Auf Totschlag hat er plädiert, der Anwalt des Angeklagten. Und die Staatsanwaltschaft stimmte zu. Auch der Richter. Schließlich müsse man es verstehen. Von einem auf den anderen Tag. Nein, von jetzt auf gleich, wollte die Frau den Mann verlassen. Als sie ihm das an diesem Abend eröffnete, fühlte er sich, als wäre er in einen Abgrund gestoßen worden. So seine Aussage. Ein so heftiger Schmerz durchfuhr ihn, dass es ihm den Atem, die Sinne und das Denken raubte. Gebrochen war sein Herz. Meinte er außerdem. Man müsse sich das vorstellen. Jeder Mann könne das verstehen. Nach einem langen Arbeitstag kommt er nach Hause. Die Frau steht in der Diele. Die Koffer gepackt. Sie ginge jetzt. Und dabei hatte er alles für sie getan. Da kann man es verstehen. Die Sicherungen brennen durch. Erklärte der Mann. Und gekocht war auch noch nicht. Das sagte er nicht. Sein Anwalt hatte ihn rechtzeitig gestoppt.
Ein Mann steht vor Gericht, weil er seine Frau ermordet hat. Aus dem Affekt, wie es hieß, denn er hatte sie einfach erwürgt. Es war nicht schwer, jedenfalls nicht für einen Mann, der seit Jahrzehnten als Schweißer arbeitete. Und sie, sie war so zart und klein und unscheinbar. Über die 20 Jahre, die sie verheiratet waren, war sie immer zarter und kleiner und unscheinbarer geworden. Ein hübsches Mädchen war sie gewesen, als er sie ehelichte. Vier Kinder hatte sie geboren und aufgezogen. An Arbeit war nicht zu denken, also keine außerhäusliche Erwerbsarbeit. Arbeit an sich hatte sie genug. Im Haus. Im Garten. Damit sie mehr zu essen hatten. Kartoffeln und Gemüse. Denn er trug einen Gutteil seines Lohnes ins Wirtshaus. So wie es sein Vater gehalten hatte. Und dessen Vater. Es war gute, alte Tradition. Sie war sehr geschickt und brachte die Kinder trotzdem durch. Recht und schlecht. Wegen der Kinder blieb sie. Weil sie nicht wusste, was er mit ihnen machen würde, wenn sie ginge. So ertrug sie die Geldknappheit. Und seine Schläge. Seine Demütigungen. Sein Einfordern der ehelichen Pflichten. Immer öfter mit Gewalt. Zumindest am Anfang. Später nahm sie es hin. Das würde als Einverständnis ausgelegt werden. Weil sie sich wehren könnte. Doch jetzt gab es niemanden mehr, den sie beschützen musste. Die Kinder waren aus dem Haus, hatten ihr Auskommen und ein Heim. Alle vier Kinder hatten sich an das gehalten, was ihnen ihre Mutter immer eingeschärft hatte, dass sie unabhängig bleiben sollten. Schließlich hatten sie den Leidensweg der Mutter hautnah miterlebt. Jetzt hatte sie die Koffer gepackt, die Frau. Zu einer Freundin wollte sie ziehen. Obwohl er peinlichst genau darauf geachtet hatte, dass sie nicht aus dem Haus käme. Die Frau sollte keine Kontakte außerhalb der Familie haben, war es ihr gelungen, eine Freundschaft aufrechtzuerhalten, über all die Jahre. Es war das Schicksal, das sie vereinte. Das gleiche Elend. Die gleiche Misshandlung. Doch die Freundin der Frau hatte das Glück, dass ihr Mann starb. Bei einer Schlägerei. Im Wirtshaus. Deshalb bot sie an, die Frau aufzunehmen, wann immer sie so weit wäre. Jetzt war sie so weit. Der Mann dachte sofort, sie wolle zu einem anderen. Was anderes können Männer auch nicht denken. Was sollte die Frau mit einem Mann, nach ihrem Eheleben. Die Frau gehörte ihm. So dachte er. Mit seinem Eigentum darf man machen, was man will. Das steht im Grundgesetz. Meinte er. Nun, nicht wirklich, aber es war dennoch selbstverständlich und nicht verhandelbar.
Da stand er also, der arme Mann. Seine Frau wollte gehen. Wer würde für ihn kochen? Waschen? Seine Boxsack sein? Er war gebrochen. Verzweifelt. Er wusste gar nicht, was er tat. Plötzlich waren seine Hände um ihren Hals und dann atmete sie nicht mehr. Es tue ihm so leid. Das Gericht befand, es wäre kein Vorsatz. Den armen Mann müsse man doch verstehen, weil er emotional so betroffen war. Das würde doch jeder in der Situation so machen. Oder zumindest nachvollziehen können. Er hatte es auch gar nicht gewollt. Das ist es, was Affekt ausmacht. Deshalb bekam er fünf Jahre. Für Totschlag. Das nennt sich dann unabhängige, unbeeinflusste, unhierarchischen Gerichtsbarkeit.
2 Kommentare
-
Heftig, und – verrückterweise – nur zu gut vorstellbar, dass Menschen (auch Männer sind Menschen, oder?) so denken und agieren. Dass sie dafür auch noch vor Gericht Bonuspunkte bekommen und nicht mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden, auch das gibt es, so unglaublich es einem vorkommen mag. Ein Vorsatz liegt nicht vor? Doch, der liegt schon in der Ansicht, die Frau sei sein Eigentum.
Es wird nur leider von Gerichten nicht zwingend so gesehen…-
Ich gebe Dir recht. Auf das Thema gekommen bin ich aufgrund eines Videos, das sich genau mit dieser Thematik auseinandersetzt. Wenn Männer ihre Frauen, Ex oder noch nicht Ex, ermorden, so oft nach einer langen Phase der Übergriffigkeit und Gewalt. Deshalb hätte sie damit rechnen müssen. Bei Frauen wird dementsprechend oft auf Mord plädiert, weil sie heimtückisch handelt. Das liegt an der juristischen Definition von Mord und Totschlag. Die gehörte dringend reformiert.
-


Kommentar verfassen