Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
Es war im Jahr 2017. Wir waren in den rumänischen Karpaten mit Zelt und Rucksack unterwegs. Genauerhin handelte es sich um das Gebiet, in dem ein Wisentauswilderungsprojekt stattfand. Wir wollten diesen Tieren unbedingt begegnen, in Freiheit und in ihrem natürlichen Lebensraum. Wisente, das sind ein Stück Natur, das es eigentlich nicht mehr gibt, denn das letzte Wisent, das größte europäische Landsäugetier, wurde 1927 im Kaukasus erschossen. Bald schon wurden diese imposanten Tiere wieder gezüchtet. In der Zwischenzeit gibt es wieder 6.000 Exemplare dank des menschlichen Einsatzes. Man kann natürlich fragen, wie sinnvoll es ist, sie erst niederzuschießen und dann wieder aufzupäppeln. Aber gut, eine Ausrottungsaktion kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Deshalb finde ich es wunderbar, dass es gelungen ist, die Wisentpopulation wieder auf gesunde Beine zu stellen.
Wir befanden uns im Wisentgebiet, vier Menschen und zwei Hunde und fanden auch relativ schnell das eingezäunte Gebiet, in dem die Wisente zunächst gehalten wurden, bis sie sich an die Umgebung gewöhnt hatten, um dann frei gelassen zu werden. Das Gatter war bereits leer. Daneben fanden wir eine Art Heulager, das mit einem Dach geschützt war, das auf vier Stangen ruhte. Wir beschlossen, darin Unterschlupf zu suchen, denn es regnete. Die Heuballen waren hoch aufgeschichtet und wir machten es uns darin gemütlich. Wir saßen uns gegenüber und sprachen darüber, wie toll es doch wäre, jetzt einem Wisent zu begegnen. Plötzlich stand es neben dem Heuberg, auf dem wir saßen, ein Wisentbulle und sah mich an. Keine vier Meter trennten uns voneinander und schlagartig waren wir mucksmäuschenstill. Obwohl wir so hoch oben saßen, konnte ich dem Riesen direkt in die Augen sehen. Natürlich hatte ich auch nicht viel Erfahrung mit Wildtierbegegnungen, schon gar nicht mit so großen Tieren. Aber mein Gespür sagte mir, dass es das beste wäre, sich einfach ruhig zu verhalten. Sein Blick wirkte traurig, als hätten wir uns in seinem Haus breitgemacht. Haben wir das nicht auch? Machen wir das als Menschen nicht schon seit tausenden von Jahren, anderen Lebewesen alles zu nehmen, was ein Leben ausmacht, bis zuletzt dieses selbst. Weil sie stören. Ja, was stören sie? Die unendliche Gier nach mehr Land und Rohstoffen. Wir wollen alles. Wer stört wird vernichtet. So wie die Wisente. Jetzt sind sie wieder da. Und das ist gut. Wie viel Arbeit, Energie und Geld doch in etwas investiert wird, was so einfach gewesen wäre, hätte man sie leben lassen. Aber der Mensch scheint immer alles zuerst zerstören zu müssen, bevor er dann alles daran setzt, es wieder in Ordnung zu bringen und fühlt sich wie der große Held dabei. Nein, er macht nur partiell wieder gut, was er zuerst ruiniert hat. Das ist das Mindeste, was Mensch tun kann und ganz bestimmt keine Heldentat. Nach einigen Minuten trabte er weiter, überquerte den angrenzenden Bach und verschwand zwischen den Bäumen. Wir übernachteten an Ort und Stelle. Ich schlief sehr unruhig in dieser Nacht, weil ich dachte, was ist, wenn er wiederkommt. Tatsächlich wachte ich auf und sah ihn ein weiteres Mal neben mir stehen. „Keine Sorge, morgen früh sind wir weg, dann hast Du den Platz wieder für Dich“, flüsterte ich ihm zu und tatsächlich trottete er wieder davon. Am nächsten Morgen, als ich mit meiner Hündin unten beim Bach war, stand er plötzlich auf der anderen Seite, majestätisch im Morgennebel unter einem Baum. Nie werde ich diesen Anblick vergessen. Es war Harmonie, Einklang und Verstehen pur. Er kam zurück, als wir gingen. Es ist möglich, sich den Platz zu teilen, wenn man will, wenn man achtsam miteinander umgeht. Während wir weitergingen sahen wir noch ganze Herden von Wisents. In keinem Moment fühlte ich mich bedroht. Selbst die Hunde schienen zu verstehen, dass sie sich ruhig verhalten mussten und saßen brav neben unseren Füßen, bis die imposanten Tiere wieder weitergegangen waren.
Es ist schön zu sehen, dass der Mensch auch mal positive Akzente setzt und nicht nur zerstörerisch wirkt. Doch kann dieses partielle Positive dem alles umspannenden Vernichtungswerk tatsächlich etwas entgegensetzen? Ist es nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein? Doch vor allem, sehen diese Entwicklung alle Menschen so positiv wie wir?

