Enthüllung – eine Geschichte in Briefen (3)

Enthüllung – eine Geschichte in Briefen (3) – Themen: Alle Geschichten, Leben, Arbeiterin, Bewusstsein, Briefe, Entwicklung, Offenbarung, Versprechen, Verstehen | novels4u.com

„Was für ein Leben“, dachte ich, als ich den zweiten Brief wieder sorgfältig in den zugehörigen Umschlag schob, „So viel Elend, Angst und Unterdrückung. Diese ständige Angst, auf der Straße zu landen, Angst, keinen Arbeitsplatz zu haben, an dem man von einem Unternehmer bis zum letzten Tropfen für einen Hungerlohn ausgebeutet wurde. Und doch, es ging den meisten gleich. Deshalb wurde auch wenig beanstandet. Es war die Abhängigkeit von einem Menschen, der einen ständig erpressen konnte. Wenn man nicht spurte, flog man. Doch wer war diese mysteriöse Frau, die der Arbeiterin als kleines Mädchen half? Viel zu viel musste sie auf ihren schmalen Schultern tragen.“ Rasch entnahm ich dem dritten Umschlag den Brief und begann zu lesen:

Lieber Freund!

Ich komme nun regelmäßig zu den Treffen der Partei. Noch immer habe ich das Gefühl, dass ich nicht viel weiß, doch ich lausche den Gesprächen und Diskussionen, während ich eines weiß: Dabei geht es um mich, um mich und meine Situation, mein Leben, meine Geschichte. Um mich und die Situation, in der all die anderen Lohnabhängigen sind. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass ich das bis heute nicht wirklich gesehen hatte, wir sitzen in einem Boot und wir sind viele. Ich kann es nur damit erklären, dass wir genug damit beschäftigt werden, unser Leben zu meistern, jede und jeder für sich. Da hat man keine Kraft für politischen Widerstand, keine Zeit, sich bewusst zu werden. Und ich denke, dass das beabsichtigt. So lange wir uns alle nur auf uns selbst konzentrieren können, werden wir nicht aufbegehren. Wir fühlen uns allein, im tagtäglichen Trott gefangen mit der ständigen Bürde, auszufallen und nicht mehr die Leistung bringen zu können, die verlangt wird. Die Angst treibt uns an, nicht die Freude. Und sollte es nicht Freude sein, miteinander. Jetzt wurde mir auch klar, warum die Unternehmensleitung es nicht gerne sieht, wenn wir irgendwo zusammenstehen und miteinander reden. Offiziell sagen sie, wir müssten arbeiten und würden nicht fürs Tratschen bezahlt, doch ich bin nun überzeugt, dass sie es nicht vertrugen, wenn wir uns austauschten, denn das hätte uns erkennen lassen, dass es uns allen besser ginge, würden wir uns zusammentun, um uns für unsere Anliegen einzusetzen. Das sollte unbedingt verhindert werden. Umso weniger wir miteinander sprachen, desto leichter ist es auch, uns gegeneinander auszuspielen. Es hat lange gedauert, bis ich das begriffen habe. Noch länger, bis ich es wagte, mit Dir mitzugehen. Denn was würde passieren, wenn jemand von der Firmenleitung entdeckte, dass wir uns organisieren. „Der Herren Sorge gilt unseren Ideen“, heißt es in dem Lied, das wir das letzte Mal gesungen haben. Aber ich wollte ja von der alten Frau erzählen, der ich so viel zu verdanken habe.

Ich wachte damals aus meiner Ohnmacht auf und meine Sorge galt sofort meinen Geschwistern. Die Dame, die ich nicht kannte, nötigte mich liegenzubleiben und ihr von meinen Lebensumständen zu erzählen. Sie kam mir damals uralt vor. Streng wirkte sie, mit dem langen geraden Rock, der hochgeschlossenen Bluse und dem perfekten Knoten, in dem sie ihr Haar gebunden hatte. Deshalb beantwortete ich alle ihre Fragen. Zuletzt meinte sie, sie würde hinaufgehen und auf meine Geschwister achten, so lange ich mich ausruhte. Tatsächlich war es wie eine Erlösung, endlich schlafen zu können. Ich weiß nicht warum, aber ich vertraute ihr. Von nun an unterstützte sie mich bei der Beaufsichtigung meiner Geschwister und sie brachte mir Klavier spielen bei auf dem Flügel, der in ihrer Wohnung stand. Nach und nach erfuhr ich, dass sie offenbar aus der Oberschicht stammte, aber einen Arbeiter geheiratet hatte. Damals, das war viele Jahre her, wurde sie von ihrer Familie verstoßen. Dennoch hat sie ihre Entscheidung nie bereut. Sie besserte das Familieneinkommen mit Unterricht für höhere Töchter in Französisch und Klavier auf. Bei diesen Stunden wurde ihr bewusst, wie herabwürdigend Dienstboten behandelt wurden. Als sie selbst noch in der Lage der Dienstherrin war, war es ihr nicht aufgefallen. Man übernimmt eben, was man vorgelebt bekommt. Es war eine gute, wenn auch harte Schule für sie. Auf dem Kaminsims standen Bilder von drei unterschiedlichen Männern, ihrem Mann und ihren zwei Söhnen. Alle drei verlor sie im großen Krieg. Doch sie machte weiter. Trotz allem. An dem Tag, an dem sie mich fand, verloren auf der Stiege, da wusste sie, dass sie sich um mich kümmern sollte. Das tat sie auch. So hat sie nicht nur mir geholfen, sondern auch sich selbst. Ihre ruhige, besonnene Art tat mir gut. Es war wir ein Aufatmen inmitten all der widerstreitenden Eindrücke, die ich erfuhr. Sie war überzeugt davon, dass ich auf die Universität gehen sollte, um zu studieren. Tatsächlich schaffte ich die Matura mit ihrer Hilfe, trotz aller Widrigkeiten. Ohne sie hätte ich nicht die Kraft gefunden. Ich nahm mir vor, diese Rolle für andere Kinder übernehmen zu wollen. Meine Leistungen waren gut genug, dass ich ein Stipendium erhalten sollte, doch dann starb mein Vater, als ich gerade 18 war. Deshalb musste ich das fehlende Einkommen ausgleichen. So landete ich in der Fabrik, in der wir heute noch beide arbeiten. Es kam zwar anders, als gedacht, aber vielleicht steht es einer Arbeiterin, einer Proletarierin einfach nicht zu, auf die Universität zu gehen.

Danke für Deine Geduld und Deine Unterstützung,
eine Arbeiterin

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