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Life is too short for boring stories

The empty store

1. Wurzeln

 

Lilith machte gerade Tee, an diesem Morgen, der die Menschen mit einem klaren Himmel und Sonnenschein begrüßte, als die Glocke an der Türe erklang, die anzeigte, dass jemand das Geschäft betreten hatte. Da stand er also in der geöffneten Türe, als wüsste er nicht, ob er wirklich eintreten sollte oder nicht. So blieb er in der Unentschlossenheit, während die kalte Luft von draußen sich nicht aufhalten ließ.

„Guten Morgen“, sagte Lilith, „Wollen Sie nicht hereinkommen?“

„Guten Morgen“, entgegnete der Unbekannte und zog, eher aus Gewohnheit als aus wirklicher Ambition, den Hut, „Ich wollte eigentlich nur wissen, was das zu bedeuten hat. ‚Was brauchst Du wirklich?’, mehr wollte ich nicht.“

„Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir, und wir trinken eine Tasse Tee miteinander“, schlug Lilith vor.

„Aber ich wollte doch nur, und ich muss auch gleich wieder weg, denke ich“, entgegnete der Mann. Lilith musterte ihn. Er war großgewachsen, mit breiten Schultern, die sich ein wenig nach vorne neigten, als würde er sich zusammenziehen, als wollte er sich selbst zusammenhalten, als hätte er Angst sich zu verlieren. Seine braunen Augen wirkten jung und lebhaft, neugierig und warm, wenn er es zuließ. Jünger wirkten sie als er wohl wirklich wahr. Um die sechzig schätzte Lilith, und das nicht nur wegen der grauen Haare. Es hat nicht viel zu sagen.

„Tatsächlich, wohin müssen Sie denn so eilig?“, fragte Lilith, während er nun doch die Türe schloss und nicht nur den angebotenen Stuhl, sondern auch eine Tasse Tee annahm.

„Ich weiß nicht, aber es gibt viel zu tun, und ich kann auf gar keinen Fall länger bleiben“, beharrte er.

„Mein Name ist Lilith“, stellte sich Lilith vor, „Und ich habe hier ein Geschäft, in dem man nichts kaufen, und doch sehr viel bekommen kann.“

„Ruben, sehr erfreut“, gab er zurück und reichte ihr die Hand, „Und was kann man bekommen? Ich gebe zu, es verwirrt mich. Normalerweise geht man in ein Geschäft, sucht sich was aus, zahlt und geht. Dann ist dort eine Lücke. Sie wird aufgefüllt und alles beginnt wieder von vorne. Es ist egal. Es berührt nicht. Nur ein Geschäft. Und dann gibt man die Dinge, die im Grunde genommen, nichts bedeuten an jemanden anderen weiter und nennt es Geschenk. Man schenkt Bedeutungslosigkeit. Es bleibt nichts haften. Es gibt nichts Halt. Es geht immer vorbei.“

„Aber was gibt dann Halt?“, fragte Lilith interessiert.

„Ich weiß es nicht“, gab er offen zu, „Vielleicht gibt es ihn gar nicht, und wir bilden es uns nur ein, weil es zu erschreckend wäre sich etwas anderes einzugestehen.“

„Was wäre das?“, forschte Lilith weiter.

„Das wäre, das es gar keinen Halt gibt, nichts, was uns davon abhält wie ein loses Blatt im Wind über die Erde geweht zu werden, immer rastlos, immer namenlos, immer getrieben, bis der Wind vergeht und man niedersinkt um zu verrotten“, entgegnete Ruben, und Lilith meinte, dass er die Schultern noch ein wenig mehr einzog.

„Jeder von uns hat irgendwo einen Halt, hat Wurzeln, denn wir alle haben eine Herkunft, ein Woher“, entgegnete Lilith.

„Ja, vielleicht“, gab Ruben zögernd zu, „Aber wenn ich denn wirklich so etwas wie Wurzeln hatte, dann habe ich sie verloren, dann wurden sie irgendwann ausgerissen. Mein Woher gibt es nicht mehr. Es ist alles vergangen und vorbei. Alles hat mir das Leben genommen was mich mit diesem Woher verbinden könnte. Alles ist weg. Und alles ist Belanglosigkeit. Da gibt es nichts, was Halt bieten könnte oder was mich festigt.“

„Vielleicht sind die Menschen gegangen. Vielleicht ist die Erinnerung verblasst. Vielleicht sind die Bilder abhanden gekommen, die Dich mit diesem Woher verbinden“, meinte Lilith, in einem scheins geheimen Einverständnis, auf das Du übergehend, „Aber das, was Dir dieses Woher mitgab, was Du in Dir trägst, das sind nicht Bilder, nicht Erinnerungen und auch nicht unbedingt die Menschen als sie selbst, sondern das ist das, was sich in Dir durch dieses Woher formte. Es ist die Sicht auf die Welt. Das Erkennen des Wesentlichen und die Versicherung angenommen zu sein, angenommen als Du selbst.“

„Und wenn ich doch angenommen bin, warum haben sie mich dann verlassen, alle der Reihe nach. Sie waren meine Wurzeln, und dann ist eine nach der anderen abgestorben“, entgegnete Ruben.

„Versuch Deinen Blick darauf zu ändern. Nicht Menschen sind Wurzeln, sondern sie geben sie Dir. Die Menschen, die Dich annahmen von der ersten Stunde an, so wie Du bist, sie schenkten Dir die Wurzeln. Es ist ihr Geschenk an Dich. Es ist etwas mit Bedeutung. Es enthebt Dich der Bedeutungslosigkeit“, erklärte Lilith. Und sie erkannte, dass Ruben es versuchte, sich vorzustellen, dass es eine Gabe war, sich vorzustellen, dass diese Gabe blieb, auch wenn die Menschen gingen. Sie nahmen ihr Geschenk nicht wieder mit. Warum auch immer es notwendig war sich zu trennen, das Geschenk konnte nicht vergehen. Für einen Moment schloss er die Augen. Seine Schultern entspannten sich sichtlich. Seine Füße standen fest am Boden, als wäre er sich dessen Bedeutung gerade bewusst geworden.

„Es ist wahr“, sagte er schließlich, nachdem er die Augen wieder geöffnet hatte und sie ansah, „Sie sind da. Nicht sie selbst, aber all das Gemeinsam und das Erleben, und das, was das gemeinsam Erleben aus mir gemacht hat.“

„Dann ist es Zeit sie gehen zu lassen“, fuhr Lilith fort.

„Was heißt das? Sie gehen zu lassen?“, fragte Ruben irritiert, „Sie sind doch längst weg.“

„Nein, sind sie nicht, denn Du hältst sie fest und Du hältst Dich darin fest. Du bist getrieben immer weiter zu gehen um sie zu finden. Doch ganz gleich wen Du triffst, es sind niemals sie. Damit nimmst Du Dir die Möglichkeit wirklich Abschied zu nehmen, und den Menschen, die Dir begegnen, die Möglichkeit als sie selbst gesehen zu werden. Du suchst jemand anderen in ihnen und wirst immer enttäuscht werden. Deshalb musst Du auch immer gehen. Deshalb kannst Du nicht bleiben.“

„Ich tue den Menschen Unrecht“, sagte Ruben leise.

„Du tust Dir Unrecht, wenn Du nicht zulassen kannst“, erwiderte Lilith, „Es ist ein Verbrechen an Dir selbst, an Dir und an Deinem Leben.“

„Jetzt verstehe ich“, erklärte Ruben plötzlich.

„Was verstehst Du?“, fragte Lilith irritiert.

„Das Schild über Deiner Türe, ‚Was Du wirklich brauchst?’. Die Regale sind leer, und gerade deshalb voll mit den Dingen, die man wirklich braucht. Es liegt alles darin, wenn man es finden will. Jenseits der Bedeutungslosigkeit. Ein Geschenk. Eine Bedeutung. Du hast mir gezeigt, dass die Wurzeln, die ich nicht mehr spürte, da sind, dass ich Halt habe und fest stehe. Darf ich noch eine Tasse Tee haben?“ Und zum ersten Mal lächelte er, ein schelmisches, jungenhaftes Lächeln, das ihr wohltat. Das ihm wohltat.

„Musst Du nicht mehr fort?“, fragte Lilith, während sie seinem Wunsch nachkam und seine Tasse neu füllte.

„Natürlich, aber nicht gleich. Ich kann noch ein wenig bleiben“, sagte er sanft.

 

Und in der Auslage fand sich alsbald ein Blumentopf mit einem Samen darin, tief versteckt im Dunkel der Erde. Wurzeln zu fassen, bevor das neue Leben sich auch außerhalb der Dunkelheit zeigte. Wurzeln zu fassen, die es möglich machten sich dem Licht zuzuwenden.

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