Unsere Reise nach Ravenna: Brief 3

Unsere Reise nach Ravenna: Brief 3 – Alle Geschichten

Für Dich, der Du mein Verlangen entfachst, indem Du es stillst!

Irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen sein, vor Erschöpfung, wohl. Als ich am nächsten Morgen erwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Ich ließ Dechantskirchen so schnell wie möglich hinter mir. Vielleicht würde ich irgendwann über meine Torheit lächeln können, nicht lachen, sondern lächeln, wie es wohl eine Mutter tut, die sanft und gütig die kleinen, harmlosen Torheiten ihrer Kinder belächelt. Jetzt war ich noch nicht so weit. Mit diesem Ort konnte ich – so hoffte ich zumindest – auch diesen bösen Gedanken hinter mir lassen, doch das war nicht mehr als ein netter Versuch der Selbsttäuschung.

Der Gedanke war da und blieb, klebte fest, zäh und unabänderlich wie Teer. Ich würde wohl mit ihm leben lernen, denn so abwegig war er gar nicht. Du hattest wohl gesagt, dass Du mich liebst, hast mir versprochen, dass Du nachkommen würdest, wenn Du diese drei Dinge erledigt hättest, hast es von Dir aus versprochen, und nicht, weil ich Dich darum gebeten hätte. Doch kann ich solch ein Versprechen einfordern? Kann ich Dich auf Liebe verpflichten?

Nichts dauert ewig, das weiß ich sehr genau, und es kann alles anders sein, am nächsten Morgen, im nächsten Moment, wenn die grausame Klarheit ernüchternd zuschlägt und die Sanftheit der Nacht vertreibt. Vielleicht war es gerade so ein Morgen, an dem Du Dir eingestanden hast, dass Du die Liebe verloren hast, dass Du mich verlassen würdest. Was liegt in einem solchen Fall wohl näher als mich auf diese Reise, weit fort von Dir zu schicken, oder weit genug zumindest? Noch liegt alles, was ich denke, im Reich der Spekulationen, ich weiß, und dennoch, ist es wirklich so weit hergeholt?

Ich kam in Graz an, stellte mein Auto ab und bummelte durch die Stadt, langsam und aufmerksam, trotzdem mit einem bestimmten Ziel vor Augen: Maria Trost, denn dieser Trost war es wohl, den ich mir wünschte, inständigst zu finden hoffte. Der Schmerz hatte deutlich nachgelassen, doch meine Brust fühlte sich immer noch wie eingeschnürt an. Trost wollte ich suchen bei der Hl. Maria, der diese Kirche geweiht war, Trost bei der Schutzpatronin der Verbrecher und der unglücklich Liebenden.

Ich bin Liebende, wahrhaftig, denn jede einzelne Faser in meinem Körper spricht in Liebe das Du, und gleichzeitig fühlte ich mich auch wie ein Verbrecher, schuldig Dir die Last meines Schmerzes aufbürden zu wollen, schuldig wegen meiner Zweifel an Dir und Deiner Liebe zu mir, denn sollte es mir nicht genügen zu lieben? Nein, oh nein, wenn Du mich wirklich lieben würdest, würdest Du mich nicht so leiden lassen, so dachte ich, als ich die Kirche betrat.

Im ersten Moment war ich überwältigt von dem erhabenen, steinernen Bauwerk, doch im nächsten bereits wich das Überwältigtsein einer Trostlosigkeit. Ja, erhaben und mächtig war dieser Bau, aber auch kalt und abweisend. So leise wie es mir nur irgend möglich war setzte ich mich verstohlen in die letzte Bank, denn ich wurde gewahr, dass gerade ein Gottesdienst stattfand. Allerdings war es auch nicht schwer diesen Umstand zu übersehen, denn es waren höchstens zehn oder zwölf Gottesdienstbesucher, durchwegs alte Frauen, anwesend, und der Priester, der den Gottesdienst leitete, schien die Gläubigen kaum wahrzunehmen, zumindest wirkte es so, als würde er die eingeübten Texte ganz für sich allein herunterleiern. Ich dachte an die Erzählungen, in denen erzählt wird, wie Jesus Menschen begegnete. So unterschiedlich diese Erzählungen wohl im Einzelnen sein mochten, eines war ihnen jedoch allen gemein: Jesus ging auf die Menschen zu, mit offenen Armen, offenen Augen und offenem Herzen. Er sorgte sich um die Menschen, hörte ihnen zu, wollte sie zurückführen zur Freude.

Doch hier herinnen, in dieser Kirche, diesem sogenannten Haus Gottes, herrschte nichts als Kälte, Kälte in der Luft und Kälte in den Herzen. Da war nichts von Freude zu spüren, ausschließlich der Gedanke der Pflichterfüllung. Wo, im Laufe der zweitausendjährigen Geschichte war diese Freude, das lebendige Miteinander verlorengegangen? Die Kirche hieß Maria Trost, doch den Trost, den ich hier gesucht hatte, den gab es nicht, zumindest nicht für mich.

Leise und heimlich stahl ich mich wieder hinaus aus der Kirche, hinaus in den Sonnenschein. Niedergeschlagen und geknickt setzte ich mich auf eine Bank, um dem Gang der Wolken zu folgen, wohl auch um den leichten Schwindel aus meinem Kopf zu vertreiben. Wie lange ich wohl schon nichts mehr gegessen hatte? Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, doch ich hatte keinen Appetit, zumindest nicht von der Art, die durch Speisen gestillt werden konnte. Ich hungerte nach Deiner Anwesenheit, hungerte nach der Auseinandersetzung mit Dir und ich hungerte nach Deiner Berührung.

Kannst Du Dich noch erinnern, an diesen Moment, in dem Du mich zum ersten Mal bewusst berührtest? Nein, Du kannst Dich sicher nicht erinnern, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es für Dich ebenso beeindruckend und bewegend war wie für mich. Ich bin mir sogar fast sicher, dass es für Dich nicht so war, denn Du empfindest anders als ich, nimmst andere Momente als erinnerungswert mit als ich, könnte ich mir zumindest vorstellen, denn auch darüber hast Du nie mit mir gesprochen.

Manchmal hätte ich mir gewünscht, Du hättest es getan. Ich bin wohl irgendwann dahintergekommen, dass ich einfach sehr, sehr gut zuhören musste, denn Du bist in solchen Dingen viel leiser, viel zarter als ich es bin, lässt es einfließen in Nebensätze, deutest auch nur an. Ich muss gestehen, Deine Art entspricht der Sache sehr viel mehr als meine. Ich muss nicht immer alles aussprechen, denn so bewahre ich die Einzigartigkeit. Du bist viel subtiler, ein virtuoser Meister der Zwischentöne, und wenn ich so darüber nachdenke, ich möchte gar nicht so genau wissen wieviel ich versäumt habe, wie viel ich überhört habe, indem ich stumpf und starr auf Eindeutigkeit und Klarheit gewartet habe. Wie oft schon habe ich Dir wohl schon unrecht getan aus purer Taubheit? Wie oft schon habe ich Dir Verschlossenheit vorgeworfen, wo Du doch offen zu mir warst? Wie oft schon habe ich Dich abgewiesen, weil ich übersah, dass Du bei mir ankommen wolltest?

Der Schmerz, den ich bisher empfunden hatte, war der des Selbstmitleids, Schmerz darüber, dass ich nicht bekam was ich wollte, doch der Schmerz, der jetzt in mir aufstieg, und sich sintflutartig in mir ausbreitete, der war von einer ganz anderen Qualität, war der Schmerz darüber erkennen zu müssen, dass ich Dich nicht zu mir ließ, weil ich nicht einmal bemerkte, dass Du es wolltest, der Schmerz darüber mir eingestehen zu müssen, dass Du bei mir ankommen wolltest, und ich Dich abwies, weil ich es übersah, der Schmerz darüber, dass ich Deine Liebe nicht erkannt hatte. Warum nur war mir das nicht schon früher aufgefallen? Wie konnte ich nur so lange so blind gewesen sein?

Es war mir, als wäre ich mit Blindheit geschlagen gewesen und konnte plötzlich und völlig unverhofft wieder sehen, doch ich würde nicht behaupten, dass mir das, was ich sah, gefiel. Ganz im Gegenteil, musste ich doch erkennen, wie oft ich gegen Dich gefehlt hatte. Wie oft hatte ich Vorwürfe gegen Dich vorgebracht, die lächerlich und kleinlich waren? Du hast sie nicht zurückgewiesen, vielmehr hast Du versucht mich aufzufangen, mich aus diesen Verstrickungen negativer Gedanken zu lösen, und nicht einmal das habe ich verstanden, so sehr war ich darin verstrickt. Ich fühle die Schuld und die Scham darüber.

Wenn wir uns wiedersehen, wenn Du Dich doch noch dazu entschließt zu mir zu kommen, dann würde ich Dich zuallererst um Verzeihung bitten, doch genauso würde ich es verstehen, wenn Du nicht kommen würdest, wenn Du mich nicht wiedersehen wolltest, so sehr ich es mir auch wünschte diese Chance noch zu bekommen. Ich möchte Dich um Verzeihung bitten für all das Unrecht, das ich an Dir begangen habe. Gesteh mir nur das noch zu. Erfüll mir nur noch diesen einen Wunsch, und nimm mich in den Arm, noch dieses eine Mal.

Es ist also doch vermessen zu behaupten, Du könntest Dich an diese erste Berührung nicht erinnern, ja sogar vermessen zu behaupten, dass Du es nicht gar gesagt hättest. Vielleicht gehört dies mit zu den Dingen, die ich überhört habe. Ich versuchte zu verstehen wie es zu dieser Borniertheit kommen konnte, denn in Deinen Berührungen, da habe ich selbst den kleinsten Fingerzeig wahrgenommen.

Damals, als wir das erste Mal allein waren, dort draußen auf der Wiese. Neben uns plätscherte der Bach, der Sommerwind säuselte durch die Blätter der umstehenden Weiden und über uns spannte sich ein klares Sternenzelt. Du nahmst mich in den Arm, zogst mich an Dich, stark und unmissverständlich. Da war kein Gedanke mehr in meinem Kopf oder sonst wo. Ich war nichts weiter als Offenheit für Deine Ankunft, nichts als Wille mich Dir hinzugeben, nichts als Bereitschaft Dich zu empfangen. Als ich Dich in mir spürte, spüren durfte, da war es, als hätte ich mich noch nie so erfüllt gefühlt, fühlte Dich in mir, bis in die Fingerspitzen, bis in die Haarspitzen, fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben ganz, und dieses Gefühl wurde von einem Mal zum nächsten intensiver und eindeutiger. Umso mehr Du mein Verlangen nach Vereinigung mit Dir stilltest, hast Du es gleichzeitig entfacht, wurde die Zersplitterung doch bloß desto deutlicher, schlimmer, da Du sie mir jedes Mal aufs Neue bewusst machtest. Du hast ein Feuer in mir entfacht, das niemals aufhört. Nein, nicht niemals, denn wir wissen beide nur allzu gut, dass es kein für immer gibt, obwohl ich mich immer wieder bei dem Gedanken ertappe. Weg mit diesen Hirngespinsten, angemessen höchstens pubertierenden Teenagern!

Du hast ein Feuer in mir entfacht, das weiterbrennt, auch wenn Du nicht da bist, das mir ungeahnte, ungekannte Lebensenergie einhaucht, das mich vorwärtstreibt, Kreativität und Kompetenz in mir weckt, die ich mir zuvor selbst nicht zugetraut hätte. Wie sehr sehne ich mich nach Deiner Berührung, sehne ich mich danach mich Dir ganz und gar hingeben zu dürfen. Erledige Deine drei Dinge, die Du zu erledigen hast, und komm zu mir, stille mein Verlangen, erfülle mich mit Leidenschaft, Leben und Lust, mit Lebenslust. Ich brenne für Dich, lass mich nicht verbrennen!

Langsam ging ich zurück in die Stadt, um mir für diese eine Nacht ein kleines gemütliches Zimmer zu suchen. Mitten am Hauptplatz fand ich es, in einer etwas rustikalen, doch sehr einladenden Pension. Heute noch solltest Du Deine drei Dinge endlich erledigt haben, heute noch, kannst Du mich hier vorfinden, für diese eine Nacht. Morgen werde ich meine, unsere Reise fortsetzen, meine, die es jetzt noch ist, und unsere, die es hoffentlich bald sein wird. Wenn ich es genau nehme, dann ist es vielleicht auch schon unsere Reise, denn so ausführlich wie ich Dir darüber Bericht erstatte, ist es doch schon beinahe so, als wärst Du wirklich da. Und dennoch, bei aller Annäherung, bei aller Genauigkeit, bleibt es doch gerade mal ein Beinahe. Ich will es jetzt nicht bagatellisieren, denn ich habe bereits jetzt sehr vieles über uns und über mich selbst erfahren, was mir offenbar nur in der Reflexion möglich war.

Sicher, ich hätte darauf verzichten können, wärst Du nur da, aber es ist nicht nur grau, was uns im ersten Moment grau erscheinen mag, denn auch da gibt es Lichtblicke, doch derer habe ich jetzt genug genossen, finde ich. Bitte, wenn es irgendwie geht, schließ Deine drei Dinge ab und komm zu mir. Meine Sehnsucht wird von Tag zu Tag größer, und manchmal ist es mir, als könnte ich nicht einen einzigen Schritt weitergehen, wenn Du nicht meine Hand hältst und mich führst.

Von der, deren Verlangen Du entfachst, indem Du es stillst.

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