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Life is too short for boring stories

Doch da gibt es auch die Uniformen, daneben, die nicht als solche ausgewiesen sind, aber dennoch von den, mit der Gesellschaft vertrauten, sofort eingeordnet werden können. Die Geschäftsleute, die Arbeiter*innen, die Hippen und Angesagten, die Seriösen, die Reichen und die, die so tun, die Armen, und die, die so tun, als wären sie es nicht, eingebettet in informelle Befehlsstrukturen, die unsichtbar sind und dennoch wirken. Man weiß, was man zu tun hat, will man in der Kategorie bleiben, zu der man sich rechnet oder in die man gerechnet wird. Eine uniforme Gesellschaft, die sich dennoch frei nennt. Gedankenkontrolle durch unhinterfragte Vorgaben. Eingliederung durch die unbewussten Glaubenssätze.

Und dann gibt es auch immer die, die sich ihrer Individualität bewusst sind. Die Menschen in der Arena der Kunst, die sich herausnehmen und verzaubern lassen von den bunten Mosaiksteinen, sie zu einem Ganzen zu fügen, ohne dass die einzelnen Teile aufhören auch für sich zu stehen. Diese bunte Vielfalt, diese Ansammlung an individuellen Gedanken, Werken und Lebensentwürfen, sieht sich plötzlich den durch die Uniformen entpersönlichten Gestalten gegenüber.

In Reih und Glied stehen sie da. Aufrecht und gerade. Die Menschen wurden aufgefordert die Mosaiksteine zu entfernen und das Gelände ruhig und geordnet zu verlassen. Klar und unmissverständlich sind die Worte. Niemand leistet ihnen Folge. Da legen die Soldat*innen die Gewehre an. Die Menschen bewegen sich immer noch nicht. Da gehe ich auf sie zu, umhüllt von bunten Blumen, als wäre ich selbst eine. Auf meinem linken Arm trage ich kleine Kränze. Auf ein Gewehr nach dem anderen hänge ich einen von ihnen, bis ich vor einem von ihnen innehalte. Zum ersten Mal sehe ich in das Gesicht. Ja, da ist ein Gesicht unter der Kappe. Es ist ein junger Bursche, höchstens 18 Jahre alt. Er zittert am ganzen Körper, als wollte sich dieser einem Befehl widersetzen, von dem ihm sein Verstand sagt, er müsse ihn befolgen. Ich sehe ihm in die Augen, in denen ich das Entsetzen erkenne, während der Finger am Abzug gekrümmt ist. Bewegungslos steht er da, den Blick stur geradeaus, an mir vorbei. Nur das Zittern bringt er nicht unter Kontrolle, als ein ohrenbetäubender Lärm die Stille zerreißt. Direkt an meinem Ohr ist die Kugel vorbeigeflogen, streifte sie. Automatisch greife ich an die schmerzende Stelle, fühle warmes, dickes Blut, das aus der Wunde auf meine Schulter tropft. Irritiert blicke ich auf meine Finger, als könnte ich es nicht glauben, während das Blut weitertropft, bis es versiegt. Da lassen die Soldat*innen ihre Waffen sinken. Die Blumenkränze rutschen auf den Boden, liegen nebeneinander, still, wie verflochten. Der Blick des Jungen, der schoss, ist zu Boden gerichtet. Als könnte er selbst nicht glauben, was er tat. Was ihm passiert war. Vorsichtig nehme ich ihm die Kappe ab, dieses unsägliche Symbol der Entpersonalisierung, des Verschmelzens in der Gruppe. Dann hebe ich sanft sein Kinn mit den Fingern an, so dass er mich ansieht, ansehen muss. „Es ist nichts passiert, alles ist gut“, flüstere ich, „Es gibt nichts zu bereuen und nichts zu verzeihen. Aber zu überdenken.“ Und wie auf ein geheimes Zeichen hin, legen die Soldat*innen die Waffen nieder und beginnen sich der Uniform, der Insignien ihrer Unterwerfung, zu entledigen. Es kommen Personen zum Vorschein. Man kann sie unterscheiden. An der Statur, der Haarfarbe, der Augenfarbe, der Gesichtsform, der Art, wie sie lächeln und sich ausdrücken. Manche finden ihre Mosaiksteinchen, andere in den Diskurs, so dass die Entzweiung gänzlich überwunden ist und die Verbundenheit eint, im Wort, in der Tat und im Lachen.

„Was hast Du mit meiner Scheibe gemacht?“, fährst Du mich unvermittelt an. Ich hörte Dich nicht kommen. Nun stehst Du hinter mir, bewaffnet mit Schaufel und Besen, bereit die Scherben zusammenzukehren, die nun nur mehr Mosaiksteinchen sind, so wie ich annehme. Deshalb weise ich auf das, was geschaffen wurde, was reges Leben bedeutet, doch Du winkst ab, siehst Dich verkniffen suchend um. Endlich findest Du, was Du willst. Zusammenhanglose, spitze, silberne Scherben. Da kannst Du Ordnung machen. Akribisch kehrst Du die Scherben zusammen, denn wo Leben ist, so bist Du überzeugt, müssen Mauern sein und Abgrenzungen und Fenster, am besten mit silbernen Scheiben, damit Du unbehelligt bleibst, von mir. Du baust die Mauer. Eine kerzengerade, unüberwindliche Mauer, mit nur einem Fenster, zum Lüften, silbern, Dich spiegelnd, abgetrennt von den anderen, vom Du, weil Du es so willst, weil Du es nicht aushältst. Auch nicht das Lachen. Vielleicht schielst Du ab und zu hinüber, zu denen, die die Verbundenheit finden und leben, aber es macht Dich nur wütend, so dass Du daran denkst, Menschen zu suchen, die man in eine Uniform pressen kann, damit sie Befehlen gehorchen, die nichts mit ihrem Wollen zu tun haben, sondern nur mit Deinem, alles zu vereinheitlichen, das Bunte zu löschen, die Vielfalt und die Verflochtenheit. Nichts hasst Du mehr als das Chaos, das Du darin siehst. Es ist Dir nicht möglich einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Zu verbohrt bist Du in dem, was Du Dir als richtig zurechtgelegt hattest. Deshalb lasse ich Dich, hinter Deiner Mauer, dem silbernen Fenster. Trotzdem ist es noch nicht zu spät, solange da noch ein Fenster ist, das man zerschlagen könnte und es könnte sein, dass Du es dann sein würdest, die sich bückt, einen vermeintlichen Splitter aufhöbe, der eigentlich ein Mosaiksteinchen ist, auf dass Du einen Platz für ihn suchen würdest, inmitten dessen, was Du endlich als Vielfalt erkennen könntest. Es ist nicht zu spät, solange das Entzweiende noch einen Durchgang lässt, durch den ich Dich erkennen kann und Du mich.

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