Das Schlimmste, dachte Tia, war das, was sie als ihre Befreiung sah, aber da war wohl Marianne anderer Meinung. Ob sie wohl je auch nur versucht hatte, ihre angeblich beste Freundin zu verstehen?
„Das Schlimmste, dass Du einfach alles verkauftest und weggingst. Weit weg. Damit ließt Du alle im Stich, die für Dich da waren. Ich erinnere mich noch, dass Du nichts tatest, als eben einen lausigen Job zu machen und Dich um Deine Tochter zu kommen. Im Schwimmbad sah man Dich. Am Spielplatz. Später beim Sport und Du hast nicht eine professionelle Firma beauftragt, um den Kindergeburtstag auszurichten. Nein, Du machtest das selbst, gingst mit den Kindern an den Fluss und grilltest am offenen Feuer. Einen Heidenspaß hatten sie, hieß es. Und ich? Ich rackterte mich 60 Stunden die Woche ab. Für solche Spintisierereien hatte ich keine Zeit. Was meinst Du, was eine Kinderbetreuung kostet? Das musst Du mal verdienen. Aber nein, Du musstest es selbst machen. Und den Kindern gefiel es. Wieviel Undankbarkeit! Und Du hast gelacht! Ja, Du hattest Spaß im Leben. Sowas von verantwortungslos.“

Tia dachte an diese Zeit. Nein, es war nicht leicht für sie gewesen. Dadurch, dass sie eben nicht die Ausbildung haben konnte, wie Marianne sie hatte, war sie auf Arbeiten angewiesen, die so bezahlt wurden, dass es gerade so zum Leben reichte. Den Rest der Zeit verbrachte sie mit ihrer Tochter. Das stimmte. Aber sie hatte auch keine Wahl gehabt. Und wenn sie ehrlich war, sie hätte es auch nicht anders gewollt. Für Marianne waren ihre Kinder, ihr Mann, ihr Haus immer Prestigeobjekte gewesen. Die kosteten nun mal viel Geld. Doch es war ihre Entscheidung gewesen, sie hatte die Prioritäten gesetzt. Und dann kam der Tag, da war sie sich sicher, dass sie ihre Tochter nicht mehr brauchte. Das war, als sie alles verkaufte und wegzog. Mit nichts als einem Rucksack. Freiheit, auch vom Haben, das war ihr Ziel. Zum Arbeiten brauchte sie nur ihren Laptop und Internet. Und was war mit den Menschen, die angeblich für sie dagewesen waren? Niemand hatte sie unterstützt, weder finanziell noch bei der Betreuung ihrer Tochter. Dabei war sie oft so müde gewesen, dass sie meinte, nicht mehr aufstehen zu können. Aber sie schaffte es, irgendwie, immer. Das einzige, was sie bekam, waren Vorwürfe. Weil ihr Kind, das hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Und was denn die Leute sagen. Das schien immer das Wichtigste zu sein. Jetzt war sie schon einige Jahre unterwegs, wie eine Nicht-Sesshafte und es ging ihr gut damit. Sie hatte sich auf das, was wirklich zählt im Leben, das Grundlegende. Essen, Trinken, ein Dach über dem Kopf und Gemeinschaft. Mehr brauchte man nicht. Eigentlich. Wer mehr hatte, hatte auch Ballast und lebte in der ständigen Angst, dass es ihr weggenommen wurde. Es war aufwändig und belastend. Tia hatte dies hinter sich gelassen. Und das machte Marianne ihr jetzt zum Vorwurf? Aber der Brief ging noch weiter:
„Jetzt tingelst Du in der Weltgeschichte herum und tust nichts, lebst wohl von Sozialhilfe, wie all die Taugenichtse, die wir mit unseren Steuern durchfüttern. Wir arbeiten hart. Du lässt es Dir auf unsere Kosten gut gehen. Was für ein Affront! Wir finanzieren Deine Freiheit. Natürlich würde ich mir das auch wünschen, aber ich habe eben Verantwortungsbewusstsein, im Gegensatz zu Dir. Du machst einfach, wonach Dir der Sinn steht. Anständige Menschen können das nicht, weil sie da bleiben müssen und arbeiten müssen und sich präsentieren müssen. Ich träumte wohl auch schon davon, dass ich einfach alles hinter mir lasse, aber ich kann das nicht. Ich bin solide. Du nicht. Und was war mit Deinem Besuch bei Deiner Tochter? Du musstest auf dem Boden schlafen, habe ich gehört. Welcher anständige Mensch schläft am Boden? Du musst wirklich überall anecken und Dich wichtig machen. Da müssen sich normale, fleißige, anständige Menschen von Dir abwenden.“
Offenbar wusste Marianne nicht, dass Tia online arbeitete, Steuern zahlte und keine staatliche Unterstützung bekam. Und ja, sie hatte bei ihrer Tochter am Boden geschlafen, weil sie es mochte. Sie hatte sich schon lange abgewöhnt zu tun, was normale Menschen tun, sondern das, was sich für sie richtig und gut anfühlte. Wie viel Energie es kostet, wenn man ständig überlegen muss, ob es denn anständig und normal wäre, was man tut. Man kann es einfach lassen. Auch Marianne. Aber da lässt man sich lieber vom Neid zerfressen, bevor man ändert, womit man offenbar unglücklich ist. Damit zerriss Tia den Brief und ließ ihren Blick über das Meer schweifen. Es war gut hierzusein. Ganz gleich, was andere darüber dachten. Es war nicht ihre Schuld, dass diese es nicht wagten. Und sie würde es sich auch nicht umhängen lassen.

