Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
Liebe Kinder und alle, die sich ein kindliches Gemüt erhalten haben, so sehr, dass sie die eine oder andere Lüge tatsächlich für bare Münze nehmen, Euch allen will ich heute ein Märchen erzählen, nämlich das, vom guten Jäger. Eigentlich würde schon der Titel genügen, da es keine „guten“ Jäger gibt, auch nicht Jägerinnen, bloß im Märchen und in der Fantasie und dann würde ich noch sagen, „Und wenn er nicht erschossen wurde oder sich erschossen hat oder im Suff vom Hochstand gefallen ist, dann ballert er noch heute.“ Könnte ich. Wäre völlig ausreichend für ein Märchen, doch das wäre recht enttäuschend für Euch, da es noch so viel märchenhaftes von Jäger*innen zu berichten gibt, was ich Euch natürlich nicht vorenthalten möchte. Und wer mir nun unterstellt, ich meinte, alle Jäger*innen wären gleich, so tut sie mir bitter unrecht. Niemals und nirgendwo sind alle gleich. Hier geht es um einen einzelnen, speziellen Jäger. Wie könnte der für alle stehen? Nein, nein, nein, das ist gemein. Aber ich will Euch nicht länger auf die Folter spannen. Stürzen wir uns also ins Vergnügen und ich erzähle Euch
Das Märchen vom guten Jäger
Es war einmal ein kleiner Mann, klein an Wuchs und mentaler Kraft. Und selbst die Herzenswärme war äußerst bescheiden. Sein Name war Konrad Klein, was demnach sehr passend war, von ihm allerdings nicht goutiert wurde. Der kleine Mann, der Klein hieß, hatte eine Frau, die ebenfalls kurzgewachsen war, diese Kürze aber durch Korpulenz ausglich. Außerdem hatte er zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, die ebenfalls ganz den Eltern nachschlugen, zumindest, was die Körpergröße betraf. Konrad Klein hatte während seiner Zeit als Ehemann gelernt, dass sich im Leben eines Mannes nichts ändert. Zuerst hatte seine Mutter sein Leben in die Hand genommen und ihm gesagt, was er zu tun, und vor allem zu lassen hatte. Nach der Eheschließung übernahm seine Gattin diese Aufgabe. Es war faszinierend. Das schien ein weibliches Gen zu sein, denn er hätte nicht erlebt, dass sie sich irgendwie miteinander abgesprochen hätten. So stand er Zeit seines Lebens unter einer weiblichen Knute. Wobei man dazu sagen muss, dass er es sich – so sehr er auch nach drei Bier am Stammtisch lästerte – wohl gefallen ließ, weil er sonst nicht gewusst hätte, wie er sein Leben gestalten sollte. Aber wie hätte er es auch können, wenn er nie die Gelegenheit bekommen hatte, eigene Entscheidungen zu treffen? Doch nun war ihm danach, etwas in seinem Leben zu ändern. Er wollte etwas finden, bei dem er nicht mehr klein und unterdrückt war, etwas, wo er andere beherrschen konnte und nicht er beherrscht wurde. Lange dachte er darüber nach, wo er etwas Langes bekäme, das seine Wünsche befriedigen könnte. Obwohl das mit dem Nachdenken nicht so leicht war, denn jedes Mal, wenn er sich hinsetzte, um sich aufs Denken zu konzentrieren, was ihm generell nicht so leicht fiel, ließ sich die zarte Quietschstimme seiner Frau vernehmen, der Resi, die einen neuen Auftrag an ihn hatte. „Konrad, geh das Holz holen“ oder „Konrad, hast Dich schon um den Vorgarten gekümmert“ uvm. Er hatte nie herausgefunden, woher sie wusste, wenn er sich niedersetzte, denn das blieb ihr auch dann nicht verborgen, wenn sie sich am anderen Ende des Hauses aufhielt. Es war ihm, als würde sie geheime Schwingungen wahrnehmen, die ihm selbst verborgen blieben. Er ließ es, darüber nachzudenken, denn die Frauen und ihre Wahrnehmungen würden ihm ein ewiges Rätsel bleiben, aber die andere Sache, die mit dem, was er machen könnte, um etwas zu haben, wo er nicht mehr nur klein war, das wollte er nicht mehr aus dem Blick verlieren. Irgendwann käme er zum Nachdenken. Eines Abends, er durfte endlich auf der Couch sitzen und ein Bier trinken, doch nachdem der Fernseher lief, war es ihm unmöglich einen klaren Gedanken zu fassen. Da half dann das Schicksal ein wenig nach, denn in einer der seltenen ruhigen Sequenzen des Fernsehprogrammes, hörte er einen Schuss durch den nahegelegenen Wald dröhnen. „Das ist es“, dachte er, „Das mache ich. Ich werde Jäger.“ Damit konnte er viele Klappen auf einmal schlagen, denn er kam weg von seiner Frau und den respektlosen Gschroppen und er hatte endlich etwas Langes, mit dem er die Tiere des Waldes – und nicht nur des Waldes beherrschen konnte. Sie mussten sich ihm unterwerfen, ob sie wollten oder nicht. Und er wäre der Herr, sogar der Herr über Leben und Tod. Außerdem waren die Jäger in seinem Heimatort noch hoch angesehen.

