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Life is too short for boring stories

„Feste sind so wie man sie sich macht“, dachte ich am Morgen danach, nach dem Heiligen Abend, „Eigentlich so wie im Rest des Lebens.“ Und wir hatten es uns gut gemacht. Ruhig und besonnen und friedlich. Wahrscheinlich, weil wir eben jene Erwartungen hatten, die wir uns auch erfüllten. Jetzt saß ich da und drehte eine Vase in der Hand, eine von jener Sorte, die man normalerweise auf dem Kaminsims oder – falls kein Kaminsims vorhanden – dem Wandschrank einer alten Dame vermutete. Zierliches weißes Porzellan mit hübschen Blümchen drauf. Dort passte sie hin, irgendwie, aber ganz bestimmt nicht zu mir. Dennoch hattest Du sie mir geschenkt. Ich konnte es nicht fassen. Was war Dir dabei nur eingefallen? Hätten wir uns nicht so gut und lange gekannt, wären wir nicht so eng befreundet gewesen, ich hätte es noch irgendwie verstanden, aber das waren wir nun mal und es passte einfach nicht.

Endlich klingelte es an der Haustüre. Ich ging hin, um zu öffnen.
„Guten Morgen!“, grinstest Du mich an, mit diesem jungenhaften, gewinnenden Lächeln, das mich dazu verführen konnte, Dir alles zu verzeihen. Außer dieser Vase.
„Guten Morgen!“, erwiderte ich, die Vase immer noch aufreizend in den Händen drehend.
„Was ist, willst Du mir keinen Kaffee anbieten?“, fordertest Du mich auf.
„Ich weiß nicht ob ich das will“, gab ich provokant zurück. Dabei wusste ich genau, dass ich es wollte. Genauso wie Du. Du solltest zumindest die Chance bekommen mir dies zu erklären.

„Hör mal“, sagtest Du, als wir dann bei Kaffee und Keksen beim Kamin saßen, „Die Vase ist nicht für Dich.“
„Das beruhigt mich schon sehr“, erklärte ich erleichtert, so dass ich mich nun berechtigt sah, dieses scheußliche Ding wieder in die Verpackung zurückzugeben, „Denn als Du mir ankündigtest, dass Du etwas ganz Besonderes für mich hast, dann war das nicht ganz das, womit ich rechnete.“
„Das kann ich auch gut verstehen“, meintest Du, „Du weißt ja, ich wollte das Geschenk noch unbedingt vor dem 24 Dezember vorbeibringen. Da hatte aber meine Tochter diesen Unfall. Das brachte alle meine Pläne völlig durcheinander. Deshalb schickte ich einen Freund los. Zwei Geschenke drückte ich ihm in die Hand, schärfte ihm ein, welches wem gehörte und ließ ihn ziehen, und wie es der Teufel will, verwechselte er die beiden.“ Damit drücktest Du mir ein schmales Päckchen in die Hand, das ich ohne viel Federlesens aufriss. Eine Vase war es ganz bestimmt nicht. Das war beruhigend. Stattdessen hielt ich ein Päckchen Zettel in der Hand, die wie Tagebucheinträge gestaltet waren. Jeder trug die Überschrift „Heute,  …“, dann war ein leeres Feld, das wohl dafür vorgesehen war, das Datum einzutragen, um dann zu folgen mit „haben wir …“ und zu enden mit irgendeiner Tätigkeit. Der Rest des Zettels war mit leeren Zeilen versehen. Und endlich verstand ich.
„Du hast Dir das alles gemerkt?“, fragte ich verdattert.
„Na ja, gemerkt ist übertrieben“, erwidertest Du lachend, weil Du merktest, dass ich endlich begriffen hatte, „Ich habe es mir aufgeschrieben, all das, worüber wir sprachen, was wir gerne machen würden und das ganze Jahr nicht geschafft haben, irgendwie. Das sollte nicht in Vergessenheit geraten und ich hoffe, wir schaffen es nächstes Jahr.“

Nicht nur, dass Du es nicht vergessen hattest, es zeigte auch, dass Du mir offenbar zugehört hattest, auch wenn ich hier und da den Eindruck gehabt hatte, dass dem nicht so war. Mehr noch, Du hattest meine Wünsche ernst genommen, sie Dir notiert und jetzt sah ich einem Jahr voller Erlebnisse entgegen, die unbedingt einen Tagebucheintrag wert wären. Es war wirklich ein ganz außergewöhnlich durchdachtes Geschenk. Stumm umarmte ich Dich. Es war nicht mehr notwendig, dass Du verstandst. Dann aber nahm ich einen der Zettel heraus, der die Überschrift „Spaziergang im Schnee“ trug, setzte das heutige Datum dort ein, wo es vorgesehen war und meinte, „Komm, das machen wir gleich.“ Es fühlte sich so unendlich gut an zu erleben, dass man ernst- und angenommen wird. Das Leben konnte so schön sein.

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