterbindest. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen, würdest Du mir sagen, um mir ein für alle mal klar zu machen, dass Du darüber nicht mehr reden willst. Das kannst Du auch gerne tun, und ich werde Deinem Befehl – und um nichts anderes handelt es sich – auch ganz bestimmt Rechnung tragen, indem ich zu diesem Thema nichts mehr sagen würde, doch Du wirst damit nicht unterbinden können, dass es weiter in mir arbeitet, dass ich erst dann einen Schlussstrich ziehen werde, wenn ich dazu bereit bin.

Gleich nach dem Frühstück bin ich aufgebrochen, hinein in einen wunderschönen, sonnigen Tag, Richtung Wolfsberg. Du wirst es wahrscheinlich nicht glauben können, aber ich habe für diese paar Kilometer beinahe fünf Stunden gebraucht. Du willst wissen warum? Nein, ich habe nicht einfach nur getrödelt oder irgendwie die Zeit totgeschlagen, ganz im Gegenteil, ich habe es sogar als eine äußerst erfüllte Zeit wahrgenommen und erlebt, indem ich gänzlich auf sie vergessen und mich dem Erleben hingegeben habe.

Ich habe die Landschaft gesehen, die Bäume, wie sie sich gebunden dennoch gen Himmel strecken, die Wolken, wie sie ruhig über den Himmel ziehen, die Häuser, wie sie warten den Menschen Schutz und Unterschlupf zu bieten, und die Menschen, wie sie ihrem Tagwerk nachgehen. Immer wieder bin ich stehengeblieben, um einen Eindruck nachhaltig festzuhalten, mit Voraussicht nicht durch das Auge der Kamera. Denn was macht die Kamera mit uns?

Wir denken uns, oh, das ist ein schönes Motiv, schnappen uns die Kamera, versuchen die technisch beste Einstellung zu finden und sind schon lange nicht mehr bei dem Bild, bei dem Moment, der sich uns bietet, der uns einlädt ihn zu genießen – allein, wir nehmen die Einladung nicht an. Doch nicht nur mit leblosen Gegenständen ergeht es uns in dieser Weise. Verfahren wir nicht in der Begegnung mit Menschen ebenso unstet?

Alles geschieht im Vorübereilen. Allzu lange habe ich das noch nicht einmal bemerkt, allzu lange ist mir noch nicht einmal was abgegangen, bis ich Dir begegnete, bis Du meinen Blick in Deinen locktest, verführtest, da konnte ich gar nicht anders als zu bleiben, und vor allem konnte ich es, weil Du nie versucht hast mich zu halten, nie versuchtest etwas aus mir zu machen, was ich nicht war, weil Du Dir nie ein Bild von mir machtest, dem ich zu entsprechen hatte, weil Du mich nicht in Form bringen wolltest.

In dem, was ich war, was ich bin und was ich sein werde, hast Du mich angenommen. In dem, was ich war, was ich bin und was ich sein werde, durfte ich mich Dir anvertrauen. Du hast dieses Geschenk, das ich selbst bin mit äußerster Sorgfalt behandelt. Du hast mir die Freiheit zu mir selbst geschenkt, das Vertrauen und den Mut. Du hast Kräfte in mir geweckt, von denen ich selbst nicht wusste, dass ich sie habe. Du hast mich sein lassen. Nie wieder will ich hinter diese Erfahrung zurückfallen, zurückgeworfen sein.

Ich wollte nach Wolfsberg, und bin auch dort angekommen. Den Raum zu verstehen, heißt ihn mit allen Sinnen in mich aufzunehmen. Ich habe ihn durchschritten Mein Weg führte mich zu einer alten Burg. Es war bereits später Nachmittag, und trotz des schönen Wetters fand ich mich ganz allein an der Wehrmauer wieder. Sinnend sah ich darüber hinweg, zunächst in die Ferne, in die Richtung, in der ich Dich vermutete, fragte mich, ob Du nicht vielleicht schon auf dem Weg warst, hierher zu mir. Dann sah ich in die Tiefe, eine schwindelerregende Tiefe. Und obwohl jede Faser in mir danach schrie zurückzuweichen, beugte ich mich nur noch weiter vor. Was wäre, so fragte ich mich, wenn ich jetzt da hinunterstürzte, wenn ich dort unten liegenbliebe, für immer ruhig? Wie lange würde es wohl dauern, bis es jemand bemerkte, bis Du es bemerktest? Wäre es nicht ganz gleich? Egal ob ich weiterlebe oder nicht, alle anderen würden weiterleben, völlig unbeeindruckt, Du würdest weiterleben, ganz genauso wie zuvor. Nein, ich tue Dir nicht unrecht, denn ich will, dass Du genauso weiterlebst wie zuvor, egal ob ich lebe oder nicht. Es sollte keine Rolle spielen – doch, ich wünschte mir natürlich, dass es eine Rolle spielt, dass es bei Dir einen Eindruck hinterließe, wenn ich ginge. Nein, ich will nicht, dass Du darüber traurig oder gar unglücklich wärst, nur, dass Du ab und zu an mich denkst, dass Du gerne an mich denkst, an mich und die Momente des Wir, die wir miteinander erleben durften. Das ist alles, ja wirklich alles, was ich mir wünsche.

Letztendlich beließ ich es jedoch bei dem Gedankenexperiment, zu groß war die Hoffnung, dass Du doch noch kommen würdest, dann, wenn Du Deine drei Dinge erledigt haben würdest, dann, wenn Du bereit sein würdest, zu mir zu kommen. Ich ging weg von der Mauer, zog mich in das Zimmer zurück, das ich mir genommen hatte. Die Sonne ging langsam unter. Ich sah hinaus in den sacht sich rötenden Abendhimmel.

Wie lange ich wohl dort so saß? Ich weiß es nicht, denn ich träumte, träumte davon, dass Du hier bei der Tür hereinkämst, endlich, aber ich lauschte vergebens, träumte davon, dass Du mich in den Arm nimmst, wie damals, in unserer ersten Nacht. Kannst Du Dich noch erinnern, an diese, unsere erste Nacht?

Wir hatten wohl schon viele Liebesnächte erlebt, bis dahin – warum sollten wir auch einen Hehl daraus machen? Und dennoch war diese Nacht eine ganz besondere. Was machte sie so besonders? Irgendetwas, was wir machten? Wohl kaum, denn vom mechanischen Ablauf kann es wohl nicht allzu gravierende Unterschiede geben. Nein, es war etwas ganz anderes, etwas das wie Magie anmutete, und doch so einfach scheint. Merkst Du, wie ich nach Worten suche, für etwas, das im Letzten nicht beschreib- sondern nur erlebbar ist? Merkst Du, wie ich ein weiteres Mal mit der Eingeschränktheit, der Begrenztheit unserer Sprache ringe? Das richtige Wort wäre wohl Hingabe, oder zumindest der Versuch einer Annäherung.

Wenn Du mich berührst, wenn Du mich küsst, wenn ich mit meinen Fingern über Deine Haut streiche, wenn meine Lippen Dich kosten dürfen, dann wird es ganz ruhig in meinem Kopf und ich verliere die Welt um mich, denn alles, was ich wahrnehmen kann bist Du. Du wirst mir Welt – alles, was ich bin, in diesem Moment, ist Dich spüren, Dich riechen, Dich schmecken. Alles, was ich will, in diesem Moment, ist mich Dir zu öffnen, Dich in mich aufzunehmen, als gäbe es kein Zuvor und kein Danach, als wäre die Welt stehengeblieben, in diesem Moment, um unsertwillen, und die Zeit. Du hast mich gelehrt mich anzuvertrauen, mich hinzugeben, ohne Vor- und Rücksicht. Es ist so unsagbar befreiend die Haltung abstreifen zu dürfen, Erwartungen erfüllen zu müssen, außer der einen, ganz selbst und ganz Dir zu sein. Es ist so beruhigend sich nicht verstellen zu müssen, sondern mich in dem, was ich bin, angenommen zu wissen.

Da, wie in jeder anderen Begegnung mit Dir, durfte ich diese Einzigartigkeit der Annahme erleben, und daraus resultiert auch meine Angst Dich nicht wiederzusehen, meine Angst, dass Du doch nicht kommst, denn jede weitere Erfahrung, jede weitere Begegnung werde ich an dieser messen – welche könnte diesem Maß standhalten?

Jetzt ist es endlich ausgesprochen. Ja, ich habe Angst. Dabei wollte ich so souverän sein, wollte mich an das erinnern, was wir erleben durften, und mich nicht von dem hinunterziehen lassen, was passieren wird, oder besser noch, passieren könnte. Ich will bleiben, und gehe doch schon wieder weg. Angst ist lähmend, wohingegen Vertrauen belebt. Ich will Vertrauen haben.

Morgen früh oder erst später, ganz egal, werde ich aufbrechen, um in Klagenfurt den nächsten Tag und die nächste Nacht zu verbringen. Die Turmuhr schlägt Mitternacht. Es ist spät. Ich bin müde. Wenn ich wüsste, dass Du jetzt kommst, dass Du in dieser Nacht kommst … Aber ich weiß es nicht. Ich kann es mir nur wünschen. Mehr bleibt mir nicht. Nicht mehr, und doch alles, was mir je sein kann.

Von der, der Du Hingabe lehrst, indem Du mich annimmst.

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