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Life is too short for boring stories

„Auf dem Weg zur Verwirklichung des Sinnes von Weihnachten“, griff ich den Faden an diesem Tag wieder auf, „Auf dem Weg. Durchs Leben. Des Lebens. Aufbruch und Bleiben, das ist es, was es immer ist, unser ganzes Leben lang. Wir werden geboren. Es ist ein Aufbruch, hinein in ein Leben, das wir zuvor nicht hatten. Es ist nicht schwer. Für die meisten. Sie werden geführt. Führung heißt auch, nein, vor allem, dass wir die Sichtweise derer erklärt bekommen, die uns führen. Liebevoll. Zweifelsohne. Diejenigen von uns, die das Glück haben, liebevoll geführt zu werden. Zugewandt. Mitunter. Empathisch. Durchaus. Aber immer in einer Weise, die uns die Welt erklärt, wie sie derjenige sieht, der uns führt. Es ist von Anfang an ein Lenken in eine bestimmte, scheins vorgegebenen und einzig mögliche, Richtung. Es ist Indoktrination von Anfang an.“

„Weil wir auch keine Wahl haben“, meinte Maria, „Wie sollen wir die Welt sonst erklären, als so, wie wir sie kennen, wie wir sie sehen. Jeder hat nur sein eigenes Sehen. Das kann er weitergeben. Das kann er bezeugen und dafür einstehen. Alles andere ist Nonsens. Es gibt keinen wertfreien Blick auf die Welt, das Leben und die/den Andere*n. Nur den, den wir haben, der natürlich eingeschränkt ist, aber wir haben nun mal keinen anderen. Doch es wäre ein Verbrechen, wenn wir es offen ließen, diesen Neuankömmling im Leben damit alleine ließen. Schließlich gehen wir auch ein Stück des Weges mit, nehmen das Kind an der Hand, so lange es notwendig ist, bis es seinen Weg selbst gehen kann. Das ist zwar eine Vorgabe, aber eine durchaus legitime, um Sicherheit zu geben in einer sonst völlig unüberschaubaren Welt. Dann wird die Hand losgelassen und die/der bis dahin Geführte übernimmt selbst die Führung für ihr/sein Leben. Das ist der Knackpunkt. Viele schaffen es, dass sie es tatsächlich selbst in die Hand nehmen, die Welt trotz aller Vorgaben an Sichtweisen, selbst zu entdecken. Weil sie es dürfen, die bisherigen Sichtweisen zu hinterfragen und so lange abzuändern, bis sie ihre eigene gefunden haben. Dann entdecken sie die Welt neu, so wie sie für sie sein soll, richten sich darin ein und bleiben, an einem Ort, den sie möglicherweise Zu Hause nennen können.“

„Und dann gibt es diejenigen, die nie hinterfragen, nie hinterfragen dürfen“, sagte Jesus sinnend, „Die, die sie führen sind der Meinung, dass es neben ihrer Sichtweise auf der Welt, keine andere geben kann. Zumindest keine mögliche. Sie haben die einzig wahre. Das führt dann dazu, dass sich das Kind, sobald es dazu in der Lage ist, völlig davon distanziert oder es weiterhin gehorsam geschehen lässt, ohne den Kopf zu heben, ohne links oder rechts zu schauen, wobei die völlige Distanzierung auch ein Zeichen dafür ist, dass diese Art der Weltsicht so tief in uns sitzt, dass wir nur in der Opposition damit zurechtkommen. Wir werden sie nicht los.“

„So wie manche die Hand nicht loswerden, die sie führte“, fügte ich nun hinzu, „Die Hand, die sie führte. Sie lässt los. Die Kinder, die Jugendlichen, die jungen Erwachsenen, sie gehen weiter, aber sie klammern sich in ihrem Tun, in ihrer Umsetzung immer noch an diese Hand. Sie lassen nicht los, bleiben gefangen in der Infantilität, weil sie meinen, dass sie sonst keinen Schutz haben. Es sind diejenigen, die die vorgegebenen Sichtweisen in aller Radikalität umsetzen, weil sie nur so die Verbindung aufrechterhalten können, wie sie meinen. Radikalität und Fundamentalismus. Das ist der Stoff, aus dem Alpträume gemacht werden. Es gibt so vieles, was einer gesunden Entwicklung im Wege stehen kann.“

„Was ist eine gesunde Entwicklung?“, hakte Maria nach.

„Eine gesunde Entwicklung ist, dass ich mich eine gewisse Zeit führen lasse, so weit es notwendig ist“, setzte ich zu einer Antwort an, „Ich lasse mir die Welt zeigen und erklären, so wie es diejenigen verstehen, die mich führen. Ich frage nach, hinterfrage, weil ich es darf, was dazu führt, dass beide ihren Blick erweitern. Im besten Fall, wie gesagt. Und wenn ich dann so weit bin, dann lasse ich die Hand los und gehe selbständig weiter, werde mehr, indem ich den Weg gehe, meinen Weg, den für mich lebbaren. Breche auf in dieses Leben, das nun tatsächlich meines ist, bleibe dem Vorgegebenen in einer Form verbunden, dass es meinen Ausgangspunkt bildet, aber mir die Freiheit gibt diesen weiterzuentwickeln. Mich weiterzuentwickeln. Aufbruch geschieht jeden Tag, hinein in das Leben. Ab und an begleiten uns Menschen. Manche bleiben für immer. Verbundenheit. Tiefe Vertrautheit. Andere streifen uns nur. Es ist gut so. Wir lernen. Wir wachsen. Wir gehen voran. So wie es sein soll. Und immer ist es die Ungewissheit, in die wir uns begeben, das Unbekannte. Aber wenn wir die Sicherheit bekommen haben, zu Anfang, dann haben wir keine Scheu, weder vor der Ungewissheit, noch vor dem Unbekannten. Wer keine Sicherheit bekommen hat, warum auch immer, kann nicht anders, als sich am Bekannten festzuklammern, weil er sonst den Boden unter den Füßen verliert und untergeht. Wer Angst hat, kann nicht denken.“

„Josef und Maria brachen auch auf, damals, in die Ungewissheit“, sagte Jesus, „Ich meine, es relativiert sich ein bisschen, weil sie weder ihr Haus verkauften, um endgültig wegzuziehen, noch vertrieben wurden. Letztlich machten sie nichts anderes, als eine kleine Reise. Doch selbst auf dieser kleinen Reise wussten sie nicht, was sie erwarten würde. Doch sie hatten Vertrauen, Vertrauen, dass es gut werden würde, wie auch immer. Selbst dann noch, als sie nach stundenlanger Suche nach einem Quartier, nachdem sie die scheins letzte Möglichkeit ausgeschöpft hatten, immer noch auf der Straße standen. An dieser Stelle wäre es durchaus legitim gewesen, dass sich eine gewisse Verzweiflung breit gemacht hätte. Nach menschlichem Ermessen, so könnte man sagen, gab es keine Möglichkeit mehr eine Unterkunft zu finden. Das ist die Hoffnung wider alle Hoffnung. Und dann ergab sich auch etwas, auch wenn es nach menschlichem Ermessen unmöglich war. Doch dieses menschliche Ermessen ist so eingeschränkt, weil es um die Verknüpfungen und Zusammenhänge nicht weiß, nicht wissen kann, denn es sieht nur seinen eigenen kleinen Ausschnitt von der Welt. Alles andere bleibt im Dunklen und es ist, als würde es dieses gar nicht geben. So gesehen, gibt es dieses auch nicht. Wer dann von Unmöglichkeit spricht, bringt nur zum Ausdruck, dass es außerhalb dieses kleinen, eingeschränkten Blickwinkels, nichts geben kann. Doch meine Eltern machten sich keine Sorgen. Es gab mehr als was sie sahen, mehr als sie überblieben konnten. Und so wurde ihnen die Möglichkeit eröffnet, diese Nacht im Stall zu verbringen. Dort, wo ich zur Welt kam. Ein Bleiben für eine kurze Zeit, durchatmen, um dann weiterzugehen. Immer weiter. Vom Ausgangs- zum Endpunkt. Von der Geburt zum Tod. Bleiben und Aufbruch in einem.“

„Aufbruch, weil wir die Möglichkeit bekommen, neu zu beginnen“, fuhr ich fort, „Aufbruch zu diesem Weg, der wird, indem wir ihn gehen. Bleiben, weil wir immer die sind, die wir sind, in dem Moment, im jeweiligen. Egal wo wir hingehen, wir nehmen uns immer selber mit, uns und unsere Sichtweise auf die Welt, unsere eigenen Vorgaben, die Brille, durch die wir die Welt sehen, ohne diese Brille zu bemerken. Wahrscheinlich können wir sie gar nicht bemerken, zu sehr ist sie mit uns schon verbunden. Es schmerzt nur, wenn wir sie abnehmen. Dann schließen wir womöglich die Augen, zunächst, weil wir es nicht wahrhaben wollen, was wir ohne unsere doktrinäre Brille zu sehen bekommen. So wie die Vertreter der Kirche sich weigerten durch Galileos Fernrohr zu blicken. Sie wollten es nicht sehen, nicht wissen. Denn es hätte alles Bisherige in Frage gestellt, hätte sie selbst in Frage gestellt. Und niemand verlässt gerne die Sicherheit, die Komfortzone, in der er sich befindet.“

„Die Menschen, die nun aufbrechen, wohl auch gerade in diesem Moment, aufbrechen, um ihr Land zu verlassen, in dem es gefährlich für sie ist, in dem es kein Überleben gibt, machen es nicht, weil sie die Welt erobern wollen, sondern weil sie nichts anderes wollen, als zu leben und einen Platz, an dem sie das in Frieden und Sicherheit tun können,“ sagte Maria nachdenklich, „Alles Vertraute, alles Bekannte lassen sie hinter sich. Das macht man nicht einfach so, weil man gerade Spaß daran hat, sondern weil die Not einen treibt. Ganz anders, als wenn wir mal schnell wohin jetten um angeblich fremde Kulturen kennenzulernen, rasch drüber schauen und zu Recht darauf vertrauen können, dass alles so ist wie es war, wenn wir wieder zurückkommen.“

„Kulturtourismus, bei dem wir nichts tun, als unser gewohntes Leben für eine gewisse Zeit in eine andere Region zu verlegen“, ergänzte ich, „So wie ich aufgebrochen bin, um hierher zu kommen, bloß um festzustellen, dass es ganz genau so ist wie Zu Hause. Die Landschaft ist anders. Die Menschen sprechen eine andere Sprache. Das ist aber auch schon alles. Ich bin die, die ich zu Hause war. Die ich immer sein werde, ganz gleich, wo ich hingehe, oder wie weit ich versuche mit wegzubewegen, es gibt keinen Ort und keine Entfernung, die mich von mir trennen könnte.“

 

Und während ich nach dem Sinn von Weihnachten suchte, suchte ich letztendlich nach dem Sinn meiner eigenen Existenz, meiner Verwurzelung und meiner Möglichkeit zu wachsen.

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