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Life is too short for boring stories

Rabe Onto fühlte sich bei uns wohl und zu Hause, soweit ich mir als Mensch anmaßen kann, dies beurteilen zu können. Es hatte gar nicht lange gedauert, bis sich feste Strukturen etabliert hatten. Und warum sollte man nicht wiederholen, was sich bewährt hat. Das schenkt dem Leben eine gewisse Verlässlichkeit inmitten der Unwägbarkeiten. Fatal wird es nur, wenn diese Vorgänge auch dann noch fortgeführt werden, wenn sie ihre Funktion verloren haben. Das nennt sich dann Tradition. Doch zu diesem Zeitpunkt war es opportun, den bisherigen zwei Futterschüsseln, eine dritte hinzuzufügen. Zwei für die Hunde, eine für den Vogel. Seite an Seite nahmen sie ihre Mahlzeiten ein. Die ersten Male hatte wohl einer der Hunde noch versucht, einen Anteil von Ontos Futter abzubekommen, doch Onto verwies sie deutlich in ihre Schranken. Nachdem dies mit einem einzigen Fauchen geklärt war, herrschte ungebrochene Eintracht. Kein einziges Wort war notwendig, um sich zu verstehen. Wie anders ist das bei den Menschen.

Menschen sprechen. Natürlich um Informationen auszutauschen. Doch das macht den geringsten Anteil aus. In erster Linie sprechen Menschen miteinander, um die Gemeinschaft, die communio, zu bestärken. Zumindest ist es so gedacht, aber oftmals geschieht das Gegenteil.

„Was denkst Du?“, fragt sie und betrachtet ihn mit diesem Blick, der ihn zu durchbohren scheint.

„Nichts“, antwortet er, denn im selben Moment, in dem sie fragte, was er denn denke, riss sie ihn aus seinen Gedanken und sie verschwanden.

„Natürlich denkst Du etwas!“, entgegnet sie herrisch, „Man kann nicht nichts denken.“

„Ich schon“, gibt er zurück. Etwas schwach, zu schwach, um sie nicht zu veranlassen, misstrauisch zu werden.

„Du denkst irgendetwas, willst es mir aber nicht sagen“, fragt sie deshalb weiter.

„Ich dachte an die Arbeit“, gibt er hilflos zurück, weil er genau weiß, dass er ihr nicht auskommt.

„Du hast mich also schon wieder belogen“, meint sie triumphierend.

So wird aus einer harmlosen Frage, ein Vorwurf, ja eine Verurteilung, die die Gemeinschaft nicht unbedingt festigt. Und so werden die Gräben immer größer, ohne es zu beabsichtigen. Wichtig ist nur, dass man recht hat, als Sieger*in aus solch einer Kommunikation herausgeht.

„Du kannst ruhig mit dem Papa nach Hause fahren. Der Mama geht es dann eh viel besser“, höre ich die Oma zu ihrem Enkelkind sagen, das die Mutter drängt endlich wegzufahren. Sie waren bei der Oma auf Besuch übers Wochenende und nun soll es nach Hause gehen. Ich frage mich, hat sich diese Dame auch nur einen Moment überlegt, was sie zu dem Buben sagt. „Der Mama geht es ohne Dich viel besser“, das ist es, was ich aus ihren Worten höre.

„Die Mama hat hier viel weniger Arbeit“, setzt die Oma noch hinzu, um die Aussage zu unterstreichen. Der Kleine ist ruhig geworden, hat aufgehört zu drängen, wohl weil er die Botschaft verstanden hat, „Ohne Dich geht es der Mama viel besser.“

Die Hunde standen geduldig daneben und warteten, bis Onto seine Mahlzeit beendet haben würde, wohl auch mit der vagen Hoffnung, dass er etwas übrigließe, was dann ihnen zufiele. Doch sie wagten es nicht, näher zu kommen, nachdem Onto sie in aller Eindeutigkeit zurechtgewiesen hatte, um dann völlig unerwartet von seinem Futter je ein Stück in die Schüsseln der anderen zu legen. Ich war sehr erstaunt. Er ließ sich nichts wegnehmen, aber er gab freiwillig ab, als wollte er sich dafür erkenntlich zeigen, dass sie seinen Raum respektierten. Und kein einziges Wort war notwendig. Zuletzt trotteten sie alle an ihren Platz. Es herrschte Eintracht. Sollte diese einmal gestört sein, so wurde diese Störung umgehend aus der Welt geschafft. Es ging nicht um Verlierer*innen oder Gewinner*innen, es brauchte keiner Herrscher*innen und keine Untertanen, nur den Respekt vor dem jeweiligen Freiraum, die Achtsamkeit im Umgang und die Aufmerksamkeit dafür, was die/der andere gerade brauchte. Die Reaktionen waren klar, unmissverständlich und unmittelbar. Man trug sich nichts nach, so dass es möglich war, ohne Groll am Abend nebeneinander einzuschlafen. Während die Mitglieder der angeblich intelligentesten Spezies ihren Groll nicht nur nicht aus dem Weg räumen, sondern ihn oft über lange Zeit aufrechterhalten, ja geradezu kultivieren. Dabei könnte es so einfach sein, gut miteinander auszukommen, und dazu muss ich noch nicht einmal sprechen können.

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