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Life is too short for boring stories

„Meine liebe Luise“, begann er, in gewohnt sachlichem Ton, der ihm eigentümlich war, so wie der tadellos sitzende Anzug im dezenten Grau oder Dunkelgrau und die stets blank geputzten schwarzen Schuhe. Niemals versäumte er es, pünktlich um 17.00 Uhr die braunen Tagschuhe gegen die schwarzen Abendschuhe zu tauschen, wobei er – nur nebenbei bemerkt – auch nie verstanden hatte wie man braun zu grau tragen konnte, „Ich denke, ich habe Dir etwas zu sagen.“
„Mein lieber Anatol“, entgegnete die Angesprochene lächelnd, während sie sich galant ihm zuwandte, die klugen grauen Augen zu ihm anhob ebenso wie ihr kleines Stupsnäschen, „Dann sprich nur frei von der Leber weg. Ich bin ganz Aufmerksamkeit.“
„Nun, nun, das weiß ich, wie immer eben“, entgegnete er zerstreut, „Nicht, dass ich das als selbstverständlich sähe, das darfst Du nicht denken, und dann ist es auch nichts, ich meine, was ich Dir zu sagen habe, was von der Leber käme, sondern eher … nun ja … von weiter oben.“
„Oh Du hast einen klugen Gedanken, den Du mir mitteilen möchtest“, wollte Luise ihm auf die Sprünge helfen, denn sie kannte seine Gedankengänge sehr gut und sie waren immer sehr aufschlussreich und bedenkenswert.

„Nun, nicht ganz so weit oben, eher zentriert, mittig, würde ich sagen“, druckste er weiter herum.
„Nun, dass der Nabel höher sitzt als die Leber, gut, das wusste ich nicht, muss ich gestehen, aber nun ja, man lernt nie aus, ich auch nicht. Ist es nicht so, Anatol?“, entgegnete Luise aufmunternd, da sie seine Verwirrung wohl bemerkte und versuchten wollte, ihm auf die Sprünge zu helfen.
„Meine liebe Luise“, begann er von Neuem.
„Mein lieber Anatol“, entgegnete sie postwendend, „Aber das hatten wir doch schon, wenn ich mich recht erinnere?“
„Meine liebe Luise, lass mich ausreden und unterbrich mich nicht mehr“, stieß er rasch hervor um ihr nicht noch einmal Gelegenheit zu bieten ihn zu unterbrechen, „Wir kennen uns nun doch schon eine ganze Weile. Es müssen so ungefähr fünf Jahre sein.“
„Fünf Jahre, zwei Monate, drei Wochen und fünf Tage“, warf sie rasch ein, „Entschuldige, ich unterbrach Dich schon wieder.“
„Was für ein ausgezeichnetes Gedächtnis Du hast, wirklich bemerkenswert“, konnte er nicht umhin festzustellen, „Aber wie dem auch immer sein mag, ich denke, es ist höchste Zeit Dir zu erörtern wie es um mich steht, also um mich in Bezug auf Dich, also eigentlich um uns, obwohl das auch schon wieder zu viel gesagt ist, weil ich ja letztlich nur von dem sprechen kann, was in Bezug auf mich ist und dann sagst Du wie es in Bezug auf Dich ist und dann können wir die Conclusio daraus ziehen, die uns bezeigt wie es um uns ist. Also erst ich, dann Du und dann Wir. Ich denke, das wäre die rechte Vorgangsweise. Denn dann weißt Du Bescheid, ich Bescheid und damit eigentlich und im Grunde genommen, Wir. Zugegebenermaßen, ein praktikabler Weg, denke ich, und dann denke ich noch, dass es nun an der Zeit wäre, nachdem wir uns schon so lange kennen …“ Er hielt inne, denn etwas hatte sich verändert. Das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden, als sie sich nun erhob und entschlossenen Schrittes auf ihn zukam, verstummte ob dieser Eindeutigkeit der Annäherung. Seine Augen weiteten sich angstvoll und sein Mund wurde trocken.  Ganz nahe kam sie ihm, doch er konnte nicht zurückweichen, da sie ihr Arme um seine Schultern schlang. Ihr Gesicht war jetzt knapp vor dem seinen, ihre Nasen berührtensich beinahe und er vergaß vor Schreck beinahe zu atmen.
„Ich liebe Dich“, sagte sie, und das tat sie, einfach so, ohne irgendetwas, ohne Herumzureden. Ganz einfach schienen diese Worte, wenn sie sie sprach, „Und Du liebst mich.“ Sie fügte es mit einer Selbstverständlichkeit hinzu, als wüsste sie genau wie es ihm ums Herz war, obwohl er noch nie ein Wort darüber verloren hatte.
„Zugegeben, es kommt dem Nahe, also vielleicht sogar am Allernächsten, oder es könnte sich auch decken …“, stotterte er tonlos.
„Sei doch einfach mal still!“, unterbrach sie ihn rüde, und um ganz sicher zu gehen, dass er nicht weiter reden könne, drückte sie ihre Lippen auf seine.

Aus: „Anonym. Begegnungen“

2 Gedanken zu “Das Geständnis

  1. oma99 sagt:

    *schmelz* – hach ja…

    1. novels4utoo sagt:

      Süß, gel.

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