novels4u.com

Life is too short for boring stories

„Es wird Zeit, dass ich wieder etwas arbeite“, sagte Christian unvermittelt, und es war wie ein Rückzug.

„Und was genau hast Du zu arbeiten?“, fragte Martinique. Zumindest in ihrem Kopf. Es gelang ihr gerade noch rechtzeitig ihr vorlautes Mundwerk zu zügeln, denn es wurde ihr im selben Moment bewusst, dass er diesen Satz wohl absichtlich so offen formuliert hatte. Er hatte zu arbeiten, irgendetwas, um ihr zu sagen, dass er jetzt keine Zeit mehr hatte.

„Da fällt mir ein“, entgegnete sie deshalb, ebenso allgemein, „dass ich auch noch was vorhabe.“ Irgendetwas, bloß um zu zeigen, dass es ein Leben dort draußen auch noch gab, auch wenn es ihr im Moment schwer fiel daran zu denken. Aber irgendwie hörte es sich danach an, als könnte es stimmen. Und sobald sie vor der Türe stand, die sie sorgfältig hinter sich schloss, sie den kalten Nachtwind spürte, der sie mit einem Schlag in die Realität zurückholte, wusste sie, dass es stimmte. Sie hatte zu tun. Immer hatte sie zu tun. Das war eben so.

„Es ist nicht gut sich zu verlieren“, hörte sie seine Stimme nachklingen, in ihren Ohren, in ihrem Kopf, „Vor allem emotional. Das ist wie ein Virus. Dagegen gibt es keine Medizin.“

„Man kann nichts dagegen machen“, hatte sie damals geantwortet, aber er hatte es nicht gehört. Es war wohl untergegangen in allgemeinen Gesprächen oder in Geräuschen, die von rundherum auf einen einstürmen oder es war einfach der Wunsch es nicht zu hören. Es war auch nicht notwendig. Sie konnte es für sich behalten.

„Es ist nicht schlimm zu fallen, nicht einmal sich fallen zu lassen, wenn man danach wieder aufsteht“, trichterte sie sich energisch ein.

„Fallen, aufstehen, Strümpfe richten, weiterkämpfen“, war die Parole, woraufhin sie sich zuerst hinunterbeugte um ihre Strümpfe in Ordnung zu bringen, um sich dann aufzurichten und zu gehen, ohne sich umzudrehen. Niemals darf man sich umdrehen, denn sonst ergeht es einem wie Lots Weib, man erstarrt zur Salzsäule und bleibt in der Vergangenheit haften. Dabei geschieht das Leben niemals in der Rückwendung. Sondern nur hier. Gerade eben da. Nirgends sonst.

Nicht zurückblicken, sich nicht umwenden. Es fiel ihr nicht schwer, denn ihre Gedanken waren bereits vorausgeeilt, hatten hektisch zu suchen begonnen, was es denn wirklich zu tun galt. Aber wenn sie gemeint hätte, sie könnte damit verhindern, dass er es sähe, wie sie zurückblickte, vielleicht sogar Wehmut unterstellend, so hatte sie sich geirrt, denn er hatte sich tatsächlich sofort an seine Arbeit gesetzt, was auch immer das war. Er stand nicht hinter dem Fenster, um ihr nachzublicken. Er war in das Bisher zurückgekehrt. In das Gewohnte, das er kannte und genau so wollte. Dennoch war es seltsam. Für einen Augenblick. Er hatte sie aufgehoben und sie mitgenommen, ohne sich Gedanken zu machen. Impulsiv, intuitiv. Einfach so. Fraglos, formlos. Eigentlich töricht. Dann kamen die Gedanken wieder und damit die Fragen. Nachdenklich hielt er inne.

„Wie konnte es sein, dass es in einem Moment so war, und im nächsten Moment ganz anders?“, war eine davon.

„Wie konnte ich nur so kopflos sein?“, eine andere.

„Und was sie wohl jetzt macht, dort draußen in der Nacht?“, eine abschließende, mit der er sich wieder dem zuwandte, was er eigentlich zu tun gedachte. Kurz streifte ihn ein Luftzug, in dem der Duft ihrer Haut lag. Und ihre Wärme. Aber das war sicher nur Einbildung. Er konnte sich aber wünschen, dass es ihr gut ging, was immer sie auch machte oder wo sie das Leben hintrug. Da konnte nichts verkehrt sein. Man musste es noch nicht einmal falsch verstehen. Alles geht seinen Gang und sie ihrer Wege. Das ist eben so. So wie er seiner Wege gehen wollte, ohne dass ihm wer dreinredete.

 

Martinique ging noch einmal zurück, denn sie hatte ihren Mantel hängen lassen. Ihre Freundinnen hatten das Lokal längst verlassen. Es war gut so, denn sie hätten sicherlich eine Erklärung verlangt, wo sie denn abgeblieben war. Sie wollte nichts erklären, weil sie auch gar nicht wusste, was sie hätte sagen sollen. Aber als sie wieder auf die Straße trat, nun angetan mit ihrem Mantel, da pfiff der Wind durch die Straßen, um ihre Beine. Es fühlte sich ein wenig an wie seine Berührung. Diese nahm sie mit, wohin auch immer. Es war etwas, was blieb. Für eine Weile. Christian saß zu Hause. Sie würde es auch bald sein. Es ist gut ein Erleben mitnehmen zu können, ein Erleben und eine Begegnung und eine Berührung, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Und wenn sie diese vermisste, so war es gut, weil das war nur möglich, da sie es erlebt hatte. Ohne Erleben keine Sehnsucht, und ohne Sehnsucht kein Erleben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: