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Life is too short for boring stories

In Kooperation mit VASA Journal on Images and Culture, Bilder @Roberto Muffoletto

Sehen war zuerst. Orientierung passiert vermittels des Sehens. Wichtiges wird angenommen. Unwichtiges wird ausgeblendet. Vieles zieht spurlos vorbei. Erst wenn sehen bewusst geschieht, wenn es konzentriert und fokussiert ist, wird es zum Erkennen und damit zur Bewegung. Teilnahmsloses Sehen. Der Vorgang des Sehens geschieht, weil es eben so ist, bis etwas ins Auge springt, dass der Mühe wert ist, der Mühe sich zunächst physisch darauf zuzubewegen. Die Bewegung führt zu dem Platz, von dem aus das Objekt der Aufmerksamkeit am besten in seiner Gesamtheit wahrgenommen werden kann. Der äußeren Bewegung folgt die innere.

Erkennen, als ein Vorgang der Bewusstwerdung, eine Bewegung hin zum Verstehen. Erkennen, als ein Betrachten in einer bestimmten Weise, die das Objekt der Betrachtung herausfordert. Mich herausfordert. Mich auf es zuzubewegen, äußerlich, und mit dem Erkennen in mir Bewegung freizusetzen. Inmitten all dessen, was ich bis zu diesem Moment erkannt habe, wovon ich mich berühren ließ und was ich als einen Eindruck in mir trage, kommt in Bewegung, weil das neu Hinzugekommene einen Platz beansprucht, der zuvor nicht da war. Diesen Platz schaffe ich, indem ich die neue Erkenntnis in die bisherigen einfüge, so dass ich mich weiterentwickle. Veränderung als innerliche Bewegung, eröffnet durch einen sinnlichen, visuellen Eindruck. So wirkt die Welt auf mich, aber es liegt an mir in welcher Weise sie dies tut. Umso mehr diese Eindrücke sich in mir sammeln, im Laufe der Zeit, desto differenzierter und reicher wird meine Sicht auf die Welt. Daraus erwächst die Demut vor der unendlichen Fülle des Lebens, das mich umgibt, und das ich in meinem Erkennen niemals ganz ausschöpfen kann. Es hält mich beweglich, mein Denken, mein Handeln, mein Fühlen. Es hält mich beweglich indem es mich selbst und mein Bild der Welt in Frage stellt, die Antwort verlangt. Niemand weiß wohin mich diese Bewegung führt. Nicht einmal ich selbst. Je mehr ich an einem Weltbild festhalten möchte, desto mehr werde ich mich fremden Eindrücken verweigern. Wenn ich mich nicht mehr verweigern kann, bekämpfe ich sie. Das ist der Grundmotor jeder Ideologie, dass sie sich nicht in Frage stellen lassen will, sondern sich immer gleich bleiben möchte. Verharren in einem einmal Festgesetzten. Dabei ist es ganz gleichgültig ob sie politisch, sozial, wirtschaftlich oder religiös verbrämt ist. Der ideologieverseuchte Mensch ist unbeweglich. Alles Neue und Fremde wird an sich abgelehnt. Es geht nicht um eine Verweigerung der Wirklichkeit, sondern die Unfähigkeit etwas außerhalb des eigenen Deutungshorizontes anzunehmen. Wenn ich weltoffen, zugewandt und empathisch in einen fremden Mikrokosmos wage, dann führt das Sehen zum Erkennen und zur Bewegung in mir.

 

Das Im-Bild-verbleiben

 

Das Bild

Snowman

 

 

Beschreibung

 

Ein Schneemann. Einfach ein Schneemann. So wie ihn die meisten kennen und wohl auch selbst gebaut haben. Zumeist als Kind. Später dann mit den eigenen Kindern. Aber es ist etwas, das unmittelbar an Kindheit gemahnt. Der Schnee rundherum ist mit Spuren übersät. Doch die, die die Spuren hinterließen, sind verschwunden. Der Schneemann bleibt allein zurück. Mahnmal des Vergangenen. In einem Hinterhof. Durch Mauern begrenzt. Eine Wand ist fensterlos. Zugangs- und ausgangslos. Eine stumme Wand. Einfach nur eine Abgrenzung. Die andere zeigt ein Stück von Fenstern und der Sockel im Vordergrund lässt ein Tor, einen Zugang erahnen, aber nicht sehen. Deshalb wirkt der Raum geschlossen. Auch der Himmel darüber ist nicht zu sehen. Das Licht zeigt an, dass er da sein muss. Die Farbe ist teilweise verblichen. Schattierungen in Orange. Andeutungen von Kellerfenstern, die teilweise eingeschneit sind. Es gibt ein Darunter. Aber kein Darüber. Rechts die Mülltonnen. Eine Abgrenzung. Ein Versuch einer Abgrenzung. Man sieht sie trotzdem. Spielraum. Dahinter Müllraum. Das Entbehrliche. Entsorgung neben Lebensraum. Spielraum. Ein Raum also, der ein Übergangsstadium bezeichnet. Und dennoch bleibt die Ausweglosigkeit evident. Es geht nicht nach Draußen und nicht nach Oben, nur nach Unten – und auf den Müllplatz hinter einer sinnlosen Absperrung. Versuch ohne Irrtum. Oder Durchführung als einziger Irrtum.

 

Geschichte: Wenn ich ein Schneemann wäre

 

Wenn es das Leben nicht schon gäbe, dann würde es jemand erfinden. Trotzdem. Niemand bleibt verschont. Es gibt kein Erbarmen. Grenzenlos die Vorfreude, die sich einstellt, weil man glaubt. Zunächst. Auch an das Leben. Vor allem an das Leben. Damals, snowman-headals ich auch noch glaubte, da bauten wir auch einen Schneemann. Immer nur einen. Ich reichte ihm bis zur Oberkante der untersten Kugel, damals. Aber die Karotte, das wichtigste Utensil, die durfte ich mitten in seinem Gesicht platzieren. Weil ich nicht hinaufreichte hob mich meine Mutter hoch, so hoch, dass ich die Karotte, festgepackt mit meinen kleinen Händchen, mitten im Gesicht anbringen konnte. Einen atemlosen Moment des Schweigens. Dann die Sicherheit, sie würde halten. Erleichterung entfloh mir als herzhaftes Lachen. Als nächstes war die Freude. Sacht setzte mich meine Mutter auf den Boden, bevor sie wieder davoneilte, hinauf in die Wohnung zu ihrer Arbeit. Ich blieb zurück. Zum Spielen. Der Hof war groß. Ich gehe auf die Knie um die Perspektive einzunehmen, die ich damals hatte. Alles wurde größer. Es war eine Hoffnung. Trotz der Mauern. Denn da war meine Mutter, die dort hinter dem Fenster im zweiten Stock werkte. Da war das Tor, das mich eines Tages, wenn ich so weit sein würde, führte. Wie ein zweiter Geburtskanal. Und nebenan die Mistkübel.

 

Wenn ich jetzt hinaufsehe, an den Mauern, dann ist die Beruhigung weg, denn meine Mutter ist nicht mehr hinter dem Fenster. Eines Tages ging sie ins Haus. Und eines anderen Tages wurde sie hinausgetragen. Sie kam nicht wieder. Ich war lange weggewesen. Sie hatte mir geschrieben, dass es ihr nicht gut ginge. Doch ich nahm es nicht ernst. Alte Leute sind so, dachte ich wohl. So schob ich den Besuch hinaus, bis ich niemanden mehr zu besuchen hatte. Erst jetzt fand ich die Zeit. Vielleicht wollte ich auch nicht kommen, nicht erinnert werden, denn ich musste erkennen, nur allzu schnell, dass ich geblendet worden war. Von der allesüberstrahlenden Sonne meiner eigenen Hoffnungen auf ein Leben, das sich weit und sonnig und ergiebig am anderen Ende des Tores finden würde, wenn ich dereinst den Hof verließe. Doch hinter dem Tor war wieder ein Hof. Die Mauern hatten eine andere Farbe. Aber mich konnten sie nicht täuschen. Auch nicht in Verkleidung. Es waren die selben Mauern. Nur, dass sie enger wirkten, weil ich gewachsen war. Das einzige, was sich ändert ist die Perspektive, sonst nichts. Selbst wenn man durch das nächste Tor geht und das nächste. Man landet immer in einem Hof, inmitten von Mauern. In jedem gibt es Fenster, hinter dem jemand wohnt. Aber das geht mich nichts mehr an. Die Türen zu den anderen sind längst geschlossen, nur das Tor, das mir vorgaukelt, dass dort draußen irgendetwas oder irgendjemand auf mich wartet, das findet sich, Überall. Es sitzt auch kein Türhüter davor. Den hat es auch nie gegeben. Es wäre zu beruhigend gewesen. Und nebenan die Mistkübel.

 

snowman-buttonsUnd dennoch kommt jedes Jahr der Schnee. Ein kleines Kind, das einen Schneemann baut. Ein kurioses Gebilde. Kugelberg, der sich nicht bewegen kann. Er braucht das Tor nicht. Er kommt mit dem Schnee und geht mit der Sonne. Ein Schneemann hat es besser. Jedes Jahr kann er kommen und gehen. Er ist der eigentliche Phönix. Er stellt keine Ansprüche, denn er weiß, er wird wiedergeboren. So wie Kinder geboren werden um Schneemänner zu bauen. Und Mütter werden um die Kinder hochzuheben, dass die Karotte an ihren Platz kommt. Dann wissen sie, selbst wenn sie allein im Hof sind, dass hinter einem Fenster, irgendeinem, eine Geborgenheit wartet. Und die Hoffnung auf den Tag, da sie durch das Tor gehen, lebt. Immerhin, die Hoffnung hat es gegeben.

 

Ich kann jederzeit gehen. Davon war ich überzeugt. Das hatte mich beruhigt. Es war auch möglich, jederzeit, nur, dass mich das Weggehen nirgendwo hinbrachte, als dorthin wovon ich ausgegangen war, das war in meinem Lebensplan nicht vorgesehen. Aber wie sollte ein Plan auch stimmen, wenn man nichts wusste über das, wofür man einen Plan macht.

 

Ich setze mich in den Schnee. Neben den Schneemann. Ich bin jetzt wieder so klein, dass ich die Karotte nicht in sein Gesicht stecken könnte. Die Mauern sind zurückgewichen. Nur die Hoffnung, dass hinter dem Tor etwas sein könnte, und wenn es nur irgendetwas wäre, finde ich nicht wieder. Auch nicht die Geborgenheit, die ein unausgesprochenes, doch immer eingelöstes Versprechen war, gab es nicht mehr. Ich würde sitzen bleiben. Es würde wärmer werden. Der Schneemann würde schmelzen. Ich nicht. Irgendwann käme jemand aus einer Wohnung, in den Hof, um den Müll in die Mistkübel zu werfen. Der direkte Weg von der Türe zu den Containern führt über die Stelle, an der ich sitze. Der, der den Mist herunterbringt, um ihn zu entsorgen, müsste ausweichen. Der Weg wird um ein paar Schritte länger. Das hemmt seinen Schritt. Aber nur für einen Moment. Dann findet er einen anderen. Einen ungewohnten. Beim Zurückgehen wiederholt es sich. Er ist es gewohnt, dass andere Menschen stören. Auch das Ausweichen. Ich bleibe sitzen, weil ich nicht schmelze. Dafür kann ich einmal wirklich gehen. Noch einmal erwacht die Hoffnung, dass es dort keine Mauern gibt. Mehr habe ich nicht als die Hoffnung. Nur der Schneemann hat mehr. Er schmilzt, versickert und erhebt sich vom Boden, jedes Jahr aufs Neue. Wäre ich ein Schneemann, bräuchte ich weder Hoffnung noch Geborgenheit noch Tore. Ich wüsste, dass es nichts gibt, außer dem Wiederkommen. Aber das gibt es eben nur für Schneemänner.

 

Inspirative Reflexion

 

Der Schneemann als Symbol der Kindheit. Ein Raum, der längst verlassen wurde, im jetzt des Sehens. Ein Wiederfinden. Ein Wieder-ein-finden. Klein machen. Die Perspektive wechseln. Die Erinnerung an das eigene Tun kehrt wieder. Der eigene Schneemann. Der aussieht wie dieser hier, nur dass man den Raum der Kindheit, den Raum der Geborgenheit verlassen hat. Kindheit als Übergangsstadium, das man so schnell wie möglich verlassen wollte. So lange man klein war, war der Hinterhof die Welt, die Lebenswelt. Man musste hochgehoben werden um dem Schneemann die Karotte anstecken zu können. Man will nicht mehr hochgehoben werden, sondern selbst so groß snowman-facesein. Auch wenn man allein ist, weiß man um die Geborgenheit. Sie ist da. Mit aller Selbstverständlichkeit. Und wenn man dann gehen kann, dann fühlt man sich groß und stark und frei. Man vergisst, weil man auf das Draußen fixiert ist, dass man nicht kennt und von dem man sich etwas verspricht. Immerhin etwas. Erst, wenn man zurückkehrt merkt man, dass es die Geborgenheit ist, die Wachstum zulässt, und die Sicherheit, die Freiheit schenkt. Die Wurzeln sind abgestorben, weil man sie absterben ließ. Und erst da merkt man, dass man ohne Wurzeln auch keine Flügel hat, und wenn man fliegt, dann wie ein Blatt im Wind, das sich selbst keine Richtung zu geben vermag, sondern der Willfährigkeit des Windes ausgeliefert ist. Der Schneemann wird immer wieder neu. Jahr um Jahr. Man selbst wird nicht mehr neu. Selbst wenn es der selbe Raum ist, den man als Kind belebte, kann man in die Kindheit nicht mehr zurückkehren. Und der Blick zum Fenster geht ins Leere. Der Schneemann als das Symbol dessen, das sich immer wieder neu erfindet, wird. Ein Experiment. Eine Versuchung. Nichts weiter. Es gibt kein Zurück. Und das Tor, durch das man zurückkam war nur dazu da, dass man sich bewusst wird, dass ein Weggehen niemals möglich ist. Immer bleibt man. Nur das eine einzige Mal, kann man kommen und gehen. Mauern und Müll, nur notdürftig verborgen, Sinnbild für das Leben. Und mehr als bloß Sinnbild. Wenn man sich niedersetzt und das Gehen verweigert, dann wird es einem abgenötigt. Niemand kann bleiben. Nicht einmal der Schneemann, er kehrt nur immer wieder.

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