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Life is too short for boring stories

Rabe Onto, wie er von uns genannt wurde, hatte sich eingelebt. Er nahm sein Schicksal, vorübergehend nicht fliegen zu können, mit bewunderungswürdiger Gleichmut, hin. Immerhin konnte er noch gehen. Das tat er. Neugierig und wissbegierig, wie intelligente Lebewesen nun mal sind, erkundete er die Umgebung, untersuchte verschiedenste Materialien auf deren Belastbarkeit, bevorzugt mit dem Schnabel, sodass ich es mir angelegen sein ließ, keine Pölster oder ähnliches an Stellen zu belassen, die für ihn leicht erreichbar waren. Nachdem sich das erste Innenleben eines Polsters auf dem Boden verstreut fand, hatte ich meine Lektion gelernt. Wenn ihm langweilig wurde, und das war immer öfter der Fall, forderte er mich auf, ihn auf meine Schulter zu setzen, so dass er noch mehr erkunden konnte. Zu diesem Behufe setzte er sich vor meine Füße und krächzte so lange, bis ich es endlich verstanden hatte. Menschen sind manchmal schwer von Begriff.

Menschen sind überhaupt sonderbar, musste er sich wohl denken, wenn er sich denn die Mühe machte, über unsere Spezies allzu viel nachzudenken. Sicher, ich hatte ihm geholfen, aber das hätten Raben untereinander auch gemacht, soweit es in ihrer Macht stünde. Ein gebrochener Flügel in der freien Natur, das hätte den sicheren Tod bedeutet. Er jedoch war diesem Schicksal entronnen. Und nun war er während seiner Rekonvaleszenz damit konfrontiert, immer wieder andere Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung zu erleben. Da waren zunächst die, die immer wieder kamen. Sie schienen sich gefreut zu haben. Er war ihnen vorgestellt worden, aber im Großen und Ganzen ließen sie ihn in Ruhe. Und er sie. Viel Spaß hatte er, wenn er gerade auf meiner Schulter saß und der Bote vom Paketdienst kam, den Onto mit einem herzhaften Krächzen begrüßte, worauf dieser regelmäßig einen eher verängstigten Laut von sich gab. Und dann gab es noch jene, die mal kurz vorbeischauten, eine Weile blieben und das Haus wieder verließen. Diese reagierten völlig unterschiedlich auf Onto. Manche sahen ihn und gingen sofort wieder. Andere waren dreist und gingen forsch auf ihn zu. Einen von diesen zwickte er versuchsweise in den Finger. Ich versuchte den Besucher*innen natürlich zu erklären, dass weder ängstliches Gejammer, noch tolldreistes Vorpreschen gut waren. Dabei wurde mir bewusst, wie viele Menschen den gesunden, achtsamen Umgang im Miteinander verlernt hatten. Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass man sich vorsichtig einander annähert, vorsichtig und rücksichtsvoll. Doch es schien keinen Mittelweg zu geben. Es gab nur verängstigten Rückzug oder tolldreistes Vorpreschen. Menschen haben es verlernt, was für Tiere selbstverständlich ist. Die meisten zumindest. Ich wollte die Hoffnung schon aufgeben, als eines Tages die kleine Lara auf Besuch kam.

Lara war fünf und schneite alle paar Wochen mal vorbei, wenn sie mal gerade nicht irgendeinen Termin hatte. Man möchte es nicht meinen, aber diese Kleine hatte einen volleren Terminkalender, als so mancher Manager. Die Hunde kannten sie mittlerweile gut, begrüßten sie und legten sich wieder nieder. Onto war gerade damit beschäftigt, einen der Knochen der Hunde zu zerlegen, als Lara plötzlich dastand. Ich stellte die beiden vor, worauf Lara den schwarzen Vogel musterte, ihm kurz zuwinkte, um sich dann mit ihren Zeichensachen auf den Boden zu setzen. Ich malte mit ihr. Nicht, weil ich es konnte, sondern weil es mir Spaß machte und sie meine Werke nicht beurteilte. Nach einer Weile kam Onto näher, sah eine Weile zu, bevor er die Stifte zu untersuchen begann. Der erste, den er in den Schnabel nahm, zerbrach, worauf ihm Lara erklärte, dass er vorsichtig sein müsse. Gehorsam nahm er den nächsten, und siehe da, er blieb ganz. Dann zeigte das Mädchen Onto was er mit dem Stift machen könne. Aufmerksam sah er zu, um dann seinen ersten Versuch zu starten, es ihr gleichzutun. Krakelige Striche erschienen am Zettel. Lara vergaß keineswegs den Vogel zu loben. Und ich muss gestehen, ich war wirklich beeindruckt. Kleine Menschen haben es offenbar noch nicht verloren, dieses feine Gespür einer gesunden Annäherung aneinander. Und als ich Lara am Abend eine Geschichte vorlas, da war es Onto, der sich neben ihr am Boden legte und seinen Schnabel unter den Flügel steckte. Lara strich sanft über sein Gefieder. Da waren zwei, die sich mit- und aneinander wohl fühlten. Sie kommunizierten zwar nicht mit Worten, verstanden sich dennoch besser, als viele, die miteinander in derselben Sprache sprechen konnten.

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