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Life is too short for boring stories

Alleinerziehende Mütter waren also in seinen Augen verantwortungslos und lägen nur dem Staat auf der Tasche, so die Conclusio, die Sabrina aus seinen Aussagen gezogen hatte. Dem Staat auf der Tasche liegen hieß in seiner Diktion vor allem, dass auch seine Steuergelder, die von seinem hart erarbeiteten Geld gezahlt wurden, für diese nichtsnutzigen Schlampen aufgewendet wurden. Aber nicht nur dafür. „Auch für die Neger“, ja er hatte das N-Wort benutzt, „Von denen wir alle wissen, dass sie faul und zu nichts zu gebrauchen sind.“ Daneben sind Juden fast schon sympathisch. „Juden sind zwar falsch und verlogen, außerdem laut und aufdringlich, aber faul sind sie nicht“, hatte sein Resümee gelautet. Und all diese Aussagen kamen vorläufig in eine Schublade, die sie sorgfältig schloss. Immer noch meinte sie, es wären Ausrutscher und vielleicht auch mit seinem Alter zu entschuldigen. Dennoch merkte sie, dass sie sich nicht mehr so wohl fühlte wie zuvor. Doch das sollte noch nicht das Schlimmste gewesen sein.

Eines Tages, sie war tatsächlich wieder in Hochstimmung, die sie oftmals schon dazu veranlasst hatte, zu offenherzig zu sein, so dass sie sich ihm anvertraute, auch mit ihren Zweifeln. „Es ist schwer sich als Frau zu behaupten, geschweige denn sich als Künstlerin einen Namen zu machen“, meinte sie. „Das ist Unsinn. Ihr Frauen redet Euch immer darauf raus. Dabei habt ihr es weder schwerer noch leichter. Ihr müsst Euch halt anstrengen, so wie die Männer es machen. Aber als erst faul sein und dann nach irgendeiner Ausrede suchen, damit ihr das Mitleid bekommt“, hatte er entgegnet, „Dieser Mitleidsbonus zieht auch immer mehr. Wenn ich nur halb so viel Unterstützung bekommen hätte, wie die Frauen, hätte ich noch viel mehr erreicht, aber die kriegen halt einfach ihren Arsch nicht hoch. Aber zum Glück habe ich das nicht notwendig gehabt, denn ich habe immer alles aus eigener Kraft geschafft. Ich hatte gar keine Zeit dazu mich in den Jammer-Schmoll-Winkel zurückzuziehen, um dort darüber nachzudenken, wem ich denn die Schuld an meiner selbstfabrizierten Misere zuschieben könnte.“ „Du bist also der Meinung, dass jeder und jede die gleichen Chancen hat, ganz gleich, was für ein Geschlecht, was für eine Hautfarbe man hat oder woher man kommt?“, hatte sie nachgehakt. „Natürlich, ich z.B. ich hätte es auf jeden Fall geschafft, selbst als Zuluneger“, hatte er erklärt. „Wenn also ein Kind in einer Familie geboren wird, die man als wirtschaftlich schwach bezeichnet, hat man Deiner Meinung nach die gleichen Startbedingungen, wie jemand, der in einer Umwelt aufwächst, in der es den Kindern ermöglicht wird, eine höhere Schule zu besuchen, gar zu studieren?“, hatte sie weiter gefragt. „Jeder kann alles aus seinem Leben machen, ganz gleich woher er kommt oder wie sein Umfeld ist. Mit achtzehn nimmt er sein Leben in die Hand und ist für alles, was er tut oder eben auch nicht tut, zur Verantwortung zu ziehen. Wenn dann wer arm ist oder am Fließband arbeiten muss, dann ist er selbst schuld. Hätte er halt was anständiges gelernt“, hatte er gemeint. Aber nicht nur wirtschaftlich schlecht gestellte Menschen, auch alle anderen Minderheiten seien an ihrer Ausgrenzung beteiligt. Sie könnten es ja einfach unterlassen, darüber zu reden und alles dafür tun, dass es am besten keiner merkt.

Und endlich hatte Sabrina die Antwort gefunden. Die Lade, in der sie all seine Ansichten, die sie als zumindest bedenklich bezeichnen musste, hineingestopft hatte, war explodiert, weil sie schon übervoll war. Mit einem Mal war alles auf sie eingeprasselt und sie konnte sich nicht mehr länger was vormachen. Sie war gezwungen sich einzugestehen, dass bei seinen Einstellungen kaum ein Vorurteil fehlte. Unerschütterlich und voller Überzeugung war er homophob, sexistisch, antisemitisch, rassistisch, xenophob und soziophob. Das war es, was sie nicht länger ertragen konnte, warum sie ihn nicht mehr sehen wollte. Doch wieder stand sie vor dem Problem, wie sie ihm das vermitteln sollte, denn er war überzeugt davon, dass all das, was er meinte, schlicht der Realität entsprach. Schließlich war er ein guter Mensch. Deshalb hätte es auch keinen Sinn gehabt, ihm dies zu sagen. Aber was sollte sie dann sagen?

Sabrina entschloss sich, den einfachsten Weg zu gehen und diese Affäre zu beenden, so wie es in ihrer Freiheit stand. Schließlich war er es gewesen, der ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit eingebläut hatte, dass er sie eines Tages verlassen müsse. Das wäre dann wohl auch in Ordnung gewesen. Nun hatte sie sich die Freiheit genommen. Das war weniger in Ordnung. Eineinhalb Jahre später verfolgte er sie immer noch mit seinen Anschuldigungen, sie sei herzlos und egozentrisch. Irgendwann hörte sie auf sich darüber zu ärgern, denn das konnte sie alles ausblenden. Hauptsache, sie müsste ihn nie wieder sehen. Es war gut und notwendig einen Schlussstrich gezogen zu haben.

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