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Life is too short for boring stories

Je näher der große Tag kam, desto unruhiger wurde ich. Der große Tag, was immer das auch bedeuten mochte. Irgendwo in mir machte sich Widerstand breit, denn erst dadurch, dass ich mir so viele Gedanken darüber machte, Tag für Tag, nun seit fast drei Wochen, kaum etwas anderes thematisierte, wurde er immer größer, ja beinahe übermächtig. Dazu kam noch, dass ich es unbedingt wollte, diesen Sinn zu finden. Hatte ich ihn nicht schon längst gefunden, indem ich ihn in der lebendigen Liebe, im liebenden Leben gefunden hatte? Es war mir, als könnte ich nicht dabei stehen bleiben, denn das würde bedeuteten, dass dieser Sinn auf diesen einen Tag im Jahr beschränkt blieb, wo er doch jeden Tag des Jahres gelten sollte. Damit minderte sich Weihnachten zu einer zwar äußerst symbolträchtigen Geschichte, aber eben nur zu einer Geschichte, wie es tausende andere auch gab, die gleichfalls bedeutungsschwer waren. Damit war aber die ganze Sache den Aufwand nicht wert. Nicht im Mindesten. Es sollte ein Tag sein wie jeder andere. Ein Geburtstag, ein Gedenktag, wie viele andere auch, wenn man so wollte. Damit ging auch die Möglichkeit einher, das Feiern freizustellen. Und damit war die Allgemeingültigkeit dahin. Aber inwieweit gab es noch so etwas wie Allgemeingültigkeit?

Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Es hing soviel damit zusammen. Der ganze Einkaufswahn, die Vorbereitungen und die Erschöpfung durch dieselben. Und ich tat, was ich immer tat, wenn sich meine Gedanken im Kreis drehten und ich dennoch keine Antwort fand. Ich schrubbte den Fußboden. Auf den Knien. In der Küche beginnend. Aus irgendeinem, mir selbst nicht bekannten Grund, begann ich immer in der Küche. Schrubbte den Fußboden auf Knien, so dass ich meinen Körper spürte, denn mit der Zeit schmerzten die Knie, das Kreuz und die Hände. Ich machte weiter. Um noch mehr zu spüren und die Gedanken zu verscheuchen, die sich so hartnäckig festgesetzt hatten, aber nicht von der Stelle kamen. Zumeist löste sich der Knoten. Andere traten an ihre Stelle. Schlussendlich setzte ich mich. Die Küche blitzte wie sie es wohl seit ihrer Einrichtung nicht mehr getan hatte.

 

„Vielleicht ist es einfach eine Möglichkeit zum Neubeginn“, fasste ich letztlich zusammen, während ich meine schmerzenden Knie rieb, als wenn es etwas nutzen würde.

„Wie meinst Du das?“, fragte Maria nach.

„Diese Zugewandtheit zum Leben gerät über das Jahr, durch all die Verpflichtungen, in den Hintergrund, bis wir gar nicht mehr daran denken“, begann ich zu erklären, mich und meine Gedanken, „Dann kommt Weihnachten, und wenn wir die Botschaft so annehmen, wie sie ist, den Sinn erkennen, dann ist das Vergessene wieder da und wir beginnen damit wieder von vorne, oder an der Stelle, an der wir sie vergessen hatten. Dann kehrt wieder Lebensfreude ein, so wie es sein soll, die dann hoffentlich wieder ein Jahr anhält. So ist jedes neue Weihnachtsfest eine Chance.“

„Lebensfreude?“, warf Jesus ein, „Es war letztes Jahr am Heiligen Abend, an dem ich beschloss wieder einmal einer Christmette beizuwohnen und konnte dabei beobachten, was ich immer schon gesehen hatte, wovon ich dennoch jedes Mal aufs Neue hoffte, dass es sich ändern würde. Die Menschen plauderten, lachten mitunter, bis zu dem Moment, in dem sie die Kirche betraten. Dann waren sie plötzlich mucksmäuschenstill. Alle Freude und Fröhlichkeit blieben draußen. Als müsste man sich schämen, wenn man nur irgendwie eine positive Stimmung zum Ausdruck brachte. Ernst, ja beinahe düster waren die Mienen. Streng und diszipliniert. Jedes Leben war wie erloschen, gefangen in einer Spirale aus Schuldbekenntnis und Vergebung.“

„Schuld und Sünde“, griff Maria diesen Gedanken auf, „Es sind die Mittel, die Menschen in Angst und Schrecken zu halten. Obskure Vorgaben werden gegeben, die die Menschen nicht erfüllen, niemals erfüllen. Es ist zu schwer, doch sobald sie fehlen, belastet sie ihr Gewissen und das Leben geht. Es bleibt ein ständiges Schielen auf die Verfehlung. Die eigene. Immer findet sich etwas. Völlig unmöglich, dass jemand nicht sündigt. Es wird schon so gedreht und hingebogen, dass die Menschen nur sündigen können. Und Stück für Stück saugt es ihnen das Leben aus, eingezwängt in ein Korsett von obskuren Vorschriften und Geboten. Dabei gibt es nur eine Sünde, die wider das Leben und deren Entfaltung. Alles andere ist Nonsens. Die einzige Frage, die ich mir stellen müsste wäre, habe ich gegen das Leben gefehlt oder nicht. So wie in der Teilnahme eines Gottesdienstes. Und wenn die Menschen Glück haben, greifen sie den Faden wieder auf, den sie gekappt hatten, als sie die Kirche betraten, wenn sie sie wieder verlassen.“

„Sünde und Schuld“, überlegte auch Jesus, „Es gibt Menschen, von denen behauptet wird, dass sie einem diese Schuld nehmen können, wie es nur Gott selbst kann, wie es das natürliche Empfinden in uns, das in seinem Ursprung immer dem Leben zugewandt ist, zeigt. Sie wissen genau um ihre Macht, diese Stellvertreter Gottes. Was für eine Farce.“

„Anmaßend und grotesk und blasphemisch, eigentlich“, fasste ich zusammen, „Es sind dieselben, die kleine Kinder begrapschen. Sexueller Missbrauch, unterstützt durch eine lebensfeindliche Sexualmoral, so dass es verpönt ist ein normales Sexualleben zu führen, wodurch sich der Trieb auf diese Weise Luft macht. Indem man Kinder missbraucht. In den Heimen, Kinder misshandelt. Frauen in den Magdalenen Heimen. Weil sie gesündigt haben. Man hat jedes Recht auf sie. Missbrauch und Misshandlung, Zerstörung von unzähligen Leben innerhalb einer Institution, die sich anmaßt über die Sünden der anderen urteilen zu dürfen, diese dafür zu verurteilen, doch sie selbst können sündigen so viel sie wollen. Es ist normal. Es geschieht. Alle sehen weg, denn alle wissen es. Bis es aufgedeckt wird. Bis ein Skandal durch die Medien zieht. Und die Täter werden weiterhin geschützt. Sie werden nicht bestraft. Vielmehr dürfen sie so weitermachen wie bisher. Mehr noch, es werden die an den Pranger gestellt, die diese Skandale aufdecken, weil sie nur im Sinn haben, der Kirche zu schaden. Und niemand kümmert sich um die Opfer.“

„Nirgendwo sind die Opfer so egal“, meinte Maria, „Nirgendwo sonst, als dort, wo man nicht müde wird andere für viel kleinere Vergehen bloßzustellen und ihnen Bußen aufzuerlegen. Da plötzlich gilt es nur mehr, die Täter zu schützen. Darauf wird Geld und Kraft verwandt.“

„Die Umkehr“, sagte ich, „Die Täter werden zu Opfern medialer Schlammschlachten stilisiert. Man sieht keinen Grund diese der säkularen Gerichtsbarkeit auszuliefern, denn oft fehlt das Schuldbewusstsein auch gänzlich. Man hat den Kindern nichts getan und auch den Frauen nicht. Und wenn, dann wird das intern geregelt. Da hat sich der Staat nicht einzumischen, und alle anderen haben nichts weiter zu tun, als demütig die Köpfe zu senken und auf sich selbst zu schauen. Denn wer die Moral predigt muss sie noch lange nicht leben. Nirgendwo sonst wird Heuchelei und Scheinheiligkeit so großgeschrieben und so konsequent verfolgt, wie in der Kirche.“

„Ob ich wohl Aufnahme fände in einem der bischöflichen Palais?“, fragte sich Jesus, „Ein Clochard auf der Durchreise, von dem nichts zu holen ist?“

„Sicher nicht“, zeigte ich mich überzeugt, „Und dabei wäre es so einfach, wenn die Liebe gelebt werden dürfte. Eine Kirche zu betreten und das Lachen nicht draußen lassen zu müssen. Diesen Ort zu nutzen, um sich zur Freude aller zu versammeln, und die Gemeinschaft, die in der Kommunion behauptet wird, lebendig werden zu lassen, um dann gestärkt hinauszugehen. Kein Faden muss gekappt werden, denn die Freude darf mitgehen, hinein und hinaus, lebt drinnen und draußen, bis es keinen Unterschied mehr gibt, außer dem, dass man mit einem Dach über dem Kopf bei Regen nicht nass wird.“

„Und auch die Heuchelei endlich zu beenden, weil es nicht mehr notwendig ist, weil Triebe nicht mehr umgeleitet werden müssen, weil der Priesterberuf nicht vorwiegend von psychisch angeknacksten Persönlichkeiten ergriffen wird, wozu der ständige Schuldkomplex gepaart mit unsäglichem Größenwahn, zwangsläufig führen“, ergänzte Jesus, „Dann hätte die Kirche als Zuflucht wieder einen Sinn, für die Verlorenen und Verratenen, und auch die Clochards auf der Durchreise, denn das Leben ist nichts weiter als eine Durchreise von der Geburt zum Tot. Der Auftrag wäre das Leben zu nutzen, indem man sich seinen Aufgaben in lebendiger, liebender Hinwendung widmet. Und jedes Jahr von Neuem ergeht die Botschaft zu Weihnachten, weil es nie zu spät ist diesen Weg zu gehen, einen Neuanfang zu wagen. So gesehen ist Weihnachten eine Einladung sich auf dieses Grundlegende zu besinnen und es endlich ins Leben zu übersetzen.“

 

Einen neuen Weg einzuschlagen, heißt doch nichts anderes als, nachdem man die Notwendigkeit erkannt hat, einen Fuß vor den anderen zu setzen, zu sehen wohin es uns führt. Vielleicht sogar zu einer Verwirklichung des Sinnes von Weihnachten.

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