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Life is too short for boring stories

Bereits wenige Tage nach Beginn des Streiks, glich die Stadt einem Schlachtfeld. Auf der einen Seite standen die Arbeiter*innen, die nichts hatten als ihr nacktes Leben, für deren Erhaltung sie letztendlich kämpften. Ihnen gegenüber standen die Kräfte der Exekutive, Polizei, Miliz und Nationalgarde. So friedlich die Proteste der Arbeiter*innen auch sein mochten, immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen, die Opfer forderten.

 

So wurde beispielsweise am 29. Januar 1912 eine friedliche Versammlung abgehalten. Organisiert und abgehalten wurde diese von Joe Etter und Arturo Giovanitti, Funktionären der IWW. Die Nationalgarde eröffnete das Feuer auf die Anwesenden, mehrere tausend Arbeiter*innen. Dabei wurden zahlreiche Menschen verletzt und einer getötet. Wegen Beihilfe zum Mord wurden jedoch nicht die Verantwortlichen der Nationalgarde festgenommen, sondern die beiden Organisatoren, und zusätzlich noch ein völlig Unbeteiligter. Sie blieben für zehn Monate in Haft. In dem, lange nach dem Streik, stattfindenden Prozess, wurden sie zwar freigesprochen, aber es waren dennoch drei Menschen über Monate in Haft gewesen, von denen man von vornherein wusste, dass sie unschuldig sind.

Weitere unschuldige Opfer von Übergriffen, die jedoch keine Opfer forderten, wurden die Kinder, die mit Zügen nach New York bzw. Philadelphia gebracht werden sollten. Die Nationalgarde versuchte teilweise diese am Betreten der Züge zu hindern. Offenbar war den staatlichen Institutionen jedes Mittel recht, die Streikenden zu destabilisieren. Dafür kennen sie nur ein Mittel, Gewalt, die noch dazu legitimiert ist, wobei diejenigen, die die Gewalt ausüben, von denen verschieden sind, die sie anordnen. Es besteht kein Bezug zwischen Täter und Opfer. Die ausführenden Organe berufen sich auf ihre Gehorsamspflicht. Diese Art der Trennung von Selbstverantwortung und eigenem Denken, findet sich bis heute. Wer nicht selbst mordet, macht sich nicht die Hände schmutzig. Wer mordet, weil es ihm befohlen wird, agiert im Auftrag und ist bloßes Werkzeug. So war der Holocaust möglich, und ist nach wie vor die schändliche Behandlung von fühlenden, lebenden Wesen in den Massentierfabriken bzw. Schlachthäusern tägliche, blutige, entwürdigende Realität.

 

Doch auch nach dem Streik gingen die Repressionen weiter. So wurden jene Wobblies (Mitglieder der IWW), die sich während des Arbeitskampfes besonders hervorgetan hatten, selektiv und unter den fadenscheinigsten Vorwänden entlassen. Sukzessive wurden die Lohnerhöhungen teilweise wieder zurückgenommen, aber auch durch die stärkere Mechanisierung und die daraus resultierende Verdichtung der Arbeit, wieder ausgeglichen.

 

Dennoch war der Bread-and-Roses-Streik nicht umsonst geführt worden. Trotz des letztlich geringen Erfolges, darf seine Beispielfunktion für andere Kämpfe von Migrant*innen, Afroamerikaner*innen, Wanderarbeiter*innen, Holzarbeiter*innen und andere, scheinbar unorganisierbare Arbeiter*innengruppen, wie die AFL-Gewerkschaft (American Federation of Labour) behauptete, die sich in erster Linie als eine Organisation verstand, die sich für weiße, angelsächsische, männliche Facharbeiter einsetzte, nicht unterschätzt werden. Er zeigte, dass über die Grenzen von Nationalitäten, Ausbildungsgrad und Geschlecht hinweg, eine Solidarisierung möglich ist. In der Folge führte der IWW in den darauffolgenden Jahren eine Reihe großer Kämpfe, gerade in der Textilindustrie, und schaffte es vermehrt ihre Organisationsbasis auf zentrale Industrien des Ostens auszudehnen.

 

Im letzten Jahrhundert hat sich die Arbeitswelt stark verändert, zumindest in Europa und den USA. Geregelte Arbeitszeiten, Krankenversicherungen, Arbeitslosengeld, Mindestlöhne u.v.m. haben wir nicht zuletzt diesen Arbeitskämpfen zu verdanken, Errungenschaften, die wir mittlerweile als selbstverständlich ansehen. Dabei übersehen wir gerne, dass es im größten Teil der Welt nicht so aussieht. Dass Produkte wie Elektronik, Textilien etc. so billig angeboten werden können, verdanken wir nicht zuletzt den prekären Arbeitsbedingungen, die in den Herstellerländern herrschen und der Ausbeutung von Rohstoffen, die vor allem in sog. Dritte-Welt-Ländern vorkommen. Wer bei Kik, Forever 21, Primark etc. einkauft, unterstützt eben jene ausbeuterischen Verhältnisse. Doch auch bei uns beginnen die sozialen Errungenschaften zu bröckeln. Nicht zuletzt durch den Vorstoß der Regierung, den 12-Stunden-Tag wieder einführen zu wollen oder jeden Arbeitslosen unter Generalverdacht zu stellen, dass er zu faul zum Arbeiten ist. Doch es gibt vieles, was im Verborgenen geschieht, und jene betrifft, die weder Kraft noch Zeit haben sich politisch zu organisieren. Prekäre Arbeitsverhältnisse, das Abdrängen in eine Pseudo-Selbständigkeit gehören ebenso dazu, wie das Verschweigen der Tatsache, dass es immer weniger Arbeit gibt. Aber am bedrohlichsten ist das gelungene Brechen der Solidarität. Einzelne Gruppen werden gekonnt gegeneinander ausgespielt und verlieren sich im täglichen Hickhack. Arbeitende gegen Arbeitslose, Inländer gegen Ausländer, Frauen gegen Männer – während wir aufeinander losgehen, statt uns zu solidarisieren, kann über unsere Köpfe hinweg lustig Politik gemacht werden, die nur einem Zweck dient, einige wenige auf der Welt, immer reicher zu machen und Konzernen den Weg zu öffnen, die Herrschaft global zu übernehmen. Aber ein paar Brosamen werden schon für uns abfallen, zumindest für die, die brav und artig sind.

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