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Life is too short for boring stories

Andernorts gebiert auch eine Mutter. Vier Säuglinge, ohne Hilfe, ohne Ratgeber und Anweisungen, wie sie atmen soll. Sie kann es einfach. Sie leckt die Kleinen sauber, bis das Fell glänzt. Ganz von alleine finden sie die Brüste, um zu trinken. Es geschieht mit aller Selbstverständlichkeit, in der Wärme der Geborgenheit, des Angenommen-Seins. Niemand darf den Babies zu nahekommen. Die Mutter verteidigt sie, wenn es sein muss, mit ihrem Leben. Sie muss nicht darüber nachdenken, wie es denn gehen könnte, weil sie weiß. Es liegt im Leben selbst, das Leben zu befördern, ohne Wenn und Aber. Zumindest bei ihr.

Die Kopulation ist beendet und ihre Gedanken kehren von der Geburt zum Ort des Geschehens zurück. Erschöpft liegt er neben ihr. Als sich sein Atem einigermaßen beruhigt hat, kommt die unumgängliche Frage, ob er denn gut gewesen sei. Was auch immer das heißen mag. Ausweichend erklärt sie, dass sie schon Schlimmeres erlebt habe. Was auch immer das heißen mag. Als wenn es eine geeichte Maßeinheit gäbe. Vielleicht die, wie weit er den Raureif der Vereinzelung um sie zu durchdringen vermochte oder er sich noch mehr verfestigte. Langsam gleitet ihr Blick über seinen Körper. Nun will er von ihr wissen, ob er ihr gefalle. Woraufhin sie entgegnet, dass ein Mann eben aussähe wie ein Mann, wohlwissend, dass er nur einen Teil seines Mannseins gemeint hatte, den Teil, über den sich ihrer Erfahrung nach, die meisten Männer definieren und wenn sie jetzt erwidert, dass sie sich nicht mehr und nicht weniger davor ekeln würde, als vor jedem anderen, war das nicht, um ihn zu verletzen oder in seiner männlichen Ehre zu kränken, sondern weil es die Wahrheit war. Schließlich, so fügt sie hinzu, sei es die schwerste Aufgabe eines jungen Mädchens, diese natürliche Abscheu zu überwinden, die erst anerzogen wurde, um dann zu erwarten, dass er sich in einem gewissen Alter von selbst verflüchtige. Oder auch nicht. Dennoch scheint er ihre Offenheit nicht zu goutieren. Beinahe hätte sie sagen mögen, er habe sich mit eingezogenem Schwanz zurückgezogen. Das ist aber Unsinn. Menschenmänner können ihren Penis nicht einziehen. Hunde können es. Und Pferde. Und Wale. Und wohl die meisten Säugetiermänner, nur beim Homo Sapiens geht das nicht. Aber es ändert nichts am Raureif im Winter der Vereinzelung. Er kann aufgebrochen werden, aber er hatte es nicht geschafft. Sie gehen auseinander, als hätte es keine Berührung gegeben, und es hatte auch keine gegeben, weil sie einander nicht erreichen konnten.

„Wovon genau willst Du mich heilen?“, frage ich, mich zu Dir und dem Gespräch zurückzwingend.
„Von Deiner Vorliebe für Frauen“, gibst Du unumwunden zurück.
„Und was genau muss daran geheilt werden?“, erwidere ich.
„Nun, Du bist doch nur so geworden, weil Du von Männern enttäuscht wurdest, denn keine Frau würde lesbisch werden, würde sie nur den richtigen Mann finden“, erklärst Du mir rundheraus.
„Und dieser Mann könntest Du sein?“, möchte ich mich vergewissern, ob ich Dich auch richtig verstanden habe.
„Genau, ich bin mir sicher, dass ich das kann, wenn Du es zulässt“, erklärst Du, überzeugt von Dir, Deiner Männlichkeit und Deinem Sendungsauftrag.
„Zunächst bin ich nicht lesbisch, nur weil ich Nein sage zu Dir und Deinem Angebot“, erwidere ich, „Es kann schon sein, dass Du daran glaubst, dass Du der Einzige wärst, anders als alle anderen. Dennoch benutzt Du dieselben Worte wie alle anderen, versuchst mir dasselbe einzureden, wie alle anderen. Es ist abgeschmackt und fad. So lächerlich, wenn Du selber zu glauben scheinst, dass Du das gerade eben erst erfunden hast. Warum sagst Du nicht einfach, was Du wirklich willst und lässt die komische Herumrederei?“
„Weil Du Nein sagen würdest, würde ich es direkt ansprechen“, meinst Du.
„Und wo ist der Unterschied? Ich habe auch so Nein gesagt“, erwidere ich.
„Du hast Nein gesagt?“, fragst Du, nicht unbegründet, denn Du hattest das Nein nicht gehört oder zumindest nicht zur Kenntnis genommen, „Und außerdem, jeder weiß doch, wenn eine Frau Nein sagt, dann meint sie Vielleicht.“

Und das ist der Moment, in dem ich alle Regeln der Höflichkeit vergesse, was mir nicht leichtfällt, denn ich trage die Bürde mit mir herum, gut erzogen zu sein, wie man so schön sagt, schnappe mir meine Jacke und gehe. Als ich auf der Straße stehe, atme ich erleichtert auf. Die kühle Nachtluft umfängt mich, doch sie ist warm, im Gegensatz zum Raureif, der sich mit einem zum anderen Erleben mehr verfestigt. Ich will nicht bestreiten, dass es auch wieder einen Sommer des Miteinander geben kann, nur glaube ich nicht mehr daran. Es ist wie eine intellektuelle Spielerei, mit der man sich in stillen Momenten amüsieren kann. Nichts weiter.

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