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Life is too short for boring stories

Mein Herz war hinabgeschwommen in die Tiefsten den Tiefen, bis zum Marianengraben und hatte sich treiben lassen, von den Wellen des Nordens, des Südens, des Westens und des Ostens. Es war hinaufgeflogen bis zu den Höchsten der Höhen, bis zum Mount Everest und hatte sich tragen lassen, von den Winden des Nordens, des Südens, des Westens und des Ostens. Das Leid zu sehen, sich berühren und verbinden zu lassen. Doch nun war es heimatlos, angesichts der Unmöglichkeit sich unterzuordnen in das hierarchische System, ganz gleich wer darin der Herrscher war. Doch was war möglich, ohne Herrschaft? Musste nicht einer regieren, einer sagen, wo es lang ging, einer anschaffen und den Ton angeben? Würde sonst nicht alles im Chaos versinken? Der linke Fuß woanders hingehen als der rechte? Die linke Hand auslöschen, was die rechte gerade getan hatte? Wäre es denn nicht schäbig und feige und verantwortungslos, auch angesichts all der strategischen Notwendigkeiten, die die Herausforderungen der Welt mit sich brachten?

Herrschaft musste es geben. Muss es einfach. So hatte ich es gelernt. Sofort stellten sich in meinem kleinbürgerlich, verängstigten Denken Bilder von Zerstörung und Gewalt, Vernichtung und Untergang ein, wenn es sich einen Raum ohne Herrschaft auch nur vorstellte. Mehr noch, wenn es sich dieser Vorstellung auch nur annäherte. Das passende Wort zu suchen. Es zu finden. Es vor sich zu haben und liegen zu lassen. Nicht anzufassen, denn es könnte ansteckend sein. Am Boden lag es, neben meinem Herzen, das böse, böse, böse Wort. Dennoch war ich wie fixiert. Diese Berührungsängste hatte mein Herz nicht. Es nahm das Wort auf und forderte mich auf, all meine Vorurteile bei Seite zu lassen und in Ruhe zu bedenken, zumal angesichts der Dringlichkeit einen Platz zu finden, für mein Herz, denn es sollte nicht am Boden liegen bleiben.

Und so nahm ich das Wort in die Hände. Seltsamerweise geschah nichts. Es ging weder die Zivilisation unter, noch wurden alle von wildgewordenen Horden der Unbeherrschten niedergemetzelt. Anarchie, war das Wort, das so viel Schrecken in mir auslöste und jetzt nicht einlöste, was es versprach. Anarchie, das Gespenst, das in den Köpfen würdevoller Männer Angst verbreitete, die ansonsten behaupteten, keine Angst zu kennen. „Wehe, wenn sie losgelassen!“, dachten sie. Deshalb mussten die Fesseln bleiben, wo sie sind. Eigentlich war das Schreckgespenst immer präsent, denn was, wenn sich die Menschen bewegten, endlich bewegten und ihre Fesseln spürten, ja, auch die der modernen Konsum- und Gier- und Neidgesellschaft. Anarchie, ohne Herrscher, ohne Oben und Unten, ohne Befehlshaber und -empfänger. Und dabei ging es doch nur darum, den richtigen Platz für mein Herz zu finden.

Wenn der Kopf die Herrschaft übernimmt, kühl, kalkulierend und logisch, dann würde das Leben erfrieren, müsste sich sagen lassen, was pragmatisch möglich ist und die Leidenschaft, die Zugewandtheit sterben. Wenn das Herz die Herrschaft übernimmt, heiß, leidenschaftlich und empathisch, dann würde es ziel- und planlos dem Impuls im Moment nachgeben und tatsächlich alles im Chaos versinken. Weder die eine noch die andere Herrschaft würde das Ziel erfüllen, dem Leben zu dienen. Kalt und gefühllos die eine Alternative, heiß und impulsiv die andere. Doch gibt es eine dritte Alternative, die beides integriert, die die guten Seiten des einen zum Tragen kommen lassen kann, und dennoch die schlechten verhindert, sie kanalisiert und wandelt? Es konnte nur gehen, wenn endlich der Gedanke der Herrschaft, der Über- und Unterordnung draußen bliebe und ein herrschaftsfreier, ein anarchistischer Raum geschaffen würde.

So dass ich meinen Kopf öffnete, mein gebrandmarktes und geflicktes Herz hineinstopfte und den Kopf wieder verschloss. Nicht Kopf über Herz. Nicht Herz über Kopf. Herz im Kopf. Kopf im Herz. Und plötzlich lösten sich alle Probleme auf. Wo Liebe und Pragmatik sich finden, da ist ein strukturierter, lebensbejahender Aufbau möglich, ein Anpacken und Zugreifen und Verstehen, ein Sich-Hineinversetzen und Mit-leiden, ohne sich davon begraben oder unterkriegen zu lassen. Kopf und Herz vermengten sich und wurden eins, durchdrangen einander und befruchteten sich gegenseitig. Gezähmte Leidenschaft, leidenschaftliche Zähmung. Und mit dieser neuen Erkenntnis trat ich Dir gegenüber. Mit der neuen Ordnung. Mit dem Selbstverständnis einer gelungenen Symbiose im herrschaftsfreien Raum.

Liebe ist Anarchie (4): Festhalten

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