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Life is too short for boring stories

„Nur noch 700 km“, dachte ich, um mich selbst zu motivieren, „700 km und wir sind endlich zu Hause.“ Zu Hause? Das waren zwei abgelegene Häuser im Südburgenland. Dorthin zogen wir uns zurück, wenn wir nach zehnmonatigen Konzert-, Auftritts- und Publicitymarathon die zweimonatige Sommerpause antraten. Das hört sich zwar nach viel Spaß an, zumal, wenn man die Musik liebt und auch den ganzen Zirkus rundherum, doch irgendwann wird es einem einfach zu viel. Der letzte Gig vor der Pause war deshalb auch immer einer der besten, denn dann, das wusste man, konnte man mal für einige Wochen alles hinter sich lassen und die Ruhe genießen. Zwei Monate Rückzug. Das war gerade so lang, dass man in der letzten Woche schon wieder kribbelig wurde, endlich wieder aus der Einöde wegzukommen, hinein ins volle pralle Leben. Genau so sollte es sein. Genau so wollte ich es, und die beiden Männer, die nun hinten im Tour Bus schliefen, dachten das gleiche. Sie hatten es sich redlich verdient nach diesem Auftritt. Drei Stunden spielen und dann noch eine Zugabe nach der anderen, als hätten die Menschen Angst, es wäre ihr allerletztes Konzert. Natürlich war es als Abschiedsauftritt angekündigt worden, aber wie schnell überlas man das kleingedruckte „Vor der Sommerpause“. Könnte auch sein, dass ich das ein wenig forciert hatte. Aber nach ein paar Jahren in diesem Geschäft kannte man die Spielregeln und befolgte sie.

Die beiden Burschen waren sicher nicht schlecht mit mir gefahren, stellte ich – mit aller nötigen Bescheidenheit – für mich fest. Seit ich das Management in die Hand genommen und Blondie rausgeworfen hatte, lief es sehr gut. Wobei Management wohl ein wenig hochtrabend klingt. Ich war einfach das Mädchen für alles, kümmerte mich um die Auftritte, die Promotion, die Publicity und die Gage. Dafür konnten sich die Jungs auf ihre Musik konzentrieren. Bei Blondie war das ganz anders gewesen. Sie hatte natürlich auch einen Namen gehabt, aber den hatte ich vergessen oder verdrängt. Jedenfalls war es so, als ich sie vor nunmehr vier Jahren kennenlernte, dass eben jene Dame sie managte. Oder sie behauptete es zumindest. Ich kam nur allzu schnell dahinter, dass sie eigentlich nicht mehr tat, als eine fette Prämie zu kassieren und daneben schön zu sein. „Hört mal Jungs?“, sagte ich damals, „Was tut sie eigentlich anderes, als da und schön zu sein?“ Lange genug war es ihr gelungen diesen tollen Musikern einzureden, sie würden sie unbedingt brauchen, weil sie nichts vom Geschäft verstünden. Es ging nicht wirklich viel voran, und wenn man sie darauf ansprach, dann faselte sie was von Marktgegebenheiten und allem Möglichen. Aber was wollte man von einer Frau erwarten, die sich zehn Jahre jünger machte und sich ständig das Gesicht aufspritzen ließ. „Bald wird sie jünger aussehen, als ihre eigenen Kinder“, warf ich ein. Doch als sie bei den Burschen abblitzte, da war es ganz vorbei mit der Arbeitsmoral. Sicher, sie war verheiratet, aber sie brauchte die permanente Bestätigung. Wenn sie, wie ein Teenager neben der Bühne herumscharwenzelte, Po und Brüste in Bewegung setzte, so konnte sie einem eher leidtun. Eine schreckliche Bürde, wenn es das Wichtigste im Leben war, schön zu sein. Dann begann der Zahn der Zeit zu nagen und man musste unheimlich viel investieren, um den Schein zu wahren. Da blieb nicht mehr viel für anderes. Außerdem musste man permanent fürchten, dass eine Jüngere auftauchte, die den eigenen Status bedrohte. Ein ewiger Kampf.

„Und was sollen wir ohne sie machen?“, wurde ich daraufhin gefragt.

„Jemand anderen suchen, der auch was tut für sein Geld und sich auskennt“, erklärte ich geradeheraus.

„Was wäre mit Dir?“, wurde mir vorgeschlagen, „Du warst jetzt bei so vielen Konzerten dabei, kennst uns und unsere Musik. Mach doch mal. Und der Abend, an dem Blondie ausgefallen ist, da hast Du doch alles fabelhaft hinbekommen.“

„So gut wie sie, kann ich das schon lange“, erklärte ich, „Ok, ich mache es.“ Und mein neues Dasein als Managerin begann mit der undankbaren Aufgabe, Blondie mitzuteilen, dass sie nicht mehr im Spiel war. Die Szene werde ich wohl nie vergessen, wie sie wutschnaubend, doch ohne das Wippen der ausladenden Brüste zu vergessen, davonrauschte, wobei sie es nicht unterließ, mir zu versichern, dass „Heart’n’Heavy“ untergehen werde, ohne ihre glanzvollen Leistungen. Woraufhin ich bloß erwiderte, dass es einen Versuch wert wäre. Ich sollte recht behalten.

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