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Life is too short for boring stories

Es war einfach undenkbar, einfach so ein Für-Immer zu versprechen. Aber gleichzeitig sah sie diese hoffnungsfrohen Augen, diese Lebendigkeit, die ihn strahlen ließ. Ja konnte sie nicht sagen, aber auch nicht Nein. Sie spürte in sich, dass sie nicht Nein sagen wollte. Aber was blieb dann noch? Deshalb fasste sie seine Hände und meinte:

„Lass uns nicht ein, auf diese Art der Verpflichtung. Sondern vielmehr von Tag zu Tag überlegen, ob es gut wäre, unser Gemeinsam.“

„Und das Vorlesen, Zuhören“, fügte er rasch hinzu, „Gut, ich bin bereit mich damit zu begnügen.“ Und das war vor nunmehr dreißig Jahren gewesen. Es hatte sich erfüllt, das Für-Immer und sie ist froh, dass sie auf ihre innere Stimme gehört hatte, damals.

Ruhig sind seine Atemzüge auf ihrer Brust. Sie lauscht in die Dunkelheit, die nur durch einen schmalen Lichtstreifen, den der Mond durch das Fenster wirft, unterbrochen wird. Er fällt genau auf sein Gesicht. Seine Züge wirken sanft und vertraut, fast wie die eines Kindes.

„Es ist gut, wie es ist“, denkt sie unwillkürlich, mit dieser Vorahnung, dass sich das Für-Immer bald erfüllen werde. Sie hatten ihren Frieden miteinander gefunden, ein Friede, der ihnen so lange verwehrt war. Sie war erfüllt gewesen von Rastlosigkeit und er mit seiner Trauer. Zehn Jahre bevor sie sich kennengelernt hatten, war seine Frau gestorben. Nicht überraschend, aber dennoch hatte es ihn im Innersten getroffen, wie er ihr eingestand, gleich am Anfang. Brustkrebs hatte sie gehabt. Fünf Jahre zuvor hatte ihr Martyrium begonnen. Beinahe hätte sie gefragt, ob ihr denn niemand, vor allem keine Ärztin gesagt hatte, sie solle keine Milchprodukte mehr konsumieren. Sie verkniff es sich, weil es keine Rolle mehr spielte, auch wenn sie es nicht verstand, dass die Fachleute der Medizin immer noch so rücksichtslos vorgingen. Es hätte nichts besser gemacht. Vielleicht sogar schlimmer. Es waren Jahre gewesen, in denen sie den Tod erwartet, während sie auf das Leben gehofft hatten. Letztendlich hatte er sie verloren und diese Trauer, die den Verlust begleitete, blieb, auch wenn sie sich im Laufe der Zeit änderte, sie verließ ihn nicht. Mit der Diagnose hatte seine Schlaflosigkeit begonnen und vorgehalten bis zum ersten Vorlesen. Nun streicht sie ihm doch durchs Haar. Ganz sacht. Wer weiß, wie oft sie es noch würde tun können. Mittlerweile ist er 90 und sieht tatsächlich jeden Tag und jeden Abend des Vorlesens als Geschenk.

Plötzlich dreht er sich um, weg von ihr und ihrem Arm. So ist es immer. Sie dreht sich auf ihre Seite. Sie hatte nicht Ja sagen können, zu diesem Für-Immer, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass ein Miteinander gedeihlich sein konnte. Vielleicht eine gewisse Zeit, aber dann schlichen sich regelmäßig Verschleißerscheinungen ein, Nachlässigkeiten, Selbstverständlichkeiten, die vergessen ließen. Sie wollte das nicht erleben, aber es geschah nicht. Er ließ sie sein, einfach sein, wie sie war, unaufdringlich und zugewandt. Und sie wusste und weiß es zu schätzen. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass es diesen einen Menschen gibt, mit dem man das Leben ertragen kann, umso besser, desto mehr einem das Leben aufbürdet. Natürlich lag es auch am Vorlesen. Es war etwas, was sie miteinander teilten, Geschichten, die sie erlebten, Gedanken, auf die sie sich miteinander einließen. Es mussten wohl hunderte Bücher gewesen sein, die sie ihm im Laufe dieser 30 Jahre vorgelesen hatte. Es gab keine Struktur und keine Vorgaben. Belletristik wählten sie ebenso wie Sachbücher, Romane und gelegentlich Lyrik, Dramatik und Essayistisches. Von Anfang an lag diesem Vorlesen ein Zauber inne, der es nicht nur nicht verließ, sondern sich sogar verstärkte, eine besondere Art der Verbundenheit. Und während sie nach wie vor auf seine ruhigen Atemzüge hört, denkt sie daran, dass sie immer schon gerne vorgelesen hatte. Wahrscheinlich, so lässt sich vermuten, weil ihr vorgelesen worden war. Kluge Pädagog*innen sind sich da immer ganz sicher. Man lernt durchs Vorbild. Weit gefehlt, denn es war ihr nie vorgelesen worden. Vielleicht sollte sie diesen studierten Erziehungsexpert*innen sagen, dass sie einmal über das Konzept „Lernen durch Abwesenheit“ nachdenken sollten. Sie las vor, seit sie lesen konnte. Nicht ihren Puppen, weil sie keine gehabt hatte, aber sich selbst und tat so, als wäre da jemand, der sie in den Arm nahm und ihr vorlesen würde. Es blieb bei der Vorstellung. Langsam rollt ihr eine einzelne Träne über die Wange, im Gedanken an das kleine Mädchen, das sich so sehr gewünscht hatte, es wäre jemand da, der sie in den Arm genommen hätte.

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