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Life is too short for boring stories

Es war im Jahre 1660 als in Claddagh, einem Vorort von Galway, ein Baby geboren worden. Und es war ein Bub. Sein Name, Richard Joyce. Seine Eltern waren arme Fischersleute. Richard wuchs zu einem stattlichen jungen Mann heran, der, sobald er konnte, seinen Vater bei der Arbeit auf dem Meer unterstützte. Er verliebte sich, wie es hieß, in das schönste Mädchen des Dorfes. Ihr Name bleibt unerwähnt. Und dennoch möchte ich das nicht so stehen lassen, nicht, wegen des fehlenden Namens, sondern wegen dem hübsch-sein.

Man stelle sich vor, es war Ende des 17. Jahrhunderts, so um ca. 1680. Das Leben war hart und entbehrungsreich, gerade an einem so unwirtlichen Flecken, wie es das westliche Irland nun mal ist. Da schaut man auf andere Kriterien. Deshalb behaupte ich, er verliebte sich in das fleißigste, stärkste, wildeste (die wilden Frauen kommen aus Irland, schon wegen dem keltischen Erbe) Frau des Dorfes. Das wäre angemessen. Schönheit hilft nicht zu überleben. Oftmals im Gegenteil. Die Familien kamen überein und stimmten der Verlobung zu.

Von diesem Tag an begleitete sie ihren Verlobten jeden Morgen bei Sonnenaufgang zum Schiff und holte ihn jeden Abend ab. Es waren nur mehr wenige Tage, da sollte die Hochzeit stattfinden. Wiederum begleitete sie ihn am Morgen, doch als sie ihn umarmte, da war es anders als sonst. Es war eine Umarmung so stark und innig, als wollte sie ihn nie wieder loslassen, auch wenn sie genau wusste, dass das nicht möglich war.

„Fahr heute nicht hinaus“, wollte sie ihm sagen, „Denn wenn Du heute hinausfährst, dann kehrst Du nicht mehr zurück.“ Das sagte eine innere Stimme, doch wie hätte sie das begründen sollen? Wie ihn davon abhalten hinauszufahren? Waren doch seine Familie und er von dieser Arbeit abhängig. Deshalb sagte sie nichts, umarmte ihn schweigend. Irgendwann löste er sich aus ihrer Umarmung.

„Wir sehen uns heute Abend“, meinte er noch, bevor er aufs Schiff stieg und wegsegelte. Sie sah ihm noch lange nach, lange, nachdem das Schiff bereits aus ihrem Blickfeld entschwunden war, bevor sie sich endlich losreißen und ihrer Arbeit zuwenden konnte. Am Abend fand sie sich ein, doch kein Schiff legte an. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten, nicht am übernächsten. So verging Woche um Woche.

„Der ist doch längst tot“, tönte ihr Vater jeden Tag, „Such Dir einen anderen.“ Denn er wollte sie endlich aus dem Haus haben. Immerhin galt es 12 hungrige Mäuler zu stopfen. Da konnte es nicht früh genug sein, dass die Kinder auszogen, doch sie blieb unbeirrt. Und aus den Wochen wurden Monate.

„Der hat sich abgeseilt“, flüsterten die Freundinnen, „Und sich eine mandeläugige Schönheit gefunden“, „Eine Reiche“, „Und dann sieh Dich dagegen an, so irisch wie Du aussiehst, farblos“, „Und die riechen so gut, diese exotischen Frauen.“ Doch auch davon ließ sie sich nicht beirren.

Sie stand am Steg, sah hinaus aufs Wasser, und dachte, dass er der Mann war, an dessen Seite sich zu leben und zu kämpfen lohnte, ein Freund, ein Liebender, und selbst wenn er tatsächlich nie wieder kommen würde, so war ihre Entscheidung ihn zu lieben, ihm die Treue zu halten, eine, die ihr gehörte, unabhängig von allem anderen, selbst von ihm. Sie hatte entschieden ihn zu lieben, sie entschied es jeden Tag aufs Neue. Und trotz allem war sie überzeugt davon, dass er wiederkommen würde, eines Tages. So ging der irisch verregnete Frühling in einen irisch verregneten Sommer in einen irisch verregneten Herbst in einen irisch verregneten Winter über, immer wieder, so dass Jahr um Jahr verstrichen. Der Druck des Vaters wurde immer stärker, so wie der Hohn der Freundinnen, doch sie ließ sich nicht beirren.

„Komm zum Steg, ein Schiff kommt“, rief ihr kleinster Bruder eines Tages im Jahre 1689, und sie rannte, so schnell sie ihre Füße trugen zum Steg, an dem ein Schiff anlegte, in eben jenem Moment, in dem sie den Steg erreichte, und Richard kam von Bord, ging zaghaft auf sie zu. Viele Jahre waren vergangen. Keiner wusste was geschehen war, doch sie sahen sich in die Augen und das genügte, um sich sicher zu sein, es war so, als hätten sie sich just an diesem Morgen verabschiedet und nicht vor einigen Jahren. Und für sie fühlte es sich auch so an, als sie sich umarmten. Da nahm er einen Ring aus einem Beutel, und ergriff ihre rechte Hand, auf die er den Ring schob.

„Ich bin an jenem unglückseligen Tag“, begann er nun zu erzählen, „von algerischen Piraten entführt worden. Diese verkauften mich und die restliche Besatzung an die Mauren auf dem Sklavenmarkt. Ich traf es relativ gut, denn ein Goldschmied kaufte mich und ich absolvierte bei ihm die Lehre. Als nun Wilhelm III den Thron bestiegen hatte, wurde mit den Mauren ausgehandelt, sämtliche Sklaven freizulassen. Mein Meister wollte mich nicht gehen lassen. Er bot mir die Hand seiner Tochter und einen Anteil am Geschäft, wenn ich bliebe, doch ich wollte zu Dir“, schloss er seinen Bericht.

Sie sah auf ihre Hand. Sein Meisterstück, das er über Jahre heimlich gemacht hatte, prangte an ihrem Finger. Zwei Hände, deren Fingerspitzen sich berührten, als Zeichen ihrer Freundschaft. In den Händen, gehalten von diesen, von ihrer Freundschaft, das Herz, als Zeichen der Liebe und über allem thronte die Krone als Sinnbild der Loyalität.

Wenige Tage später heirateten sie und Richard ließ sich als Goldschmied nieder. Seitdem ist der Ring of Claddagh das Symbol für Freundschaft, Liebe und Loyalität. Er wird von der Mutter an die Tochter weitervererbt und noch heute als Ehering getragen. Doch nicht nur als Ehering. An der linken Hand mit der Krone Richtung Fingerspitze, ist er – wie außerhalb des deutschsprachigen Raumes üblich – als Ehering zu sehen. An der rechten Hand getragen, mit der Krone von der Fingerspitze weg, soll er signalisieren, dass der Träger noch Single und mit der Krone zu den Fingerspitzen, dass sein Herz vergeben ist.

4 Gedanken zu “Der Ring von Claddagh

  1. Herzkoma sagt:

    Am Anfang dachte ich schon, der Geliebte sei ertrunken wie in jenem Song von „In Extremo“. Aber das gute Ende hat mich doch sehr berührt. Kein Kitsch. Der Vorgang könnte wirklich wahr sein, weil alle Fakten stimmig sind. Aber es ist nicht wichtig, ob Wahrheit oder Sage, denn das Gleichnis für eine Liebe, die nie vergeht, spricht für sich. Die Geliebte hätte ein Leben lang gewartet und das zeugt von einer Liebe über den Tod hinaus. Und die Liebe wartet ja auch heute noch „In einem kleinen Zimmer in Paris“ 😉

    Ich danke dir für diese Bereicherung meines Wissens und meiner Seele. Wundervoll. LG Sven 😉

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    1. novels4utoo sagt:

      Hallo Sven! In Irland sind diese Ringe allgegenwärtig, und zunächst dachte ich nur, es wäre Touristenfängerei, aber dann war ich in Galway und habe die Geschichte gehört und sie gehört für mich zu den schönsten Liebesgeschichten. Und Du hast recht, es spielt noch nicht einmal eine Rolle, ob sie wahr ist, wichtig ist die Botschaft von Liebe und Freundschaft und Loyalität. Ich freue mich, das Du sie anregend fandst. Sonnige Grüße, Daniela P.S. Ich bin jetzt auf Deine Seite gegangen und habe auf „Fordere eine Einladung“ geklickt. War das richtig so?

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  2. Herzkoma sagt:

    PS: Falls du bei mir mitlesen möchtest, gib mir deine Mailaddy, dann schalte ich dich frei: Aber Warnung: Ich schreibe fast nur Gedichte .. Ist nicht jedermanns Sache .. 😉

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    1. novels4utoo sagt:

      Sehr gerne. Ich mag Gedichte.

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