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Life is too short for boring stories

Mit einem heftigen Knall zersplittert die Scheibe, der sich in meinen Kopf bohrt, als wäre er ein überdimensionaler Splitter. Es fühlt sich an, als würde es ihn zerreißen. Dann tritt wieder Stille ein. Ich atme auf, sehe mich um. Ich stehe mitten in den Scherben eines Fensters, das Du umfunktioniert hast. Es hat Dich gestört, die Menschen, die daran vorbeigingen und durch die Scheibe hindurch zu Dir blickten, so wie Du zu ihnen. Auf zwei Seiten, durch die Scheibe getrennt zwar, aber ihr saht einander. Viele lächelten. Du nicht. Du wolltest nicht, dass sie Dich sahen, wenn sie vorbeigingen.

Einmal hat sogar eine an die Scheibe geklopft. Es wäre so leicht gewesen, das Fenster zu öffnen, um die Begegnung ohne Barriere, sei es auch eine durchsichtige, möglich zu machen. Dabei hatte ich immer gedacht, dass es der Sinn eines Fensters wäre, es öffnen zu können. Das war er auch für Dich, aber nicht um das Trennende zwischen Dir und Deinem Gegenüber zu entfernen, sondern um zu lüften. Dann wurde es hastig wieder geschlossen. Aber als nun eine Frau, irgendeine, die Du nicht kanntest, die Unverfrorenheit besaß, an eben jene Scheibe zu klopfen, da war es zu viel für Dich. Deshalb hast Du ihr einen silbernen Anstrich gegeben, so dass niemand mehr hineinsehen könnte und gar nicht erst auf die Idee käme, anzuklopfen. Du konntest zwar auch nicht mehr hinaussehen, doch dass Du Dich selbst sahst, in der ehemaligen Scheibe, die Du zum Spiegel umfunktioniert hattest, war eine große Errungenschaft für Dich.

Nur mehr Dich selbst zu sehen, Deine eigenen Anliegen und Bedürfnisse, für Dich zu bleiben, als das Maß aller Dinge. „Ich brauche niemanden und will auch von niemandem gebraucht werden“, sagtest Du, „Ich mit mir, das ist die perfekte Harmonie. Niemand kann so viel schaffen, niemand an mich heranreichen, wenn ich die Möglichkeit habe mit mir zu sein. Sie haben mich gestört, aufgestört, weil sie mich von meiner Arbeit abhalten wollten. Sie haben es gewusst, dass sie mich so aus der Konzentration reißen, in Angelegenheiten, die mich nichts angehen, in ihre schäbigen, kleinen Leben, so ohne Sinn und Verstand. Wenn sie schon selbst nichts auf die Reihe bringen, so dachten sie wohl, sollte ich es auch nicht. Aber ich habe eine Lösung gefunden, sie draußen zu halten und mich nicht mehr ablenken zu lassen.“

Und so verlorst Du Dich in der Selbstbespiegelung, während Du nicht merktest, wie kraft- und leblos Deine Kunst wurde – was auch nicht anders sein konnte, weil Du Dich von der Kraft des Miteinander und des Lebens gelöst hattest.

Niemand sagte etwas zu Dir – und Du hättest Dir nichts sagen lassen, doch als der Spiegel zersplittert, verschwindet auch die Barriere. Der Knall ist heilsam, so wie die Stille danach. Ich stehe, inmitten der Scherben. Silbrig, glänzende Scherben, Überbleibsel dessen, was einst ein Spiegel war.

Ich bücke mich, um die Scherben aufzuheben, damit auch die Vereinzelung durch sie verschwinden würde. Doch sobald ich sie berühre, wandelt sich die silbrig glänzende Scherbe in einen Mosaikstein. Ich denke, ich hätte mich vertan und versehentlich einen solchen Stein, statt einer Scherbe aufgehoben, doch auch die nächste und die übernächste und die überübernächste, ja, all die Scherben, die ich aufhebe, wandeln sich in farbenfrohe Steine, bunt, wie der Regenbogen. Endlich höre ich auf, sie einzusammeln, weil ich nicht mehr halten kann, in einer Hand. Stattdessen sehe ich sie versonnen an. Dann beginne ich sie zu ordnen und siehe, es wird eine Geschichte, die ich der Welt schenke, eine Geschichte aus dem Leben, für das Leben. Während ich sie forme, kommen andere und entdecken die Mosaiksteine. Und in der Arena der Kunst reihen sich bald Bilder an Skulpturen an Fotografien. Musiker*innen tragen Ihre Werke vor, Literat*innen ihre Texte. In all ihrer Individualität ergänzen, bereichern sie sich. Eine ungeahnte Vielfalt an kreativen Gedanken erfüllt den Raum, erreicht die Menschen, berührt sie. Ich sehe sie die Werke begutachten, der Musik und den Worten lauschen. Sie treten ein in den Diskurs, miteinander. Die Kunst gibt den Anstoß. Eine Verbundenheit wird spürbar, die zuvor nicht da war. Immer reicher und vielfältiger wird die Darstellung, und doch fügt sich alles in ein Ganzes. Es ist, als wollte jede ihren Teil zum Gelingen beitragen, je auf ihre Weise. Ich bin überwältigt von der Fülle. Alles findet seinen Platz, in der Ergänzung, ebenso, wie im Widerspruch. Die Menschen sprechen miteinander, tauschen sich aus und finden zueinander, weil sie das Gemeinsame über das Trennende stellen. Und ich bin mitten unter ihnen. Als plötzlich Stille eintritt, eine schwere, unheilverkündende Stille.

Ich wende mich von den Kunstwerken ab und sehe sie, die Männer und Frauen, wie sie stehen, in einer Reihe, in ihren Uniformen, die sie ununterscheidbar machen. Alle sehen sie gleich aus, als hätten sie mit der Übernahme der einheitlichen Aufmachung ihre Individualität abgegeben. Soldat*innen haben Ränge und Nummern, aber keine Gesichter mehr. Sie stehen für ihre Funktion, nicht für ihre Person. Es gibt nichts Persönliches, darf es nicht geben, alles gleich, im Aussehen und in der Bewegung. Kerzengerade stehen sie da, wie ein Block, ein unüberwindlicher Block, der von einem Gehirn gespeist wird, denn ihr eigenes kennt nur Befehl und Ausführung. Offizielle Uniformen, die man sofort erkennt. Soldat*innen, Polizist*innen, Sanitäter*innen u.v.m. Man soll sie auch nicht unterscheiden können, weil sie nur ihre Aufgabe erfüllen, frag- und kommentarlos. Es braucht keine Persönlichkeit, keinen Charakter, nur die Eingliederung in die Hierarchie, das Wissen darum, wer wem Befehle erteilen darf und wer sie zu befolgen hat. Alles ist genau geordnet.

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